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Die Wahrheit · 1926-09-22 · Heft 40-41 (22.9.1926) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 40-41 (22.9.1926)
Date
1926-09-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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„im Schatten des Allmächtigen" geborgen wußten. Wahrlich, wer nie sein Brot in der Sukkah aß^ nie sein Dankgebet daselbst zum gestirnten Himmel emporgesandt, der kennt ihn nicht — den wahren Herzensfrieden! IL Herzensfrieden erzeugt Herzensfreuden, „Friede" und „Freude" sind nicht bloß wurzelverwandte Wörter, sondern auch stammesverwandte Begriffe, die im Verhältnis der Korrelation zueinander stehen. Freilich, die Freude, die der Hüttenfriede bringt, hat nichts mit jenem grobsinnlichen Genießen zu tun, dias vonder heute lebenden jungen Generation für Freade gehalten wird, während es das Gegenteil davon, Wehe und Bitternis, bedeutet — sie ist vielmehr Freude v o r G o 11, i n G o 11 u n d m i t G o 11. M i t Gott sich freuen, heißt aber nichts anderes als mit den Menschen sich freuen, die Anderen an der Fülle des Eigenen teilnehmen lassen, da ja das Wesen Gottes, wie wir es mit besonderer Klarheit am Neujahrs- und Versöhnungstag erkannten, hauptsächlich im Ausstrahlen unendlicher Liebe und Güte unter die Menschen besteht. „Wer ist der glücklichste Mensch", meint Goethe, „der weiß an fremdem Genuß wie an eigenem sich zu freuen". Das aber ist gerade auch das Wesen der jüdischen Religion und einer ihrer herrlichsten Blüten, das Wesen des Sukkothfestes, daß es von dem E i nz e In e n ein Herz für die Gesamtheit verlangt und ihn lehrt: Es gibt keinen wahren Frieden, wenn der Mensch sich selbst genügt und Eigennutz und Selbstsucht zur Grundkraft seines Lebens werden. Indem der jüdische Mensch am Hüttenfeste verhalten wird, in seine Festesfreude die anderen, zunächst die engsten Familienangehörigen, dann die wirtschaftlich Schwachen und endlich auch die Starnnue.sf r emden einzubeziehen, hebt er die Freude aus der Niederung einer selbstischen iLustempfindung in die Hochregion menschlicher Sittlichkeit empor und gestaltet sie solcherart zu einem Instrument beglückenden Friedens. Denn ebenso, ja vielleicht mehr als durch gemeinsames L e i d wird dürcrr gemeinsame Freude die innere Verbindung der in einem Kreise Verbundenen^ vollzogen. Das Gefühl des vom* Schicksal Enterbten; an der großen Tafel des Lebens, die B e r e c h t igung für ein hoclr so bescheidenes Plätzchen zu besitzen, ist am ehesten geeignet, die Wurzeln des Klassenhasses abzugraben und dein sozialen Frieden die Wege zu bereiten. Solcherart wird die aus dem Schosse des Hüttenfriedens hervorgegangene Festesfreude ihrerseits wiederum zu einem Förderer des Friedens, einem Uebcrwinder der sozialen Gegensätze, wie dies auch äußerlich dadurch hervortritt, daß der vorgeschriebenen Festesfreude am Hüttenfeste koordiniert die Vorschrift über die Verwendung der vier Pflanzenarten in der Tora erscheint: „Und ihr sollt Euch nehmen am ersten Tage eine Frucht vom Baume Hadar, Palmzweige, Myrthen und Bachweide und sollt Euch freuen vor dein Ewigen sieben Tage" — nach der Auffassung unserer Alten bekanntlich ein Symbol für den Gegensatz des Hohen und Niedrigen, Reichen und Armen, und dessen Ausgleichung und Vereinigung durch das Streben der Menschen, sich gegenseitig Glück und Freud e und dadurch Frieden zu bereiten. III. Weil Sukkoth aber wie kein anderes Fest des Judentums ein Fest des Friedens ist, ist es zugleich das eigentliche Fest der Religion Feuilleton E»i Das Ende des Trauern». Die Israeliten beweintea Moses in den Gefilden Moabs dreißig Tage lang, und es waren zuende die Tage des Trauerweinens um Moses. v, U, 8. In der Freude des Simchath-Thora-Festes übersieht man in der Regel, daß dieser heiterste Festtag die wehmütigste Erinnerung, ein gar trauriges Gedenken wachruft. Denn der Schluß der Thora berichtet in den schlichtesten, aber auch ergreifendsten Worten von dem Tode Moses, unseres großen Lehrers. Moses besteigt den Berg Nebo, Gott läßt ihn das ganze Land, das er Abraham, Isak und Jakob zugeschworen, schauen und verkündet ihm: „Dahin wirst du nicht kommen!" Dann stirbt Moses. Mit der Sehnsucht im Herzen, in der Erkenntnis des nicht erreichten Zieles schließt sich das irdische Auge des gioßen Führer — das Auge, von dem die Schrift ausdrücklich sagt, daß es nicht geschwächt und getrübt war. Aller Frommen und Gerechten, aller, denen man zu Dank und Dankbarkeit verpflichtet ist, wird pietätsvoll, auch tränenreich gedacht — für Moses, den größten und besten unseres Volkes haben wir keine Trauer und keine Tränen. „Die Kinder IsraeL weinten um Moses in den Gefilden Moabs dreißig Tage, und damit waren die Tage der Trauer um Moses zuende", sagt die Thora und scheint allzurecht behalten zu haben, denn an Stelle der Trauer ist Freude, ist Simchath-Thora, Freudenfest der Thora getreten. Fast hat es den Anschein, als glichen wir den „seligen" Erben, die der Tod des Erblassers nicht traurig, sondern freudig stimmt, weil sie nun des sehnlichst begehrten Erbes teilhaftig werden und endlich, die Jeruscho, das Erbteil, das sein Besitzer bisher nicht aus den Händen gegeben hat, erhalten. Vielleicht ist was Wahres an diesem Gleichnis. Vielleicht gab es eine Zeit, da die Freude an der Thora Möses die Trauer um Moses verdrängt hatte, da das Bewußtsein, in dieser Thora das höchste ErdengUick, der Güter höchstes zu besitzen, keinen Gedanken der Trauer und des Todes aufkommen ließ. Von dem Stammvater Jakob behauptete einst ein Talmudlehrer: „Jakob, unser Stammvater, ist nicht gestorben!" Als man ihm einwendete, es heißt doch ausdrücklich in der Schrift, Jakob sei einbalsamiert, betrauert und beerdigt worden, entgegnete er: „Solange die Kinder eines Vaters leben, stirbt ihr Vater nicht, lebt er in ihnen fort." So ließe sich auch ein Wort im Talmud in bezug auf Moses deuten. „Am 7. Adar ist Moses gestorben und am 7. Adar ist er geboren worden." An demselben Tage, da Moses gestorben ist, ist er geboren worden, ist er zu einem Leben erstanden, das keinen Tod, kein Ende kennt. Denn Moses ist tatsächlich für Israel und die Judenheit kein toter Held, kein Heros sagenhafter Vorzeit — er ist und bleibt: „Moses, unser Lehrer!" Während alle Gelehrten und Weisen Israels den Titel „Rabbi" ihrem Namen vorangestellt erhalten, wie Rabbi Akiba, Rabbi Jochanan, wird Moses nur genahnt: „Mosche rabbenu, Moses, unser Lehrer." Damit soll gesagt sein, Möses war nicht e i n Gelehrter, ein Weiser, ein Lehrer unter den Weisen, Gelehrten und Lehrern Israels, dessen Wirken mit seinem Leben zusammenhängt, sondern Moses ist unser Lehrer und bleibt es über alle Zeit hinaus. Wird der Gelehrten und Frommen nach ihrem Tode Erwähnung getan, so wird ihrem Namen „ihr Andenken zum Segen" hinzugefügt. Bei dem Namen Moses ist dies nicht gebräuchlich und würde niemand wage, solches zu tun. Denn Moses ist für Israel keine tote Größe, keine Erscheinung, die einer Zeit angehört, für eine andere Zeit aber veraltert, vorzeitisch und unzeitgemäß wird. Das Judentum hat in Moses nie den Mann gesehen, den es beweint und betrauert, sondern nur den Lehrer, der zu jeder Zeit und über jede Zeit hinaus

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