Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 39 (17.9.1926)
- Date
- 1926-09-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 39 sie schafft. Diese aber können nicht auf künstlichem Wege von außenher, sondern müssen einzig und allein durch die Menschen selbst auf dem Wege eines inneren Umwandlungsprozesses, durch Umstellung ihrer Mentalität erzeugt werden. Will die Welt den Tag der Versöhnung feiern, dann muß sie sich entschließen, den Weg zu beschreiten, welchen der Jörn Kippur den Bekennern des Judentums und durch diese der gesitteten Menschheit seit Jahrtausenden weist. IL Welches ist dieser Weg? Auf diese Frage antwortet der Jörn Kippur in positivem Sinne mit dem Psalmisten: Alle Wege Gottes sind Liebe und Wahrheit. Das ist ja das Einzigartige des Versöhnungstages, daß er die Schranken, die im Verlaufe der Zeiten zwischen Gott und Mensch sich aufgetürmt, niederriß und uns durch den freigewordenen Raum erkennen ließ, daß der vom Menschen zu Gott führende Weg der nämliche ist, der die Menschen miteinander verbindet. Liebe und Wahrheit sind die Wege Gottes und Liebe und Wahrheit bilden auch den Weg, den der Versöhnungstag uns zu gehen gebietet: wahre, aus dem Innern als dem göttlichen Teil im Menschen hervorquellende Liebe zu dem Nächsten und echte, das Siegel Gottes auf der Stirne tragende Wahrheit und Wahrhaftigkeit gegen sich selbst und andere. In herzerhebender und unerreicht gemütergreifender Weihe und Weise verkündet der Versöhnungstag seit Jahrtausenden den Bekennern des Judentums und durch sie der ganzen gesitteten Menschheit die ewige, vom Wandel der Zeiten unberührte Lehre: Wollen die Menschen sich vor der immer drohender werdenden Gefahr gegenseitiger Vernichtung bewahren, so gibt es für sie nur einen Weg: es ist der Weg Gottes, dessen leuchtende Spuren wir an keinem anderen Tag in solch herrlichem Glänze gewahren w i e am Versöhnungstage: denWegder Liebe und der Wahrheit. Alle die anderen Wege, welche die Menschheit seit Jahr und Tag zu beschreiten sucht und versucht, um zur Versöhnung und Verständigung zu gelangen, haben sich als ungangbar erwiesen. Mit besonders drastischer Deutlichkeit zeigt sich das in der düsteren Gegenwart. Was der menschliche Geist auf technischem und industriellem Gebiete an Glanzvollem und Staunenswertem zu erfinden, der soziale Instinkt der menschlichen Gesellschaft an Versöhnungs- und Vereinigungsmöglichkeiten irgendwie hervorzubringen vermag, wird in den Dienst der Lösung des sozialen Problems der menschlichen Gesellschaft gestellt und zur Stärkung ihres Solidaritäts- und Zusammengehörigkeitsbewußtseins verwendet. Die Verschiedenheit in Zeit und Raum im technischen Sinne des Begriffes ist heutzutage so gut wie aufgehoben, denn die staunenswerten Verkehrsmittel unserer Zeit haben den Raum der bewohnten Erde wesentlich verkürzt. Der elektrische Strahl schafft Seh- und Hörmöglichkeiten bis ans Ende der Welt, während das Luftschiff die Kulturwelt mit den Regionen des ewigen Eises verbindet. Darüber hinaus schlingt der Organisations- und Gewerkschaftsgedanke ein fast um die ganze Erdkugel laufendes Riesenband, dazu bestimmt, die einzelnen Schichten und Klassen der Menschheit zur straffen Einheit zu verhelfen. Und trotzdem und alledem, niemals vorher war die Welt dermaßen zerklüftet, in einander bekämpfende Rassen, Klassen und Parteien gespalten, von Neid, Mißgunst und Haß zerwühlt und zermürbt, wie in unseren Tagen. Es fehlen all diesen Versöhnungs- und Verständigungsmitteln die zwei Elemente, ohne welche nach der Auffassung unserer Alten die Gottesherrschaft auf Erden, das ist wahre Kultur und Gesittung, nicht bestehen können und die zugleich die Wesenselemente jenes Tages bilden, der als die herrlichste Emanation des Gottesgeistes auf Erden anzusehen ist: die im Göttlichen verankerte Menschenliebe und deren Zwillingsschwester, die echte innere Wahrheit und Wahrhaftigkeit. III. Es gibt eine alte Sage, nach welcher der Satan, dessen grausames Handwerk es ist, das Tun der Menschen täglich nörgelnd und tadelnd vor den Richterstuhl Gottes zu bringen, am Jörn Kippur hintritt vor den Herrn mit dem Geständnis, heute müsse er sein Handwerk feiern lassen, heute habe er eine Gemeinde gefunden, von der er gestehen müsse, an sie reiche Tadel und Makel nicht hinan. In dieser Midraschlegende ist das innerste Wesen des Versöhnungstages in unübertroffener Klarheit erfaßt und in einzigartiger Plastik zur Darstellung gebracht. Wo immer an einer Gemeinde, wenn auch nur für die Dauer eines einzigen Tages, sich das Dichterwört erfüllt: „Und hinter uns im wesenlosen Scheine liegt, was uns alle bändigt, das Gemeine", und ihren Mitgliedern der Adel ihrer gottentstammten Natur und die Erkenntnis ihrer wahren Bestimmung wenn auch nur für einige Stunden, ins Bewußtsein tritt, wie dies in der Gemeinde Israels am Versöhnungstage geschieht, da muß der Dämon des Hasses und der Niedrigkeit, von dem die heutige Menschheit so furchtbar heimgesucht wird, verstummen und der „Ankläger" in die hintersten Schlupfwinkel sich verkriechen. An einem solchen Tage feiert das Göttliche im Menschen sein Siegesfest und es triumphiert die Liebe und die Wahrheit. Jene Liebe, die, weil sie als Ausstrahlung der Gottesliebe sich begreift, in dem Menschen vor allem den Bruder sieht, und weil sie auf Wahrheit beruht, sich nicht scheut, das am Nächstert begangene Unrecht nicht nur zu bereuen, sondern auch restlos gutzumachen und solcherart einen Strich zu ziehen zwischen Sünde und Fehl von gestern und der Versöhnung und Verständigung von heute, wie es von der göttlichen Liebe durch den Propheten gesagt wird: Ich lösche aus wie die Wo 1 ke deine Sünden. Nur wer einen Jörn Kippur nicht nur äußerlich mitgemacht, sondern auch innerlich miterlebt hat und Zeuge ist, wie Gott an diesem Tage zu den Menschen herniedersteigt, um ihn zu sich emporzuheben und ihm den Weg zu zeigen, der ihn mit seinem Gotte und seinen Mitmenschen verbindet, nur der vermag die beseligende Wahrheit zu erkennen, die in dem Rufe eines berühmten jüdischen Denkers und Ethikers enthalten ist: Nur e i n t a g echten Jom-Kippurgeistes von Abend bis Abend und die Welt ist genesen!