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Die Wahrheit · 1926-09-17 · Heft 39 (17.9.1926) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 39 (17.9.1926)
Date
1926-09-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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©eslerrelcHsche Wocbens&rif! ter (Stils A€ infercssco flH am ßeföloft: veröüenflitünngcii der .Union deofschOsferreichlsAer Jaden" Redaktion und Administration: Wien H.. Hclnejiiralle 13. - Fernruf 42-2-16 w •' -|-—|—- —.....- XLII. Jahrgang Wien, 17. September 1926 Nummer 39 Der Versohnungsgedanke im Judentum. Eine Betrachtung zum Versöhnungstage 5687. Von Rabb. Dr. Armin A b e 1 e s, Wien. Der erhabenste Gedanke, den der menschliche Geist zu erfinden vermochte, der Gedanke der Versöhnung der Menschen und in weiterem Verfolge der Menschheit, ihre Zurückführung zu jener geistigen und sittlichen Einheit, aus der sie hervorgegangen war, dieser Gedanke, von der großen Not der Gegenwart an die Oberfläche des Zeitstromes geschwemmt, bildet seit altersher das Zentrum der religiösen Ideenwelt des Judentums und der Tag, welcher der Verwirklichung dieses Gedankens geweiht ist, den wichtigsten und heiligsten des jüdischen Kalenderjahres: der Versöhnungstag. Mit dem Jörn Kippur hat der religiöse Genius nicht nur Israels, sondern der Menschheit überhaupt einen nicht mehr zu überhöhenden Punkt erreicht. Einem gewaltigen Bergriesen ist dieser Tag vergleichbar, der nur unter Aufwendung höchster Kraftanstrengung und äußerster Entsagung zu erklimmen ist und auf dessen Gipfel der Blick unermeßliche Weiten umfaßt und in unendlichen Horizonten sich verliert. Gewiß, Büß- und Versöhnungstage hat es auch außerhalb des Judentums und schon zu einer Zeit gegeben, da Israel als Volk Gottes noch nicht auf den Schauplatz der Geschichte getreten war. Die Religionsgeschichte berichtet uns von solchen nicht . nur bei Römern und Griechen, sondern auch Babyloniern, Aegyptern, Persern und anderen Völkern der Vorzeit. Den Versöhnungsgedanken aber aus dem Nebeldunst superstitioneller und blasphemischer Vorstellungen in die reinen Höhen wahrer Sittlichkeit gehoben und den Versöhnungstag aus einem Tag der Angst und des Schreckens vor dem Toben blindwütender Dämonen zu einem Sendboten des Friedens, verstehender Liebe und verzeihender Barmherzigkeit ausgestaltet zu haben, diese Großtat blieb dem „armen und schwachen Volke" vorbehalten, das Gott erwählt hatte, damit es Gottes allumfassende Liebe und Güte durch einen besonderen Tag zum Strahlenzeichen der gesitteten Menschheit erhebe. Nur Israel allein, das der Welt die Erkenntnis des einig-einzigen Gottes vermittelte, der mit unendlicher Liebe und Barmherzigkeit alle Wesen, als Geschöpfe seines Urbildes in gleicher Weise umfaßt, konnte und mußte auf den Gedanken kommen, als den höchsten und heiligsten Tag seiner Religion jenen einzusetzen, an welchem der Abglanz der göttlichen Liebe und Barmherzigkeit an jedem einzelnen sichtbar wird, der sich als im Ebenbilde Gottes geschaffen betrachtet, jenen Tag, der der Menschenliebe den Weg bereitet und dem Haß erfolgreich entgegenwirkt. So betrachtet, erscheint Jörn Kippur hinausgehoben aus dem engen Kreis jüdischen Religionslebens in die unermeßlich weiten Lichtregionen der Sittlichkeit, wird er zu einem wertvollen Instrument der Zivilisation, einem Kulturideal der Menschheit und Menschlichkeit. Wenn nach einem vor kurzem erfolgten Ausspruch des größten lebenden deutschen Dichters und Denkers „alle Religionen den Frieden zum Endziel haben müßten", dann hat Israel durch seinen Versöhnungstag den Weg aufgezeigt, der zu solch hehrem Ziele führt. I. Welches ist dieser Weg? Darauf antwortet der Jörn Kippur zunächst in negativem Sinne mit dem Propheten: Denn meine Gedanken sind nicht die eurigen und eure Wege nicht diemeinigen! Wenn die Welt die Verständigung, nach der sie lechzt, wie der Hirsch nach dem Wasserquell, trotz allen Anstrengungen bislang noch nicht erreicht hat, so liegt das vor allem daran, daß sie den Versöhnungsgedanken in seinem Wesensgrunde nicht erfaßt und in ihrer gegenwärtigen sozialen und sittlichen Einstellung zu erfassen vielleicht gar nicht imstande ist. Durch Schaffung von Bündnissen, Konventionen, internationalen Verträgen, Völkerbund, paneuropäischer Union, und wie alle die Behelfe heißen, mit denen die Staatskünstler der Jetztzeit operieren, mögen wohl soziale und politische Erleichterungen im Völkerverkehr erzielt werden, die wirkliche Versöhnung der Menschheit werden sie nicht herbeiführen. Denn der Versöhnungsgedanke, der ihnen allesamt zugrunde liegt, wird, weit entfernt davon, im Göttlichen und Ethischen verankert zu sein, von der Erdenschwere des Materiellen und Politischen zu Boden gezogen und es stellen sich seinem natürlichen Drange zu Licht und Liebe die durch Generationen aufgehäuften Berge von Haß, Vorurteil und Mißgunst entgegen. Mögen sie durch noch so enge Bündnisse und feste Interessengemeinschaften miteinander verbunden sein, die Nationen leben unberührt davon ihr egoistisches Eigenleben weiter und müssen, ob sie wollen oder nicht, aus dem bloßen Triebe der Erhaltung ihrer Eigenart heraus, sich abschließend und erforderlichenfalls feindselig gegen Art und Kultur der anderen verhalten. Denn nicht auf die Einrichtungen, die zur gegenseitigen Annäherung der Menschen und Völker erdacht werden, kommt es an, sondern auf die Gesinnung, von der sie beherrscht werden, auf d e n G e i s t, der

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