Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 39 (17.9.1926)
- Date
- 1926-09-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 39 DIE WAHRHEIT Seite 3 Der Kikajon. Eine Betrachtung zum Versöhnungstag. Von Dr. V. K u r r e i n, Rabbiner in Linz. Das Buch des Propheten Jona ist eines der gedankenreichsten und merkwürdigsten in der Bibel. Es zwingt zum. Nachdenken und ist wie für den Versöhnungstag geschaffen. Die Erzählung von der zum Untergange bestimmten Stadt Ninive, die dann vor dem drohenden Verhängnis verschont wird, die Erzählung von der Sendung Jonas, der schließlich durch die verzeihende Gnade Gottes seiner Pflicht enthoben wird — das alles ist im Grunde ein großes Gleichnis für Wirken und Walten Gottes im Leben. Darum gewinnt die letzte Lehre, die Gott dem Jona gibt, eine ganz besondere Bedeutung. Jona verkündet in Ninive: „Noch vierzig Tage und Ninive wird zerstört!" Die Leute von Ninive tun Buße, Gott verzeiht und Ninive bleibt bestehen. Das verdrießt Jona und im Unmute verläßt er die Stadt, wartet außerhalb der Stadt ab, was mit Ninive geschehen würde. Da läßt Gott dem unmutigen, lebensüberdrüssigen Jona einen Kikajon, einen Wunderbaum, wachsen, der ihm Schatten spenden und ihn von seinem Unmut befreien sollte. Darüber hatte Jona große Freude. Des anderen Tages aber schickte Gott einen Wurm, der den Kikajon anfraß, daß er verdorrte. Nun brannte die Hitze auf das Haupt Jonas, er ermattete und wünschte sich den Tod. Da sprach Gott: „Bist du mit Recht erzürnt, Jona? Dir-ist leid um den Kikajon, um den du dich nicht gemüht hast, den du nicht großgezogen, dieses Geschöpf einer Nacht — und mir sollte es nicht leid sein um Ninive, eine Stadt von hundertzwanzigtausend Menschen!" Was da von Jona erzählt wird, ist ein Spiegel, in dem die Menschen sich und ihre Gedanken erkennen können. Da sieht man die, die gerechter als Gott sein wollen und besser wissen, was auf Erden rechtens ist, als Gott, sieht diejenigen, die sich um eine Pflanze grämen und kränken, die aber kein Herzleid fühlen, wenn Menschen leiden, sieht diejenigen, die glücklich sind und sein können, wenn nur sie ein schattenspendendes Dach über ihrem Kopfe haben, mögen immerhin tausende Menschen zugrunde gehen, und schließlich die, die mit Gott unzufrieden sind, wenn er Gnade an anderen übt, aber nur zufrieden sind, wenn die Gnade ihnen selbst gilt. Es gibt eben viele, die Jona gleichen, und vielleicht ist dieser Jona nur das Wahrzeichen, das Symbol für sie alle. Und in der Tat! Blicken wir in diesen Spiegel und wir werden uns selbst darin erkennen. Wir sind es, die am Vergänglichen am meisten hängen, die größte Freude daran haben, aber tief unglücklich sind, wenn so ein Kikajon, ein kurzlebiges, irdisches Ding, das unserer Bequemlichkeit diente, zugrunde geht. Denn der Kikajon ist das Bild für Hab und Gut, für irdischen Besitz und Erwerbe, aber Ninive, die Stadt mit den vielen Menschen, ist das Bild für die Seele. Hier ist der Besitz Gottes, dort der Besitz des Menschen. So ist denn die gewaltige Gewissenfrage, die einst Gott an Jona richtete, noch immer und auch heute an jeden gerichtet: „Tut es dir leid um den Kikajon?" Ja oder nein? Uns tut es leid um unseren Besitz, aber Gott soll es nicht leid tun um seine Schöpfung, um den Menschen, dem er die göttliche Seele eingehaucht hat? Dieser Gedanke soll die Größe der Liebe Gottes verkünden. Gott liebt seine Schöpfung, liebt wie ein Vater sein Kind die Menschen, die er in die Welt gesetzt hat, denen er bei all ihren Fehlern, Sünden und Schwächen seine Gnade und Güte nicht entziehen will. Wäre es nur dieser eine Satz, den Gott an Jona gerichtet hat und der das Mitleid Gottes mit seinen Geschöpfen offenbart, er wäre für die Bedeutung des Versöhnungstages ausreichend genug. Wenn sich die Menschen dies zu Herzen nehmen wollten und sich um Ninive ebenso sorgten und grämten wie um den Kikajon oder mit anderen Worten: Wenn sie nur dieselbe Liebe, die sie für ihren Körper haben, auch ihrer Seele erweisen wollten! Fastet man am Versöhnungstag, so ist uns Menschen mehr leid um den Körper, der entbehren muß, als um die büßende Seele und sie kränken sich um den Kikajon, das Geschöpf, das entsteht und vergeht. Immer im Leben hängt Herz und Liebe der Menschen an den vergänglichen Gütern, sie mühen und plagen sich um deren Besitz und Gewinn, während sie keine Zeit und Mühe für den inneren Menschen, das Leben und Heil der Seele finden. Diese Krankheit, unter der Zeiten Völker und Geschlechter leiden, heißt „Materialismus", dem der „Idealismus", das Streben nach Geistigem, gegenübersteht. Der Streit und Kampf dieser beiden Weltanschauungen ist so alt wie die Menschheit. Sicher ist, daß die Anhänger der ersteren den Sieg behaupten, wenn der Körper zu fordern und zu verlangen hat, das Spiel aber verlieren, wenn die Seele und der Geist sein Recht sucht und wünscht. Darum können nur solche, die dem Materialismus noch nicht verfallen sind, einen Versöhnungstag wollen, halten und verstehen. Eine Forderung, den Körper mit seinen Ansprüchen zu besiegen, dagegen die Seele mit ihren Ansprüchen voll und ganz zu bedenken — und ist es auch wie am Jomkippur nur einen Tag, vierundzwanzig Stunden lang — das ist Werk des Idealismus. Man mag über die Religion, über die Beobachtung ihrer Gebote, Vorschriften und Bräuche sagen, was man will, eines kann man nicht abstreiten: sie ist und bleibt ein Stück idealistischer Weltanschauung. Nichts könnte dies besser beweisen als gerade der Vorwurf derer, die der Religion und allem, was mit ihr zusammenhängt, feind sind, nämlich, daß sie keinen praktischen Wert habe. Darum werden aber auch diejenigen, die nur vor dem Praktisch-Wertvollen Achtung haben, einen Jomkippur nie begreifen. Sie gleichen dem Jona, der sich zu Tode grämt, dem der Tod lieber ist als das Leben, weil sein Kikajon, sein irdisches Dach zerstört ist. Vor solchem Mißmut und Weltschmerz bewahrt den Menschen ein wenig Idealismus, ein wenig Religion. Der Glaube an einen Gott, dem leid ist um Ninive, die Stadt von 120.000 Menschen, um die Geschöpfe mit göttlicher Seele, kann alle die mißmutigen Jonas aufrichten und über den Verlust so manchen Kikajons trösten — nur haben, besitzen muß man ein wenig von der Kraft, die Jomkippur fordert: entsagen dem Körper zugunsten der Seele. Jomkippur hat sie Israel so oft gelehrt, Israel hat sie so ojt bewiesen, wenn sein Kikajon vom feindlichen Wurm zerfressen verdorrte, und wird sie besitzen, solange es Versöhnungstag zu halten imstande ist. i~\rt^&^^&»mm&^uvae**pnw*i^»ur mbw