Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 39 (17.9.1926)
- Date
- 1926-09-17
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 DIE WAHRHEIT Nr. 39 bekannt wurde, einen Vertreter der Parteileitung mit so viel Geld, als wir nur augenblicklich zur Verfügung hatten, nach München schickten, um zu helfen, wo wir helfen konnten. Vi e-1 e M i Hionen an Geldern sind damals von uns nach Deutschland gewandert. Bis zum Verbluten haben wir Opfer gebracht, nicht nur in finanzieller Beziehung. Die österreichische Partei hat die davongelaufenen Führer von draußen verpflegt und beherbergt, ein Strom von Flüchtlingen, echte und unechte, hat sich über Oesterreich ergossen und unsere Parteikasse ausgeplündert. Und dies alles hat Hitler vergessen!" Herr Schulz wandte sich sodann den Hitler treu gebliebenen österreichischen Nationalsozialisten zu, die er als „Afterhakenkreuzler" vielleicht wegen ihrer kriecherischen und vor keiner Demütigung zurückschreckenden Unterwürfigkeit gegenüber dem Münchener Diktator? Er sagte: „Hitler hat die Afterhakenkreuzler als das junge, aufwärts stürmende revolutionäre Element bezeichnet. Ich muß es Adolf Hitler von dieser Stelle aus sagen, daß es sich hier um den Auswurf aus unserer Partei handelt. Dieser Auswurf hat sich organisiert und mit viel Hitler-Geschrei ihm unterstellt." Doch nicht genug damit, daß sich dieser „Auswurf" organisierte, er wurde sogar, wie wir ebenfalls berichteten, von Hitler als die eigentliche Landespartei anerkannt, während die Gattermayer-Schulz-Partei in Acht und Bann getan wurde. Zum bevollmächtigten „Statthalter" Hitlers für die Provinz Oesterreich wurde ein bisher vollkommen unbekannter Mann mit dem urgermanisch klingen- Namen Jankovic ernannt; seine Stellvertreter aber führen die nicht weniger germanisch klingenden Namen D r d a und Suchanek. Wir haben in der letzten Nummer die Frage aufgeworfen, wer Jankovic eigentlich sei, und können heute berichten, daß dieser Urgermane aus Bosnien stammt und zuletzt als Major in seinem landsmännischen Bosniakenregiment gedient hat; nach dem Umsturz liebäugelte er mit den Kommunisten und wurde sogar Oberstleutnant der Volkswehr in Bruck a. d. Mur. Jankovic, Drda und Suchanek haben nun von Hitler die Aufgabe erhalten, die österreichischen Nationalsozialisten zu bändigen. Darüber herrscht natürlich in den Kreisen der selbstbewußten österreichischen Hakenkreuzler, soweit sie nicht Hitler blinden Gehorsam leisten, große Erbitterung, der Herr Schulz beredten Ausdruck verlieh: „Ich bezeichne es als eine maßlose Ueberhebung und als einen Eigendünkel sondergleichen, daß wir hier in Oesterreich einen Vormund brauchen. Hier in Wien wurde der Name der Partei geprägt zu einer Zeit, als Hitler vom Nationalsozialismus noch keine Ahnung hatte... Wer nicht mit uns gehen kann, wer sich immer auf einen Führer beruft, der nicht hier ist, sondern anderswo, wem es in unserer Partei nicht paßt, der scheide aus." Am Schlüsse seiner Rede machte jedoch die Empörung einer mehr elegischen Stimmung Platz, als Schulz in ergreifenden Worten den „Niedergang der ganzen Bewegung" beklagte: „Ich weiß, daß vielen von Ihnen die Entwicklung der Frage sehr nahegeht. Alle, die jahrelang einer Bewegung gedient haben, sehen jetzt einen Bruch voraus, der vielleicht das Ende dieser Bewegung sein könnte." Judenstolz. Dieser Tage starb in Bratislava Dr. Josef P e w n y, der Generalstabsarzt in der gewesenen österreichisch-ungarischen Armee war. Dr. Josef Pewny war ein aufrechter und selbstbewußter Jude, der in allen Kreisen hohes Ansehen genoß. Sein Leichenbegängnis gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung der Verehrung für den Verstorbenen. Oberrabbiner Dr. S. F u n k hielt hierbei eine denkwürdige Trauerrede, in welcher er einige Reminiszenzen aus dem Leben des Dahingeschiedenen hervorhob. Eine Begebenheit verdient besonders der Vergessenheit entrissen zu werden. Im Jahre 1896 erhielt Dr. Josef Pewny, der auch Be-« sitzer des Eisernen Kronenordens zweiter Klasse war, eine hohe Auszeichnung von Franz Josef I. Dr. Pewny war damals noch junger Regimentsarzt. Er ging zur Audienz, um sich für die Auszeichnung zu bedanken. Da sagte ihm der Kaiser: Mein Kind, wenn Sie vorwärts kommen wollen, müssen Sie ja früher Ihren Glauben wechseln. Dr. Pewny antwortete hierauf: Majestät, ich bin als Jude geboren und will als Jude sterben. Ich will durch meine Tapferkeit und nicht durch einen Glaubenswechsel Karriere machen. Diese offene und mannhafte Erklärung schadete auch Dr. Pewny nicht. Er erreichte in seiner irdischen Laufbahn eine hohe Karriere und fand nun — auch als jüdischer Held — im Alter von 66 Jahren die ewige Ruhe unter den Seinigen. „Freut euch mit Zittern!" Dieser Vers aus dem zweiten Psalm wurde vom Oberrabbiner Dr. H. P. C h a j e s im Verlaufe eines vor kurzem in den Olympiasälen gehaltenen Vortrages über „Die gegenwärtige Lage im Zionism u s" zitiert, als er rückschauend der Stimmung gedachte, von der die Weitblickenden unter den Zionisten beherrscht waren, als im Vorjahre von den großen Erfolgen der Aufbauarbeit im Heiligen Lande und der gewaltigen Zunahme der Einwanderung berichtet wurde. Herr Dr. Chajes hat recht. Es war eine „zittrige Freude" und — wie wir gleich hinzufügen wollen — eine Freude von kurzer Dauer. Denn alsbald zeigte es sich, daß das Land all die Tausende durch die Meldungen von den „großen Erfolgen" ins Land gelockter Einwanderer nicht ernähren kann. Sie waren also auf die Hilfe von auswärts angewiesen und, als die Geldsendungen aus dem Auslande infolge der fast in allen Ländern der Welt herrschenden Wirtschaftskrise spärlicher wurden, da brachen die vielen noch nicht mit dem Lande verwurzelten Existenzen zusammen und rissen weitere, die schon halbwegs Wurzel gefaßt hatten, mit sich. Die Freude ist geschwunden, das Zittern ist geblieben. Zitterte nicht auch die Hand des Redakteurs der „Morgenzeitung" ein wenig, als er über den Bericht über den Vortrag des Oberrabbiners die Ueberschrift setzte „Politischer und wirtschaftlicher Fortschritt im Zi o n i s mus". Wohl hat Dr. Chajes, der eben von der Londoner Tagung das Zionistischen Aktionskomitees gekommen war, von der Ueberwindung von Hindernissen, von einer erfreulichen Besserung der Verhältnisse zu Frankreich und vom Beginn des Hafenbaues in Jaffa gesprochen, welche Tatsachen als Aktivposten gebucht werden können. Ihnen stehen jedoch viele schwere Passiva gegenüber, die vom Dr. Chajes mit anerkennenswerter Offenheit aufgezeigt wurden, vor allem die Verschlechterung des Verhältnisses zu England und zum Völkerbund und die furchtbare wirtschaftliche Lage im Heiligen Lande. Die zionistische Jahresbilanz schließt somit mit einem erschreckenden Defizit ab. Der einzige wahre „Fortschritt im Zionismus", von dem allerdings in der Rede des Oberrabbiners nichts zu hören war, ist die auch in zionistischen Kreisen sich durchdringende Erkenntnis, daß es so nicht weiter geht. Ritualmordhetze in Polen. Wie aus Warschau gemeldet wird, gab es in dem kleinen P o s e n e r Städtchen Dobrzyn eine kleine Judenhetze', in deren Verlauf auch einige Juden verletzt wurden. Die Ursache war folgende. In der Nähe des Judenfriedhofes wurde die Leiche eines Zigeunerkindes gefunden. Die antisemitischen Hetzer und ihre Presse sprengten nun das Gerücht von einem R i t u a 1 m o r d aus, das unter der ungebildeten Bevölkerung des Ortes große Empörung hervorrief, welche sich bis zu einem Grade steigerte, daß es zu schweren Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung des Ortes kam. Die Polizei schritt ein und stellte die Ruhe wieder her. Bei dieser Gelegenheit wurde merkwürdigerweise auch ein überfallener jüdischer Bürger des. Ortes, namens Flußber<r, verhaftet, jedoch sofort nach Eintreffen der behördlichen Untersuchungskommission freigelassen. Die Erhebungen bezüglich der Leiche des Zigeunerkindes ergaben selbstverständlich die vollständige Haltlosigkeit der Ritualmordgerüchte; das Zigeunerkind war von den Zigeunern selbst mißhandelt und getötet worden, weil es Bnnknoten im Werte von 300 Zloty zerrissen hatte. Sie suchten dann auf eine ebenso einfache wie bequeme Weise die Schuld von sich abzuwälzen, indem sie sich der Kindesleiche unfern des Judenfriedhofes entledigten, um so den Anschein eines Ritualmordes zu erwecken. Hätte die Polizei nicht sogleich die wahren Mörder des Kindes entdeckt, wer weiß, ob es nicht wieder einmal zu einem regelrechten. Ritualmordprozeß gekommen wäre. Im zwanzigsten Jahrhundert aber geht die Hetze selbst weiter. Ein neues Todesopfer des Numerus clausus. Wir haben vor einigen Monaten von der furchtbaren Tragödie des jüdischen Studenten Paul Ranschburg in Budapest berichtet, der sich vor einem dahinbrausenden Schnellzug geworfen und so seinem Leben ein Ende bereitet hat, da der Numerus clausus sein heißes Bestreben, Medizin zu studieren, vernichtete. Er hatte vor zwei Jahren das Obergvmnasium mit Auszeichnung absolviert und wartete seither vergeblich auf die Zulassung zum Hochschulstudium. Seit dem Tode ihres Sohnes war Frau Ranschburg, die Mutter des unglücklichen Studenten dem Trübsinn verfallen und T'at nunmehr durch Leuchtgasvergiftung ihrem Leben ein Ende bereitet. Sie wurde des Morgens tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Die nächste Nummer unseres Blattes erscheint Mittwoch, den 22. September (Erew Sukkaus)