Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 39 (17.9.1926)
- Date
- 1926-09-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr. 39 Unsere Herbstfeste im Spiegel des Volkslebens *) Von Dr. Max Q r u n w a 1 d. Mit dem 1. Elul beginnt man Schofar zu blasen. An diesem Tage stieg nach der Ueberlieferung Moses auf den Sinai, um die zweiten Tafeln des Bundes herabzuholen, was im Lager durch Schofarton bekanntgegeben wurde. So soll der Schofar auch heute zur Einkehr mahnen. In diesen Wochen vor dem Jomkippur besucht man die Gräber der Angehörigen. Mit Beginn der Woche, in die Rosch haschanah fällt, oder falls dies ein Montag oder Dienstag ist, schon mit dem früheren Sonntag angefangen, bei den Portugiesen schon vom 1. Elul an, steht man vor Tagesanbruch auf, um in der^ Synagoge die Selichot (Bußgebete) zu sagen. Da es Brauch *st, zehn Tage einschließlich des Jomkippur zur Buße zu fasten und da an den beiden Tagen Rosch haschanah sowie am Sabbat Schuba (oder T'schuba) und am Ereb Jomkippur Fasten nicht statthaft ist, somit vier Tage entfallen, beginnt man in dem besagten Falle mit den Bußgebeten schon die Woche vorher, und zwar „zur vollen Woche", das heißt mit dem Sonntag. Diese Zeit, in der ohnehin der einbrechende Herbst, das fallende Laub-, der einsetzende Regen und rauhe Winde (das Wort „es slichezt" kennzeichnet die Stimmung) ernste Gedanken wachrufen, diese Tage, an denen man, aus bestem Schlafe geweckt, an der Hand des Vaters, mit der Laterne, fröstelnd, im ersten Morgengrauen den Weg zum Gotteshause zurücklegte und dort die ernsten, klagenden Töne des Gebetes, das Schofarblasen, diese Tage bildeten die passende Ouvertüre zu den „furchtbaren Tagen", den „Jomim noraim", und prägten sich der Kindesseele mit unauslöschlichem Düster ein. Christlichen Nachbarn war diese Zeit darum nicht willkommen, weil die Judenburschen sich die frühe Morgenstunde zunutze machten, um auf die unbehüteten Nußbäume zu klettern und sich dort für die Störung ihrer Nachtruhe zu entschädigen. Am Abend des Rosch haschanah wird der feierliche Eindruck der an Sterben und Vergehen gemahnenden Slichotzeit gekrönt durch die Feierlichkeit, mit der einer mit dem anderen, auch wenn er das Jahr lang kein Wort mit ihm gewechselt, den Glückwunsch tauscht: „l'schana toba tikkateb" oder bei den Sfardim „tisku l'schanim rabbot!", das ist „zu langen Jahren", wie der deutsche Jude sagt. Am ersten Tage des Festes geht man an ein fließendes Wasser und wirft Brosamen hinein: ein Brauch, den schon Petrarca auf seiner Reise durch Deutschland am Rhein Christen üben sah, die damit ihre Sünden abschütteln und flußabwärts ins Meer schicken wollten. In jüdischer Ueberlieferung wird ihm eine andere Begründung gegeben, unter anderem die, daß, wie die Fische nur in ihrem Elemente, dem Wasser, leben können, so für Israel als einzige Lebensmöglichkeit das Leben und Weben in der T h o r a in Frage kommt. In den zehn Bußtagen herrscht im Hause Ernst und verschärfte Vorsicht vor jedem unrechten Tun und unbedachten Wort. Am Ereb Jomkippur zieht in jedes jüdische Herz V e rsöhnlichkeit ein. Wo noch Kapporo-Schlagen geübt wird, umwölkt, trotz dem grotesken Kreischen und ungebärdigen Flügelschlagen des armen Federviehs, die Seele des Kindes die freilich nicht zutreffende Vorstellung, daß dieses „Opfer" die Sünden der Menschen büßen solle, die durch ihre Missetaten das Leben verwirkt haben. Doch der bedrückende Ernst schwindet, sowie dann der Vater die Gaben an die verschämten Armen sorgfältig in Papier hüllt, damit sie das Kind mit einem Gruß der Eltern an die Stätten der Not, an die Schmerzenslager der Kranken trage. Hier lernt das jüdische Kind die schönste Scham, die Beschämung, die dem Spender der Dank bereitet, der in dem tränengewohnten Auge des Empfängers aufleuchtet. Und wie stolz empfängt man den Gegengruß an die Eltern! Man ist wer! Man hat eine „Mizwe" getan! Und — der Ernst des Lebens hat an der Seele des Kindes gerührt. Man hat die Kehrseite des Erdenloses gesehen: Menschen wie wir, aber doch Menschen im Elend! Und nun daheim. Die zwingende Gewalt des großen Tages breitet ihre Fittiche über Haus und Herz. Der Schrecken des^Jnethanne-tokef, das lähmende Bewußtsein: „Heut wird dein Schicksal besiegelt" hält alles unter tränenumflorter Wehmut. In feierlicher Stille nimmt man das Mahl ein. Feuchten Auges zündet die Mutter die Jomkippur-Kerzen. Das „Seelenlicht" flammt auf und der Blick, mit dem die Eltern nun das Kind segnen, besiegelt in seiner Seele die Treue zu dem alten Väterglauben. Auf dem Rundgang zu Großeltern und *) Aus dem Berliner Gemeindeblatt. anderen Blutsgenossen und Freunden dieses schlichte Bitten um Verzeihung, dieses treuherzige „Du sollst dir alles Gute ausbeten!" — der Grundton für den ganzen Tag der Versöhnung wird mit diesem Auftakt angeschlagen. Am Kolnidre dann der Höhepunkt weihevoller Erhebung. Wie Luther als Kind von der Vision des Vaters im Sarge überwältigt wurde, so erschüttert das Gemüt des jüdischen Kindes der Anblick des Vaters, wenn er am Kolnidre im Bethaus Kittel und Häubel anlegt und die Schuhe auszieht. So wird man ihn einst ins Grab legen. Was greift tiefer in das Kinderherz als die Vorahnung dieses Schmerzes! Jetzt treten die Würdigsten der Gemeinde vor. Tränenerstickt schluchzen sie das „Bischiwo schel maaloh". Die ganze Gemeinde, was auch immer sie im Laufe des Jahres getrennt und zersplittert — ein Band umschlingt sie in Liebe und Brudersinn. „Kol nidre" hebt der Chasan an, das alte nationale Sturm- und Streitlied, mit dem alles in den schwersten Kampf zieht, in den Entscheidungskampf mit sich selbst, in dem das bessere Ich, der Jude, in uns siegen soll. Und ein Siegesgefühl greift Platz in den Herzen am heiligen Tage selbst, dem die Frömmsten der Gemeinde in Gebeten die ganze Nacht entgegenwachen. Wie der Triumphator auf seinem Prunkwagen, steht der mit Gott versöhnte und von neuem gegen alle Anfechtung gefeite Jude den ganzen langen Tag. Nicht prosaisches Sitzen unterbricht die stolze Haltung, nur demütiges Niederknien vor seinem Gotte. In Erinnerung an den Dienst im Heiligtume auf Morias geweihtem Gipfel fühlt er sein Herz geschlossen mit heiliger Kette an die Väter, die einst dort den geheimnisvollen Gottesnamen von den Lippen des Hohenpriesters hörten. Wie sonst nie im Laufe des Tahres außer an den Jomim noraim. berührt seine Stirn den Boden, um sich, umwittert von den Schatten längst entrauschter Vergangenheit, gepanzert gegen jedes Ungemach der Zukunft, verklärt vom Ahnen der Gegenwart Gottes, stolz und frei vor den Menschen, zu erheben. Der arme, geplagte Jude, dem das Leben draußen jeden Becher seiner bescheidenen Freuden mit Haß und Hohn vergällt, fühlt sich am Jomkippur wohler als sonst irgendwann und irgendwo, da er mit Gott und alles Allzumenschliche ihm weit entrückt ist. Wohler trotz der Kasteiung des Leibes. Gerade sie gibt ihm die stärkende Empfindung der Ueberlegenheit des Geistigen im beherrschten Menschen. Eine seelische Neugeburt vollzieht sich in ihm. Er fühlt sich wie ein Schuldner, der seine Verpflichtung beglichen hat. Im jüdischen Altertum war gerade dieser Tag zu einem Fest der heiratsfähigen Jugend erwählt. Wie noch heute über die verschiedensten Länder der Brauch verbreitet ist, daß an bestimmten Tagen die mannbaren Mädchen des Ortes sich m festlichem Staat zusammenfinden und die heiratslustige männliche Jugend unter ihnen die Wahl trifft, so geschah es am Tomkippur im alten Israel. Nur mit einer für jüdische Eigenart recht bezeichnenden Besonderheit: mit Aufhebung der sozialen Unterschiede. Die reichen Mädchen liehen ihr Gewand den armen, und alle sangen sie im Reigen das Lied: ..Jüngling, sieh nicht auf Gewand und Tand, sondern auf Herkunft und Ehrenstand." Und dieser Ehrenstand war nicht, wie später hier und da „oscher w'kabod", Reichtum und irdische Macht, sondern Geistes- und Herzensadel, womöglich seit vielen Geschlechtern ererbt und neubewährt. Dieser Zug des sozialen Ausgleichs und des Ueberwiegens inneren Wertes ist Kern- und' Mittelpunkt des Tages geblieben, an dem alle vor Gott gleich sind, gleich als Sünder, gleich als mit dem Vater ausgesöhnte Kinder, frei von irdischem Bedürfen und weltlichem Bewerten. War der Dienst des heiligen Tages glücklich vollbracht, so fand sich einst die Gemeinde beim Hohenpriester zu fröhlichem Mahle ein. Noch heut erinnert daran der Schofarton am Schluß des Jomkipmir und der Zuruf, mit dem man sich begrüßte, in manchen Gemeinden noch heute begrüßt: „Jomtob!" oder „Jomtob tob!" Um die Stimmung des Tages auch vins Haus zu übertragen, pflegte man den Rest der Jomkippurkerze brennend heimzutragen. Und nach dem „Anbeißen" ging man in den Hof, um den ersten Nagel einzuschlagen für die Laubhütte und so ..michajil el chajil" in der Festesstimmung „auf dem Laufenden" zu bleiben. Von der Höhe der „hohen Feste" stieg man ja zunächst in die Niederung des Alltags hinab. Aber, um dem „Satan" ein Schnippchen zu schlagen, daß er nicht über rasche Verflüchtigung des Hochgefühles der Jomim noraim spotten dürfe, erscheint am Tage nach Jomkippur zum Morgengottesdienste auch, wer sonst im Laufe des Jahres sich nicht so früh aus den Federn heben mag. „In Gott's Namen" heißt dieser Tag darum, weil man an den Tagen der Weihe zu dem „heiligen Könige" sein Gebet emporgesandt und nun wieder den „heiligen Gott" (hael ha-kadosch) anruft.