Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 39 (17.9.1926)
- Date
- 1926-09-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Stück der Wiener jüdischen Lokalgeschichte dahin, denn er war nicht nur Meister in seinem Fache, sondern auch Mittelpunkt der guten jüdischen Gesellschaft Wiens, um den sich die Angehörigen der beiden jüdischen Riten, des askenasischen sowohl als auch des sephardischen, geschart haben. So war er Brücke und Stützpfeiler zugleich, Fundament und Spitze in einer Person. Was Oberkantor Bauer für den engeren Kreis seiner Standesgenossen geleistet hat, das steht mit ehernen Lettern in der Geschichte des österreichischen Kantorenstandes geschrieben, für dessen Ehre und Recht er unermüdlich und unter Einsatz seiner ganzen großen Persönlichkeit gekämpft hat. Vor 42 Jahreri gründete der Verstorbene zur Vertretung der Interessen des Kantorenstandes die „Oesterreichische Kantoren-Zeitung". Er war auch der Gründer des „Oesterreichischen. Kantorenverbande sk\ an dessen Spitze er viele Jahre gestanden ist und dessen Ehrenpräsidentschaft er bis zu seinem Tode bekleidete. So wirkte er in Wort und Schrift für die Hebung des Kantorenstandes, mehr noch aber durch das leuchtende Beispiel und nachahmenswerte Vorbild, das er durch seine hervorragende Persönlichkeit der jungen Kantorenschaft gegeben hat. Wir glauben das Andenken des Dahingeschiedenen nicht besser ehren zu können als durch Wiedergabe einer Würdigung, die ihm ein Jugendfreund, Oberkantor Josef R e n d i aus Zagreb, anläßlich seines 70. Geburtstages gewidmet hat. „Zu den Dingen, die für die Empfindungen der Jugend einen gewaltigen Zauber haben und denen Erinnerungsbilder, die nie aus dem Bewußtsein treten, ihre Entstehung verdanken, gehöri für viele unter uns die anmutende Kontur der altehrwürdigen Lampe1), welche ihre sieben Arme, die mit je einer der von dem Propheten2) als Gottesschatz gepriesenen Güter geziert sind, sehnsuchtsvoll gen Himmel emporstreckt. Auf diese sieben Lichter weisen die sieben Dezennien hin, auf welche Oberkantor Jakob Bauer aus dem Gesichtswinkel seines nunmehrigen Ruhestandes mit Stolz und Genugtuung zurückblickt. Die schönsten Besitztümer: Glaubenstreue gepaart mit Würdigung der Z e i t v e rh ä 11 n i s s e3), Geistesstärke, Hilfsbereitschaft, K u n s t s i n ti das Streben nach Erkenntnis, sowie Gottesfurcht waren die steten Begleiter und Stützen seines bisherigen Lebens, die voranschreitenden Engel, auf den Pfaden, die er wandelte. In diese Erscheinung getaucht erfüllt der Stift des Zeichners eine dankbare Aufgabe, wenn er anläßlich des siebzigsten Geburtstages dieses vielseitigen, Wackeren Mannes das festhält, was an ihm der Oeffentlichkeit angehörte: den Kantor und Publizisten. Hegel, dessen Philosophie eine geistige Macht geworden und dessen „absoluter Idealismus"' großen Einfluß auf spätere Aesthetiker ausübte, erblickt in dem Kunstschönen die Vervollkommnung des hinter der Idee zurückgebliebenen Naturschönen. Die Kunst soll der Natur gegenüber nach höherer Vollendung streben. Während aber die Griechen die Kunst nur als eine schöne „Nachahmung"4) der Natur" verherrlichten, antizipierte das alte Judentum den erwähnten höheren Begriff. Der jüdischen Auffassung genügte es nicht, daß die Kunst das innerlich Gewonnene festlege, sie sah schon vor mehr als dreitausend Jahren in der Kunst die Fertigkeit, in freier Gedankenarbeit5) das Erkannte neugestaltend wieder zu gebären. Dem jüdischen Denken war die Kunst die den Künstler6) in das hohe Auf „Schiw-issi"-Tafeln in Synagogen zu sehen. 2) Jesaias 33, 6. 3) Emunas ittceho. *) Mimesis, in Piatos Phädros und in Aristoteles Poetik und Physik; vergl. Zeller, Phylosophie der Griechen. °) Meleches mamaschewes. 8) Chachom lew. Gebiet des Idealen führende Gabe der Umgestaltung des Realen, das Können, das bis zur höchsten Vollkommenheit reichende, ungebundene Umarbeitung7) des Wirklichen hervorbringt. Im Geiste dieses auf hohem Piedestal stehenden altjüdischen Begreifens hat Jakob Bauer als Kantor gewirkt. Unterstützt von einer Kehle, deren Schwingungen — Milde atmend, Erbauung, Erhörung und Versöhnung heischend —, die Stimme der Demut und Ergebung, den echten „Jakobston"8) erzeugten, gab die Feuerflamme der Begeisterung, die in ihm loderte9), seiner Leistung an heiliger Stätte die gestaltende Kraft. Er war immer Schöpfer — nie Nachahmer, immer empfindende Seele — nie Maschine, immer Erbauer — nie Schablone, immer Künstler — nie Nachbeter. Jedesmal wenn er „vor den Tisch, an dem man vor Gott steht" trat, lebte sein Geist wieder auf10), bot er den Reiz der Neuheit, drang aufstrebendes Empfinden in sein Herz, vermochte er im Weinberge seiner Gedankenfülle die reichsten Beeren zu lesen, formte er das gefundene Ideenmaterial zu einem festgefügten Neubau. Im Glänze dieses Vermögens mußte es ihm glücken, die vor seinem Wirken in Wien den sephardischen Gottesdienst kennzeichnende Monotomie zu bannen, dem toten Buchstaben des Gebetbuches frisch pulsierendes Leben, dem vorgedruckten Gebetmuster den verjüngenden Gefühlston einzuhauchen, seinen Gott zu versöhnen, sein Publikum zu erbauen, seine Mission voll und ganz zu erfüllen und des Ehrennamens „Scheliach Zibbur", das ist „Vertreter der Gemeinde" immer würdiger zu werden. Wirkte er aber als Kantor immerhin nur für je eine Gemeinde, als Publizist, als Begründer der „Kantoren- Zeitung", war er Gemeingut seiner Berufsgenossen, und eben deswegen der großen jüdischen Gesamtheit. Nachdem sein Kennerblick in die geheimsten Falten der Herzen seiner Kollegen geschaut hatte, schuf er ihnen mit diesem Blatte ein Arsenal für geistige Kämpfe, ein Forum zur Geltendmachung ihrer Herzenswünsche, ein Zufluchtsort in ihrer Schicksalsschwere, ein Echo ihrer Freuden, eine Fundgrube für Belehrung, einen fruchtbaren Nährboden für wichtige Anregungen in Fragen ihrer Kunst. Ihn krönt mithin der Ruhm, seinen Amtsbrüdern und Kunstgenossen in diesem Blatte der treueste Helfer gewesen zu sein. In dem Kranze, der an dem Tage seines siebzigsten Wiegenfestes sein Haupt schmückte, prangt aber auch ein Ruhmesblatt, welches dem Judentum und der Judenheit kündet, daß er es war, der mit seiner Zeitung das Feld, in das der Same für eine künftige Wissenschaft des jüdischen Kantorates gesenkt werden konnte, urbar machte. Es ist nicht seine Schuld, daß das Gebäude, das die Kultusgemeinde dem jüdischen Kantorentum errichtete, auf schwankenden Säulen ruht, und daß deshalb das Schilf, das er für einen bestimmten Hafen zimmerte, in anderes Fahrwasser gesteuert wurde. Seine Tat war vielversprechend und heilverkündend, so bedeutend, daß es dem Eingeweihten fast wird, als hätte der Exeget seiner Geburtstags-Sidrah auch auf Jakob Bauer das Wort geprägt: „Und es ward Morgen, das ist Jakob."11) .... Nun ist es Abend geworden, und die Sonne, die durch Jahrzehnte das Leben der türkisch-sephardischen Gemeinde erhellt und dem Kantorenstande vorangeleuchtet hat, ist untergegangen. Sonntag, den 12. September, versammelte sich eine unübersehbare Menschenmenge auf dem neuen israelitischen Friedhöfe, um von dem Verstorbenen für immer Abschied zu nehmen. Da sich die provisorische Zeremonienhalle viel zu klein erwies, um all die Hunderte, die Einlaß begehrten, zu fassen, mußte die Trauerfeier unter freiem Himmel vorgenommen werden und dennoch war der zur Verfügung stehende Raum für die große Zahl von Trauergästen viel zu klein. Wer wollte sich darüber wundern, daß die gesamte jüdische Oeffentlichkeit diesem Manne das letzte Geleite gegeben, wer wollte die Namen aller Vertreter der großen jüdischen Korporationen und Vereinigungen, 7) Choschewe maschaschowos. 8) Hakol kal Jaakow. B) Wajiwar bejaakow keesch lehowoh. 10) Watechi mach Jaakow. ") Midrasch Rabba Bereschis,