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Die Wahrheit · 1926-09-17 · Heft 39 (17.9.1926) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 39 (17.9.1926)
Date
1926-09-17
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nf. 39 Dffi WAHRHEIT es glücklich auch in einem entlegenen Fache seiner großen Bibliothek entdeckt. Professor Tönnies meint nun allerdings nicht, daß die Schufterei mit den „Protokollen der Weisen von Zion" erst jetzt klargelegt sei, aber er denkt mit Recht, ein Kollektivprotest aller Freunde der Wahrheit würde dazu beitragen, der frechen Spekulation auf die Dummheit und Unwissenheit in Kreisen, die sich für hochgebildet halten, einen Riegel vorzuschieben. Man sollte den p. t. Herren Antisemiten, die sich bei aller Bildung und Gelehrsamkeit doch den Luxus erlauben, gerade mit Hinweis auf die „Protokolle der Weisen von Zion" ihren Antisemitismus zu begründen, diesen Spaß ein wenig verderben. Es wird doch manchen genieren, wenn allgemein bekannt wird, daß er damit auch feierlich und vor aller Welt bekennt: „Ich bin ein Trottel!" * Keine antisemitische Meldung hat den Lesern sämtlicher völkischer Hetzblätter die tiefinnere Seelenfreude bereitet, wie die Feststellung der Tatsache, daß einer der Urheber der grauenhaften Eisenbahnkatastrophe von Leiferde, Schlesinger, ein Jude sei. Sie jubeln alle, natürlich die „Deutsche Zeitung" voran. Der Mann heißt Schlesinger, folglich ist er ein Jude! So selbstverständlich es nun auch ist, daß kein ehrenhafter Mensch die Konfession eines Verbrechers zur Hetze gegen eine ganze Religionsgemeinschaft ausbeuten würde, so selbstverständlich ist es, daß alle Welt sich schon daran gewöhnt hat, daß bei den Juden eine Ausnahme gemacht wird. Freilich, die Freude mit der Schlesingerschen Judenhetze dauerte nicht lange. Der Nachweis, daß der Mord-Schlesinger evangelisch ist, störte peinlich die Hetze. Welch ein Pech verfolgt die Herrschaften bei dem edlen Geschäft der Judenverfolgung. Haas war ein Jude, sollte a tout prix ein Mörder sein, und da stellt sich, gerade als die Judenhetze im schönsten Gange war, heraus, daß der Jude das Opfer und der von den hochangesehenen Patronen der Völkischen geschützte und geschätzte Schröder der Verbrecher war. Und jetzt soll sich nicht einmal ein Mensch namens Schlesinger, der ein mehrfacher Mörder ist, als Jude verwenden lassen? . . . Das wäre denn doch zu arg. * * ■ :•: Sollte da gar kein rettender Ausweg für die völkische Presse gefunden werden? Ein findiger Reporter der „Deutschen Zeitung" kam ihr vorzüglich gelegen und gelogen mit der Mitteilung zu Hilfe, daß zwar der junge Schlesinger, der Sohn, leider evangelisch sei, aber der Vater, der alte Schlesinger, dem Himmel sei es gedankt, ein Jude * ist. Neuer, wenn auch gedämpfter Jubel, der aber allmählich völlig verstummt. Das Berliner Polizeipräsidium erklärte nämlich offiziell, daß es niemals irgend eine Auskunft über die konfessionellen Verhältnisse Schlesingers erteilt habe. Dafür aber wurde inzwischen von der freisinnigen Berliner Presse festgestellt, daß der Stammbaum Schlesingers, der übrigens auch ein organisierter Hakenkreuzler war, väterlicher- und mütterlicherseits bis zum Ururgroßvater hinauf als vollständig einwandfrei eruiert wurde. Pech! Wer weiß, ob sich bei Prüfung des Stammbaumes der hervoragendsten Antisemitenführer ein solches Ergebnis erwarten ließ. Ego. 1 Wahrheiten vom Tage Hakenkreuz wider Hakenkreuz. Die schönen Zeiten des Zionistenkongresses sind längst vorüber, nicht mehr ertönt der stolze Ruf: Heil Hitler! aus tausend hakenkreuzlerischen Kehlen, sondern der Ruf: Los von Hitler! ist heute allenthalben zu vernehmen. Wohl werden auch heute noch aufreizende Reden gehalten, doch es sind Anklagereden wider die eigenen Gesinnungsgenossen, wohl werden auch heute noch Knüppein drohuud geschwungen, aber nicht, um sie auf „fremdrassige" Schädeln niedersausen zu lassen, sondern auf die harten Köpfe, der ehemaligen Parteigenossen. Mitten entzweigespalten ist das Lager der Hakenkreuzler und viele von denen, welche noch vor kurzem Hitler gefeiert und angebetet hatten, nehmen gegen ihren ehemaligen Führer entschieden Stellung. Sie haben erkannt, daß sie vom Münchner Diktator betrogen und au der Nase geführt worden sind, und wollen diesem nicht mehr in „sklavischer Unterwürfigkeit" dienen. InPassau kam,wie wir berichtet haben, die Empörung offen zum Ausbruch, indem es dort zu einem offenen Bruch zwischen Hitler und dem Obmann der österreichischen Partei Schulz gekommen war. Aus dem langen Berichte, den dieser in einer Vertrauensmännerversammlung der österreichischen Nationalsozialisten über den. Krach und seine Ursachen gegeben hat, seien noch folgende Stellen wiedergegeben, weil sie besser als die Ausführungen Außenstehender die Stimmung charakterisieren, von welcher die Mehrzahl der österreichischen Hakenkreuzler gegenüber der Münchaner Zentralregierung und insbesondere gegenüber Hitler erfüllt sind: „Enttäuscht bin ich von Passau zurückgekehrt, und was ich Ihnen heute berichten kann, ist s o niederschmetternd, daß es wohl am besten nicht ausgesprochen worden wäre. Leider sind die Verhandlungen in Passau bereits in die Presse gebracht worden, und so fühle auch ich mich nicht gehindert, endlich einmal den Schleier zu lüften und die Verhältnisse so darzulegen, wie sie in Wirklichkeit sind. Die Führer unserer und der sudetendeutschen Partei wurden von Hitler in der schlimmsten Weise brüskiert und es war nur unserer hohen Einsicht zuzuschreiben, daß nicht schon früher ein Bruch mit ihm erfolgt ist. Immer mehr und mehr mußten wir leider erkennen, daß die Wege der reichsdeutschen Partei von unserem gemeinsamen Programm abwichen. Ich bin auf der Passauer Tagung zu der erschreckenden Erkenntnis gekommen, daß wohl die reichsdeutsche Bewegung eine vielleicht gut militärisch eingerichtete ist, daß sie sich aber weiter nicht unterscheidet von unseren österreichischen Frontkämpfern oder vom Stahlhelm oder anderen komischen Kriegervereinigungen . . .. Hitlers Passauer Rede hat geradezu gestrotzt von falschen Voraussetzungen und Unrichtigkeiten. Wohl das Ueberraschendste an dieser Tagung war nun für mich, daß Hitler keine Debatte zuließ und nur von den Anwesenden Erklärungen entgegennehmen wollte, ob sie sich seinem Befehl unterstellen oder nicht. Sie werden es begreiflich finden, daß ich daraufhin die Tagung verließ . . . Hitler verlangte von uns die bedingungslose Unterstellung. Oesterreich hahe keine andere Bedeutung, als irgendein anderer Gau in Deutschland. Hitler werde einen Reichskommissär für Oesterreich einsetzen und Führer ernennen .... Ueber die früheren verbindlichen Vereinbarungen mit den anderen Bruderparteien setzte sich Hitler mit der Erklärung hinweg, daß er sich als der Stärkere über Abmachungen und Paragraphen hinwegsetze und ganz einfach die Bewegung in Oesterreich an sich reiße. Allerdings hat Hitler dabei vergessen, daß er hier schmähliche Abmachungen bricht, die er nicht mit Franzosen oder Engländern gemacht, sondern mit Parteifreunden, die auf ein deutsches Wort eines deutschen Mannes noch achten." (Offenbar ist Herr Schulz der Ansicht, daß der Bruch von Abmachungen, die mit Franzosen oder Engländern abgeschlossen wurden, minder schmählich wäre. Er vergißt hierbei aber, wie sehr die „Papierfetzentheorie" dem Ansehen Deutschlands geschadet hat.") Im weiteren Verlaufe seines Berichtes wirft Herr Schulz Hitler gewissenlosen Undank vor und weist auf die Leistungen der österreichische Partei für die nationalsozialistische Bewegung hin: „Hitler behauptete, daß wir die Hakenkreuzbewegung in Deutschland nach der Katastrophe vom 8. November 1923 (Hitler-Putsch) als erledigt bezeichnet haben. Hitler soru;hr hier eine ungeheure Unwahrheit aus. Wahr ist, daß wir am selben Tage noch, als das Fehlschlagen des Putsches •vaSÄsrawwwnrxsa&i? '"ä .•<rfnaB-f<vrn~tT,r r •——•~-t^f L^mÖHUfc«.!?**«»-

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