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Die Wahrheit · 1926-09-07 · Heft 37-38 (7.9.1926) · page 23

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 37-38 (7.9.1926)
Date
1926-09-07
Page
– (sequence 23)
Language
German
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Nr. 37/38 DIE WAHRHEIT Seite 21 An dieser Stelle sollen von nun ab Mitteilungen, Anregungen und berechtigte Beschwerden, welche das innere Leben der jüdischen Gemeinden in Oesterreich betreffen, veröffentlicht werben. Wir sind daher gerne bereit, diesbezüglichen Zuschriften aus unserem Leserkreise hier Raum zu geben und zu diesen, wenn nötig, auch selbst Stellung zu nehmen. Wir beginnen mit der Veröffentlichung, der nachfolgenden Mitteilungen. Leichtsinnige Gelübde. Ein Freund unseres Blattes schreibt uns: In letzter Zeit konnte in vielen Vereinsbethäusern, aber auch in den Gemeindetempeln eine traurige und beschämende Erscheinung beobachtet werden, auf welche ich gerade jetzt, wo die hohen Feiertage vor der Tür stehen, ihre geschätzte Aufmerksamkeit lenken möchte. Immer häufiger werden nämlich die Fälle, daß zur Thora Aufgerufene die bei dieser Gelegenheit für wohltätige oder Kultuszwecke „geschnoderten" Beträge nicht bezahlen. Ein solches Vorgehen kann natürlich nicht scharf genug verurteilt werden; doch wäre es, wie ich glaube, nicht uninteressant, zu wissen, ob nicht auch rechtliche Mittel und Wege offen stehen, um gegebenenfalls die Einlösung des vor der Thora gegebenen feierlichen Versprechens zu erreichen. Ich wäre Ihnen für eine Stellungnahme zu dieser wohl weitere jüdische Kreise interessierenden Frage sehr verbunden und zeichne usw. Dr. K. B. * Die von dem geschätzten Einsender berührte Frage der Nichtbezahlung der vor der Thora gespendeten Gelder beansprucht in der Tat das volle Interesse der weitesten jüdischen Oeffentlichkedt. Sie ist ein trauriges Zeichen der traurigen Zeit, in der wir leben: auf der ednen Seite die trostlose wirtschaftliche Lage, das Herabsinken zahlreicher wohlhabender jüdischer Familien von ihrem einstigen, jetzt nur mehr äußerlich aufrechterhaltenen Lebensstandard in enge materielle Verhältnisse, auf der anderen Seite die allgemeine Verwirrung der Moralbegriffe, eine Erscheinung der Kriegs- und Nachkriegszeit, von der leider auch Teile der jüdischen Bevölkerung betroffen zu sein scheinen, dies alles sind die Wurzeln dieser, wie auch wir zugestehen müssen, furchtbar traurigen und beschämenden Erscheinung im jüdischen Gemeindeleben. Was die juridische Seite der Frage betrifft, so ermangelt zwar dem vor der Thora abgelegten Versprechen die rechtliche Verbindlichkeit, da zu einer Schenkung im juristischen Sinne ein Notariatsakt erforderlich ist; die „geschnoderten" Gelder sind daher im Fall einer Nichtbezahlung nicht klagbar. Im moralischen Sinne jedoch bedeutet die vor der Thora freiwillig und durch ein feierliches Versprechen auf sich genommene Verpflichtung viel mehr als eine Schenkung in juristischem Sinne. Die Nichteinhaltung derselben ist daher noch viel schärfer zu verurteilen als die Nichtleistung einer Schenkung, sie ist nicht allein die Verletzung einer Ehrenpflicht, sondern in religiösem Sinne eine schwere Sünde; denn eine Tempelspende bedeutet ein heiliges Gelübde» das vor der Thora ausgesprochen wurde. Schon die Bibel, sagt: „Besser, daß du nicht gelobest, ais daß du ein Gelübde nicht erfüllest." Auch der hebiäische Ausdruck „schenodar", der mit „spenden" nicht vollinhaltlich wiedergegeben werden kann, bedeutet, daß es sich hier um einen heiligen Eid, um ein Gelübde handelt. Man sollte daher nicht leichtsinnig und nur nach seinen Verhältnissen „schnödem", wenn man sich aber einmal zu einer Leistung verpflichtet hat, dann sollte es einem die heiligste und vornehmste Pflicht sein, das vor der Thora gegebene Versprechen unter allen Umständen und auch unter den schwersten Opfern einzulösen. So haben es unsere Väter gehalten, so müssen auch wir es machen, wenn wir gute, unseren religiösen Pflichten voll und ganz bewußte Juden sein und bleiben wollen. Das Ehrgefühl, das in der jüdischen Tradition fest begründet ist, muß wieder gestärkt und gefestigt werden, damit das heilige, angesichts der Bundeslade abgegebene Wort wieder seine geschichtliche und erhaltende Kraft erlange. Insbesondere aber ist es notwendig, allen Entartungserscheinungen im jüdischen Gemeindeleben, mögen sie auch durch die jetzigen traurigen Zustände bedingt sein, unverzüglich und mit der größten Entschiedenheit entgegenzutreten Eine Richtigstellung. Wir werden von befreundeter Seite um die Feststellung ersucht, daß der auf den Plakaten für die gottesdienstlichen Veranstaltungen im Zentralkino genannte Oberkantor Margulies mit dem im Währinger Gemeindetempel wirkenden Oberkantor des gleichen Namens nicht identisch ist, letzterer vielmehr auch in diesem Jahre im Währinger Tempel an den Hohen Feiertagen vorbeten wird. * * # Zu dieser Feststellung wollen wir bemerken, daß leider auch heuer wieder zahlreiche auffallende Straßenplakate zum Besuche von in allen möglichen Lokalen stattfindenden Feiertagsgottesdiensten einladen und daß die Veranstalter dieser Gottesdienste in einer selbst die amerikanische Reklametechnik in den Schatten stellenden Art und Weise für diese Veranstaltungen Propaganda treiben, als ob es sich um die Abhaltung eines Fußballmatchs oder eines Riesenfeuerwerk'es handeln würde. Sie schwelgen dabei natürlich in Uebertreibungen und Superlativen, daß es einem nur so vor den Augen schwirrt, und ernennen bisher ganz unbekannte Vorbeter oder Tempelsänger taxfrei zu Oberkantoren, deren Fähigkeiten wie die eines Caruso angepriesen werden. Auch im vorliegenden Falle ist der der jüdischen Oeifentlichkeit als der „bestbekannte Oberkantor Margulies" vorgestellte Herr nur ein bescheidener Vorbeter in einem kleinen Minjan in der Josefinengasse. Bei all den Auszeichnungsattributen, die von den Veranstaltern obgenannten Gottesdienstes dem plötzlich zum Oberkantor avancierten ehemaligen Vorbeter im Interesse des Geschäftes beigelegt werden, ist eine Verwechslung des „Oberkantors" A. Margulies mit dem tatsächlich in weiten jüdischen Kreisen bekannten Währinger Oberkantor G. Margulies sehr naheliegend und dürfte auch zu zahlreichen Mißverständnissen führen. Aus diesem Grunde sind wir dem geschätzten Einsender für die uns übersandte Feststellung, die vielmehr eine Richtigstellung ist, besonders zu Dank verpflichtet. Gegen den Wucher mit Esrogim. Das Pressebüro der Agadus Jisroel (Wien) telt mit: Bei maßgebenden rabbinischen Kreisen verschiedener Länder sind wiederum erregte Beschwerden eingelaufen, die von unwürdigem Machenschaften mancher Esrogimhändler berichten, um die Preise für Esrogim in die Höhe zu treiben. Falls wiederum Wucherpreise von den Händlern festgesetzt werden — es sollen zu diesem Zwecke ungeheure Mengen von Esrogim versenkt worden sein (?!) — planen die Rabbiner ein allgemeines Kaufverbot zu erlassen. Das israelitische Taubstummeninstitut in Wien bildet ein Kulturgut der Wiener Judenschaft, das nicht nur im Interesse zahlreicher unglücklicher Glaubensbrüder, sondern auch im Interesse des Ansehens unserer Gemeinde erhalten und gefördert zu werden verdient. Da es jetzt auf neuer und erweiterter Grundlage wiedererstehen soll, richtet der Direktor des Institutes, Dr. S. Krenberger, an alle jüdischen Korporationen, insbesondere aber an die Vorstände der Wiener Tempelvereine die dringende Bitte, anläßlich der Hohen Feiertage des israelitischen Taubstummeninstitutes zu gedenken. Bitte. Seit 27 Jahren veranstaltet der Verein zur Ausspeisung armer israelitischer Schulkinder für den XVI. und XVII. Bezirk in seinem eigenem Heime (XVI., Wurlitzergasse 4) eine Ausspeisung armer Kinder und erwerbsunfähiger älterer Männer und Frauen. So kam im vorigen Jahre diese Institution täglich 120 Kindern und 30 Erwachsenen zugute. Die heutigen mißlichen wirtschaftlichen Verhältnisse bringen es aber mit sich, daß dieser auf wahrhaft humanitärer Grundlage aufgebauter Verein die Gefahr vor Augen sieht, sein schönes Werk nicht in demselben Maße durchführen zu können und dadurch viele arme Kinder und Erwachsene brotlos werden. Was dies für die Notleidenden in diesen Bezirken, die ja im Verhältnis viel mehr jüdische Arme aufzuweisen haben als jeder andere Bezirk, bedeuten würde, wird jeder Leser einsehen, um so mehr, als die heutige Wirtschaftslage eher eine Ausgestaltung der Aktion erfordert. Wir machen es der jüdischen Oeffentlichkeit zur' Ehrenpflicht, diese streng orthodoxe Ausspeisung nach Möglichkeit zu unterstützen. Josef Salamon. Der Verein zur Unterstützung in Wien wohnhafter Lemberger, Wien IL, Große Schiffgasse 3 (Hotel Barschak), veranstaltet wie alljährlich so auch heuer anläßlich der hohen Feiertage im Saale des Hotel Stefanie (II., Taborstr. 12) einen Gottesdienst, zu welchem der Kartenverkauf von 7 bis 9 Uhr abends stattfindet.

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