Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 40-41 (22.9.1926)
- Date
- 1926-09-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 40/41 Seit* 3 Israels, deren Wesen und Endziel nichts anderes sind, als Frieden. Wie sehr das Hüttenfest alle Merkmale der religiösen Eigenart Israels besitzt, geht schon daraus hervor, daß während alle unsere Feste ohne Ausnahme von der außerjüdischen Welt, wenn auch vielfach modifiziert, nachgebildet wurden, vom Hüttenfest keine Spur bei irgendeinem außerjüdischen religiösen Bekenntnis zu finden ist, und nicht minder daraus, daß gerade dieses Fest von altersher mit Vorliebe zum Gegenstand dej Auslegung für das Herankommen der messianischen Zeit der Menschen- und Völkerverbrüderung gewählt worden war. Um sich davon zu überzeugen, braucht man nur einen Blick in den Abschnitt des Propheten zu tun, der in der Hafthora des ersten Sukkothtages in einer herrlichen Vision zu uns redet: „Und es geschieht, alle, die verschont bleiben von all den Völkern, die gegen Jerusalem ziehen, gehen hinauf Jahr für Jahr, sich zu bücken vor dem König, dem Herrn der Heerscharen und zu feiern das Fest der Hütten." Weshalb gerade das Sukkothfest, lautet die alte Frage! Weil dieses, wie wir gesehen, das jüdische Fest schlechthin ist, und Eigenart, Wesen und Endziel der Religion Israels: Aufhebung der Klassen- und Rassengegensätze, Schaffung eines Gemeinschaftsgefühls der Menschen durch die Erkenntnis Gottes, als des gemeinsamen Vaters aller Menschen, durch den sozialen Frieden und die altruistische Freude, an diesem Feste am klarsten und bezeichnendsten zum Ausdruck gelangen, so sehr, daß es diese seine Eigenart in der besonderen Stellung gegenüber der nichtjüdischen Umwelt bis auf den heutigen Tag behaupten konnte und mußte. Das wird jedoch nicht immer so b-1 eiben. Bis heute ist die Feier des Hüttenfestes allerdings nur für Israel vorbehalten. lehrt, dessen Ende mit Simchath-Thora, mit der Freude an der Thora zusammenfällt. Dies ist in dem Erbe des Meisters begründet. Wie Moses mit hundertzwanzig Jahren noch bei seinem Sterben im Vollbesitze des Augenlichtes, in der Vollkraft, der Lebensfrische war, so ist es seine Lehre und sein Wort in allen Jahrhunderten. Wir beweinen keinen Toten in Moses, aber wir haben auch keine Antiquität, kein Altertumsstück an seinem Erbe. Israel findet sich in jeder Zeit zu Moses und in jedem Zeitalter zu seiner Lehre. Darum hat der jüdische Kalender wohl die schönste Pietät, die liebevollste Treue dem Andenken unseres größten Mannes damit bewiesen, daß er an dem Tage, an dem wir den Tod Moses vorlesen, Simchath-Thora, das Freudenfest der Thora ansetzte. Das Judentum ist der Thora froh, freut sich an der Hinterlassenschaft, dem Erbe Moses, an dereti Lehren und ihrem Gehalte. Die hebräische Sprache hat für „Erbe"' zwei Wörter: „Jeiuscho" und „Moroscho", von denen das letztere den Sinn des „unveräußerlichen" Erbes hat. Darum wird die Thora Moses' „moroscho" genannt. Ein geistiges, ein Herzensband verbindet Erben und Erbgut und nicht der äußerliche Besitz der Thora, sondern das geistige Verbundensein mit dem Nachlasse des großen Lehrers gibt dem Judentume seinen Wert und seine Bedeutung. Ohne Thora gibt es kein Judentum, und risse es sich einmal von der Thora los, es gliche dem Asasel, dem Sündenbock, der seinen Weg in die Wüste nimmt, um dort zu sterben, versunken und vergessen zu sein. Solange Wochen und Jahre ihren Kreislauf nehmen, rollt auch das Buch der Lehre ab und auf, um zu enden und wieder zu beginnen — ein Bild immer wiederkehrenden Lebens. Die Erinnerung an den Tod Moses4 wandelt sich in die Freude an der Thora, denn „es dorrt das Gras, es welkt die Blume, aber das Wort unseres Gottes besteht auf ewig." Alles, was irdisch ist, vergeht, aber ewig grün bleibt der „Baum des Lebens", die Thora Gottes. K. Sehnsucht, Hoffnung und das Streben Israels sind aber seit Jahrtausenden auf das Herankommen jener Zeit gerichtet, wo die erhabenen Ideen seiner Religion, die am Hüttenfeste in so glanzvoller Weise sich manifestieren, die Ideen der Gottesfurcht, der Menschenliebe und der auf sie gegründeten Völkerverbrüderung zum Gemeingut des ganzen Menschengeschlechtes geworden sind. Wie nach einer Bemerkung unseren Alten einst am Sukkothfeste siebzig Glanzopfer für die gesamten Nationen geopfert worden waren, so wird — dieser Hoffnung lebte nicht bloß Israel in der Vergangenheit, sondern lebt in ungeminderter Stärke auch das heutige Judentum — einst der Tag kommen, an dem das von Menschenliebe und der Freude in Gott gewobene Band des Friedens und der Gerechtigkeit sich um alle Nationen schließt. Dann aber wird das Sukkothfest nicht nur von Israel, sondern von allen Völkern der Erde gefeiert werden, als das Fest der Menschenverbrüderung, der Anerkennung und Huldigung für Gott, den Vater der Menschheit. Und in dem Rufe „Und es wird der Ewige König sein über die ganze Erde" — . . . werden sich alle Menschenbrüder widerfinden in der W e 11 e n h ü 11 e, die Gott vor ihrem gänzlichen Verfall aufrichten wird, um sie allen seinen Menschenkindern einzuräumen. Die Hoschana. Eine Betrachtung zum Laubhütteniest. Von Dr. V. K u r r e i n, Rabbiner in Linz. Die Hoschana, das Bachweidensträußchen* ist dasjenige Symbol des Laubhüttenfestes, worüber am wenigsten gesprochen wird und sich auch wenig sagen läßt. Der Grund dafür ist nicht schwer zu finden. Die Palme ist Schönheit, die Myrthe hat Duft, der Ethrog ist die Frucht samt Duft — die Bachweide hat nichts von alledem, weder Schönheit, noch Frucht, noch Duft. Wer nichts hat und sich keiner Vorzüge rühmen kann, hat in der Regel nichts zu sagen und über den ist nichts zu sagen. Er ist schnell vergessen, welkt schnell dahin wie die Bachweide, die schneller welkt als die anderen drei mit ihr im Feststrauße verbundenen Arten. Die Bachweide, so sagen die Alten, gleicht den Israeliten, die sich weder der Gelehrsamkeit, noch der guten Werke rühmen können — also was könnte, was hätte man von einem Israeliten zu sagenr der auch diese Tugenden nicht besitzt? Nichts! Er mag da sein, da sein müssen, sogar mitzählen, aber — zu sagen hat er nichts. Trotzdem waren die Bachweidenzweige ein wichtiger Bestandteil für die Festfreude und im Talmud wird berichtet, daß die Bachweiden an einem Orte unterhalb Jerusalems, der Mozo hieß, wuchsen. Alljährlich wurden sie von dort geholt und dann ringsum den Altar aufgestellt, so daß sich ihre Spitzen dem Altare zuneigten. Mußte man mit Rücksicht auf Sabbat die Zweige bereits einen Tag früher holen, so wurden sie in goldene Krüge gestellt, damit sie nicht welkten. Höchst merkwürdig ist, daß unter allen Pflanzen und Blumen gerade die Bachweide, die keine Vorzüge besitzt, gewählt wurde, und noch mehr, daß sie sogar in doppelter Verwendung vorkommt, erstens beim Feststrauß, dem zwei Weidenzweiglein zugebunden werden, und zweitens am Hoschana rabba als ein besonderes Symbol als