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Die Wahrheit · 1926-09-07 · Heft 37-38 (7.9.1926) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 37-38 (7.9.1926)
Date
1926-09-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr, 37/38 Jüdische Frauenideale. Eine Blütenlese von Dr. Max Grunwald. (Fortsetzung.) Glückel wird Witwe. Nun will ich das fünfte Buch anfangen, zu meiner großen Betrübnis. Herzliebe Kinder! Nun will ich Euch erzählen von Anfang bis zum End, daß Euer lieber Vater ist krank geworden und gestorben. Es war der 19. Tebeth 5449 (1689). Mein seliger Mann, Euer lieber Vater, ist abends in die Stadt Hamburg gegangen, es hatte ihn ein Kaufmann hinbeschieden, er hat mit ihm was handeln wollen. Wie er nun beinahe bei des Kaufmanns Haus kommt, ist dort ein spitzer Stein, über den er — um unserer großen Sünden willen — gefallen ist und sich eine solche Verletzung zugezogen hat, daß wir alle noch darüber zu klagen haben. Also ist ef abends heimgekommen. Ich bin bei meiner guten Mutter gewesen und man hat mich heimgerufen. Wie ich nach Hause gekommen bin, ist mein seliger Mann am Ofen gestanden und hat geächzt. Ich habe mich erschrocken und gefragt, was ihm schadet (Schmerzen verursacht). Er sagt: „Ich bin gefallen und fürchte, daß es mir wird viel zu schicken geben." So hat er sich leider nicht regen können und ich habe ihm müssen alles aus der Tasche nehmen. Denn wenn er — der Friede mit ihm — ist in die Stadt gegangen, hat er mit sich genommen alle Taschen voll mit Juwelen. Wir haben leider seine Verletzung nicht verstanden; denn er hat schon etliche Jahre einen Bruch gehabt, und wie er gefallen ist, so ist er auf die Bruchstelle gefallen und die Eingeweide haben sich leider ineinander verschlungen. Nun wir hatten ein Bett alle Zeit in der Stube liegen, aber er hat nicht darin liegen gewollt und wir haben ihn müssen hinaufbringen in die Kammer. Es ist damals eine Kälte gewesen, daß Himmel und Erde hat wollen zusammenfriejen. Wir sind die ganze Nacht bei ihm gewesen und haben ihm getan, was wir gekonnt haben, aber haben es nit länger aushalten können und ist ihm auch sehr schädlich gewesen, in der Kälte zu liegen. Endlich hat er — der Friede mit ihm — selbst gesehen, daß es nit gut ist, so haben wir ihn herunter gebracht. Es ist schon nach Mitternacht gewesen, daß wir uns so geplagt haben und — um unserer großen Sünden willen — ist all's keine Besserung gewesen. Ich habe mein betrübtes Verhängnis wohl vor mir gesehen, daß dieses kann kein gut tun, hab' ihn um Gottes willen gebeten, er solle sich lassen einen Doktor rufen und Leut' lassen zu sich rufen. Da hat er — der Friede sei mit ihm — gesagt: „Ehepich es wollt's Leuten entdecken, ich wollt' lieber sterben." Ich bin vor ihm gestanden und habe geheult und geschrieen und gesagt: „Was redet Ihr da? Warum sollen es nit Leut' wissen? Ihr habt es ja nit von Sünd' oder Schand' bekommen." Alles Sagen hat all's nichts mögen; denn er — der Friede mit ihm — hat sich eine Narrheit eingebildet, daß solches seinen Kindern möchte Schaden tun, daß man sollte sagen, daß es ein erbliches Leiden wäre, denn er hat seine Kinder so gar sehr geliebt. Also haben wir uns die ganze Nacht also mit ihm geplagt und allerhand Sachen aufgelegt, aber es ist — um unserer großen Sünden willen — all's zusehends ärger geworden. Also ist es Tag geworden, hab' ich zu ihm gesagt: „Gelobt sei Gott, daß es nun Tag ist. Ich will nun nach einem Doktor und einem Bruchschneider schicken." Hat er es nit leiden wollen und gesagt, man solle rufen lassen Abraham Lopez, das ist ein Portugiese, ein Barbier und ein Doktor dabei. So habe ich nach demselben geschickt. Wie er gekommen ist, hat er die Wunde gesehen, aber gesagt: „Sorget nicht, ich will ihm was auflegen, daß es bald wird besser werden. Ich habe solche Leut' viel hundert gehabt und ihnen geholfen." Dieses ist gewesen Mittwoch in der Früh', so hat ihm der Abraham Lopez von seinen Sachen aufgelegt in der Meinung, es sollte ihm helfen. Aber des soll Gott sich erbarmen! Wie es um Mittag gekommen, hat der Lopez gesagt: „Ich seh' wohl, meine Kur will ihm nit helfen. Ich will hingehen und will einen Bruchschneider holen, der ein großer Künstler ist."' Also ist der Bruchschneider gekommen und hat den ganzen Tag aufgelegt in der Meinung, die Wunde zu erweichen, aber — um unserer großen Sünden willen — alles ist je länger, je ärger geworden. Am Donnerstag hab' ich noch einen Bruchschneider und zwei Doktoren holen lassen, so ist dabei gewesen Doktor Fonseca. So sagt er zu mir, als ich mit ihm geredet hab': „Ja, was soll ich viel sagen? Wir haben hier einen kurzen Prozeß, denn die Gedärme sind leider alle ineinander verschlungen, also kann er keinen offenen Leib haben." Und was da hat sollen unten ausgehen, das hat er oben ausgebrochen. Alles, was man gebraucht hat, hat all's Seite 7 nichts helfen wollen, und doch hat er — der Friede mit ihm — nichts Fremdes wollen bei sich haben und uns gebeten, alles geheim zu halten. Aber ich hab' mein Verhängnis wohl verstanden und vor mir gesehen, daß ich werde so betrübt werden. Also ist der Donnerstag der Tag und die Nacht auch in solchen betrübten Leiden hinweggegangen. Am Freitag bringt der Lopez einen Arzt, welcher von Berlin ist und viele Jahre des Kurfürsten Doktor gewesen und dieser gibt ihm was ein und legt ihm Pflaster auf, aber Gott soll sieh erbarmen, alles nichts geholfen. Am Sabbath in der Früh ist es mein Schwager Joset erst gewahr geworden, welcher damals ist mit ihm uneins gewesen. Er ist zu mir ins Haus gekommen und hat gebeten, man sollte ihn doch in die Stube hineinlassen. So bin ich zu meinem seligen Mann gegangen und habe ihm gesagt: „Mein Schwager Josef ist draußen, er will gern herein zu Euch gehen." Hat er gesagt: „Laßt ihn hereinkommen!" Wie er in die Stub' hineingekommen, hat er leider sogleich seinen Zustand gesehen und seinen Kopf wider die Wand gestoßen und sich Hände voll Haar aus seinem Kopf gerissen und bitter angefangen zu rufen: „Weh' mir, daß ich solch einen Schwager soll verlieren!" Und ist über sein Bett gefallen und hat ihn mit bitteren Tränen um Verzeihung gebeten. So hat ihm mein seliger Mann mit wirklich frischem Herzen geantwortet und gesagt: „Mein lieber Schwager! Ich vergebe Euch und allen Menschen. Ich bitte auch Euch um Verzeihung." Mein Schwager R. Josef hat ihn nachdem beruhigt und gesagt, er solle sich gedulden, Gott werde eine Hilfe schicken. So hat er gesagt, er wäre alles zufrieden, was Gott tut. Und mein Sohn Lob, seligen Andenkens, ist ein Jüngling von etwa 16 Jahren gewesen, der hat all's müssen bei ihm sein, und wenn ich bin herausgegangen, hat er den Jungen zu sich genommen und mit ihm geredet und ihn ermahnt. So hat der Junge mächtig sehr geweint. Aber sobald als mein seliger Mann gemerkt, daß ich bin in die Stub' gekommen, hat er zu meinem Sohn Löb gesagt: „Schweig um Gottes Erbarmen willen, die Mutter kommt herein, daß sie dich nicht sieht heulen!" Aber was hilft es! Er ist leider in Todesnot gelegen und hat noch Sorge um mein Leid gehabt. Am Sabbath zu Morgen nach Essenszeit ist meine gute Mutter zu ihm gekommen. Sie ist über ihn gefallen und ihn geküßt und gedrückt mit Tränen und gesagt: „Mein Sohn! Wollt Ihr uns denn so verlassen? Wollt Ihr mir nichts befehlen? Ihr wißt, daß ich Euch als eine Mutter geliebt habe." „Ich weiß Euch nichts zu befehlen, erst raein Glückelchen!" Das ist sein letztes Wort gewesen, das er mit meiner guten Mutter geredet hat. Darnach sind mehr Doktoren und Bruchschneider gekommen, aber leider alles umsonst. Am Sabatthausgang ist keiner mehr bei ihm gewesen, als ich und der Abraham Lopez, denn er hat keinen wollen bei sich haben. Um Mitternacht hat Abraham Lopez um den Bruchschneider geschickt, denn er hat gemeint, daß sich die Wunde sollte zur Operation eignen. Wie der Bruchschneider gekommen ist, hat man sofort gesehen, was der Mär (der Tatbestand) gewesen ist. Also ist der Bruchschneider hinweggegangen und hat gesagt, daß leider keine Rettung mehr wäre. So sag' ich zu ihm: „Mein Herz, soll ich Dir die Hand geben?" Denn ich durfte ihn aus rituellen Gründen damals nicht berühren. So sagt er zu mir: „Gott bewahre mein Kind! Es wird ja so lang nicht währen, daß Du mir wieder wirst die Hand geben dürfen!" Was er leider nicht erlebt hat. So bin ich noch ein wenig bei ihm stehn geblieben und mit dem Abraham Lopez habe ich geredet, welcher gesagt hat, man sollte R. Phöbus Levi rufen lassen, welcher ein wackerer Mann bei Kranken gewesen. I Hotel ^Restaurant Birth : Wien II., Hollandstrafie Nr. 14 : \ Vornehmes Restaurant mit erstklassiger Küche : : Mittags- und AbenÖ-Menu nach Wahl \ : S 2— : : Übernahme von Diners und Soupers in und ausser Hans \ \ Zum Besuch ladet höfl. ein j GUTH, Besitzer, j ■■■■■■■■■i DIES WAHRHEIT

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