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Die Wahrheit · 1926-09-17 · Heft 39 (17.9.1926) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 39 (17.9.1926)
Date
1926-09-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Knapp ist die Spanne der Tage bis zu dem neuen Feste, das besondere Zurüstung fordert, nicht allein daheim in der Domäne der Küche und Keller meisternden Hausfrau, sondern auch außerhalb des Hauses in Ausübung männlicher Pflichten. Die kurze Uebergangszeit „michajil el chajil" (Uebergang soll ja das ganze Leben des Juden sein) muß der Hausherr nützen, um die Sukka zu bauen und die „arbaa minim", den „Lulaw", in bester Qualität zu erstehen. Welche Vielseitigkeit wird vom Juden gefordert! Bäcker muß er sein: die Mazzah für Pessach herstellen. Als Maler und Silhouettenschneider-liefert er für Schabuot die „Reiselach": den Fensterschmuck und anderen papierenen Zierat. Die Kunst der M us i k übt er auf dem Schofar aus. Die Tischlerei lernte er einst, um als Mitglied der „Chewra" einen Sarg zu fertigen. Nun am Sukkoth ist er Zimmermann, und in gärtnerischen Fürsorge hat er, wie am Schabuot, die Wände mit frischem Grün zu dekorieren und den Fußboden mit Kalmus zu bestreuen, den Feststrauß in vorschriftsmäßiger Frische zu erhalten und das „S'chach", das Tannenreisig für das Dach der Sukko, zu besorgen. Dieser harzig duftende Gruß aus nordischer Heimat, daneben die Kinder des Südens: Palme, Ethrog, Myrthe, mit der Weide vom Ufer unserer Bäche verflochten — Gottes ist der Orient, Gottes ist der Occident, Ost- und westliches Gelände Ruh'n im Frieden deiner Hände . . . Weit über Paneuropa, ja selbst Eurasier!, dringt die Flucht der Gedanken, die dieses Fest in uns wachruft, das Fest, das uns an Wanderungen der Väter erinnert und daran, daß durch ihr rastloses Wandern die Enkel geistig überall heimisch geworden sind, wo je ein Menschenfuß Erdreich betreten hat, und darum seelisch berufen, Fäden zu brüderlicher Verständigung in der Menschheit zu spinnen. Gerade dieses Fest, das sich ja meist außerhalb des Hauses in halber Oeffentlichkeit abspielt, bot besonders Gelegenheit, die nichtjüdische Nachbarschaft zu Gaste zu laden. So wurde der junge Goethe mit jüdischer Art und Sitte bekannt. Aber auch andere Gefühlsfäden wurden mit Vorliebe in den Mitteltagen dieses Festes geknüpft. An „Chalemaud Sukkaus" reiste man zur „Beschau", schloß man Verlobungen. Um die „Hoschana", einen Bachweidenstiel aus dem Feststrauß, pflegte man die goldene Kette zu wickeln, mit der man den Bräutigam beschenkte. Daher die Redensart: „Er meint nicht die Schane, er meint das Herumgewickelte" in dem Sinne: ihm ist nicht um die ideelle Verbrämung, sondern um den materiellen Kern zu tun. Die Hoschanot wurde hier und da zur Wäsche in den Schrank gelegt, um die Motten fernzuhalten, mitunter auch in den Tefillimbeutel als Talisman gegen allerhand Gefahren. Mit dem Chomez pflegt man sie zu verbrennen. So führt eine Brücke von dem letzten Grün des Herbstes, das im Dienste des Sukkotfestes steht, zum ersten Grün des Frühjahres, das durch die Kräuter auf dem Sedertische vertreten wird. Mit einer Ungebundenheit, die an die Purimfröhlichkeit grenzt, wird der Abschluß der ganzen langen restreihe, S i mchat Tora, gefeiert. In den Gemeinden des Ostens werden öffentliche Urnzüge gehalten, wird der Rabbiner feierlich zum Gottesdienste eingeholt. Bei dem Festmahl, das der „Chatan Bereschit" gibt, geht es hoch her. Die Jugend zieht mit Fahnen und Lichtern am Abend durch die Synagoge. Sie wird am Tage mit Rosinen und Mandeln beteilt. Mitunter verstieg sich die junge Gesellschaft bis zum Abbrennen von Raketen und Flintenschüssen, so daß in den Takkanot, den Gemeindeordtuingen, wiederholt gegen diesen Unfug Stellung genommen wird. Wie jedes Fest seine besondere Speisekarte aufweist, so naturgemäß die Tage, die feierlich den Herbst einleiten. Vor dem Nachtmahl ißt 'man am Rosch haschanah-Abend bei den Sefardim a) einen süßen Apfel, b) Porree, c) Spinae, d) Kürbis, e) eine Dattel, f) den Kopf eines Fisches. Vor dem Genüsse jedes Stückes spricht man einen besonderen Jehi razon für das neue Jahr. Auch bei den deutschen und Ostjuden verzehrt man mit der Bitte um ein glückliches und „süßes" Jahr einen Bissen süßen Apfels, in Honig getaucht. Ein Kalbs¬ oder Fischkopf soll den Wunsch ausdrücken, daß wir im neuen Jahre zum Kopfe und nicht zum Schweife werden, Möhren, daß sich unsere Tage „mehren". Nüsse meidet man, weil egoz Nuß dem Zahlenwerte der Buchstaben nach „chet" (Sünde) ist. Aehnliches „Nomen est nomen" begegnet uns im römischen Altertum und bei den verschiedenen Völkern m späterer Zeit. Zur Schlußmahlzeit vor dem Jomkippur gehören Kräplech (kleine Fleischkrapfen) in der Suppe, die auch, ebenso wie 100 % reines jFett aus ÄoAosri üssen __TBQ die runden (rund vollkommen) „Barches", nicht am Hoschanah rabba und am Purim fehlen dürfen. Das Sukkotfest fordert „gefülltes Kraut", am Hoschana rabba ißt man wegen „Kol mewasser" in Hamburg Kohl, in Wasser gekocht, wie man etwa bei den deutschen Christen am Gründonnerstag „grüne Donnernessel" in das Menü aufnimmt. Arn Schemini azeret gehören in die Suppe „Regenwürmer" (eine Teigform), da man ja um Regen betet. Der jüdische Volksmund im Osten sagt: „Wen men schlugt, kocht man kreplech" (von Kappores-, Scheines- und Homonschlagen auch auf „die Frau schlagen" angewendet), „Kreplech weren auch nimos" (= toujours perdrix), „Ssukojs eßt men gut, und men schluft schlecht" (nämlich in der Laubhütte). „Joim-kippur in ojneß is auch mechaper awojneß" (auch wenn man durch Krankheit am Fasten verhindert wird, werden die Sünden verziehen), „Hoschanorabbo fihrt men die Parches in Bud (Bad) arein" (ein Gassenjun.^cnstrcich), „As men hot nich ken Ethrog, darf men kein pischke (Büchse) nit hüben." „Der Eßrojg kost dus ganze geld, ün iber'n Lülow macht men die b'ruchu!" Von der „Kapporoh" heißt es: „Ganz juhr hodowet (füttert) men di kapuru, ün erew jojm-kipur tliht si aweg". — „Ich darf dich hüben auf kapurojß (Abweisung eines lästigen Menschen). „An geschlagene Kapuru tojg (höchstens) auf kapurojß": ein Huhn, das bereits als Kapporo gedient, darf nicht nech einmal als solche verwendet werden. — „Wer mein geschlugene Kapuru!" (Verwünschung). In Westdeutschland singt man: Wenn Jomkippur is vorbi, Schreien die Hähne Kikeriki! Jomkippur is vorbi! Doch die Gäns, die kriegen moure, Es kommt jetzt Simches toure. Im Osten: As Roisch chojdesch Elul kimmt eran, Tit men e blois mit'n schojfer. Du dermant (erinnert) sich jedermann, Das er ist nur an ojfer (Staub). Der Mann legt weg alle bese Machschowes (Gedanken), Das Weib tut aus die Krenolin,

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