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Die Wahrheit · 1926-09-07 · Heft 37-38 (7.9.1926) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 37-38 (7.9.1926)
Date
1926-09-07
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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iaito £ £)!IS W AU Hr. 37/38 . :l I 1 -: < » ■i! 1 * » iM borgcnen an -die Armen. Da er selber die Armen und deren Bedürfnisse nicht alle kennen konnte, gab er das meiste Geld Mann, und dieser verteilte die Summen unter die Bedürftigen, ohne daß diese wußten, woher sie kamen. Nach Jahr und Tag verlor er sein ganzes Vermögen und wurde so arm, daß er selber vom Rabbiner Unterstützung annehmien mußte. Eines Tages sagte der Rabbiner zu ihm: „Weißt du was, du solltest doch viersuchen, von Neuem ein Geschäft anzufangen1. Vielleicht gibt Gott dir abermals Glück und dein Stern geht wieder, auf. Hier hast du einen Goldgulden, versuche es, mit Juwelen zu handeln." Der Manu tat, wie ihm befohlen war, und siehe da, der Segen des Rabbiners hatte* eine gute Wirkung, der Juwelenhändler wunde bald wieder ein reicher Mann. Einmal war er genötigt, in Geschäften eine weite Reise zu unternehmen, nach fernen Ländern, die jenseits des Meeres gelegen sind. Da ging er natürlich zum Rabbi, um Abschied von ihm zu nehmen und seinen Segen zu empfangen. Der Rabbi sprach: „Gehe in Frieden, hier hast du einen versiegelten Brief, du darfst ihn nur öffnen, wenn du dich in höchster Lebensgefahr befindest." Der Mann verwahrte den versiegelten Brief und trat die Reise an. Frau und Kinder begleiteten ihn ans Ufer des Meeres, hier nähte ihm die Frau den Brief in das Rockfutter ein, darauf verabschiedete sich der Mann und bestieg das Schiff, welches in das Meer hinausfuhr. Sie fuhren lange Tage und Nächte. Einmal erhob sich ein Sturmwind, das Schiff zerschellte, und unser Mann klammerte sich an ein Brett, welches ihn an ein Ufer trug. Er trat ans Land und fing an, sich umzusehen; wo er sich befand. Es war eine Insel. Er sah herrliche Obst- und Weingärten und darin allerhand blühende Bäume, prangende Blumen und Früchte, alles war schöner und farbenreicher, als sonst in der Welt. Und wohin immer er ging, war es überall voll Licht und nirgends ein Schatten. Nur Menschen waren nirgends zu sehen. Er ging weiter und fand Häuser. In eines der Häuser trat er ein; alles war darin in schönster Ordnung, als wären die Einwohner verreist und sollten bald wieder kommen. Am Herd standen Gerichte, überall war alles vorbereitet, aber kein Mensch war zu sehen. Dasselbe, fand er auch im zweiten und dritten Hause. Er dachte bei sich: „Was mag das nur sein? Sind alle Einwohner dieses Landes irgendwohin verreist und haben ihre Wohnung unverschlossen gelassen?" Seinen Hunger stillte er mit den Früchten der Bäume, die nur Gottes Work sind, wagte aber nicht, die Gerichte und Speisen zu berühren, denn er fürchtete, ob er sich nicht in der Hauptstadt der Dämonen befand, und wer etwas von diesen genießt, der kann nimmermehr ihrer Macht entrinnen. Mittlerweile sah er sich immer aufmerksamer in den Häusern um, und fand, daß alles wie zum Sabbat vorbereitet war. In den Leuchtern staken Kerzen, auf den Tischen lagen Sabbatbrote. Wein schimmerte in den Flaschen, Fische schmorten in den Pfannen am Herd. Endlich kam der Freitag. Wie. unser Mann ziellos umherirrte, vernahm er eine Stimme, die ausrief: „Ins Bad! Ins Bad!"6) JEr folgte der Stimme und fand den Gemeindediener, der, wie üblich, durch die Straßen zog und laut ausrief, -die Leute sollten vor Anbruch des Sabbat ein Bad nehmen. Unser Mann war sehr erfreut, endlich eineri lebenden Menschen zu finden, aber der Gemeindediener sprach kein Wort zu ihm, zeigte ihm nur stumm den Weg zum Badehaus. Hier war es voll von Leuten. Nachher eilten sie alle in die Synagoge zum Gottesdienst. Einer der Anwesenden lud, wie üblich, den fremden Gast auf den Sabbat in sein Haus. Man feierte den Sabbat gar fröhlich und munter, bei erlesenen Speisen und Getränken, man sang alle Sabbatlieder und jubelte, wie es unser Mann sein Leben lang nicht gesehen hatte. Er war sehr neugierig zu. erfahren, wer und was die Leute sein mochten, mußte aber seine Neugierde bezähmen, bis der Sabbat vorüber wäre, denn an diesem Tage darf man nicht von werktäglichen Dingen reden. Als am Abend der Hausherr den Scheidesegen gesprochen hatte, und unser Mann im Begriffe stand, ihn auszufragen, waren alle auf einmal verschwunden. Der Mann irrte wieder eine ganze Woche einsam umher und wußte nicht, was aus ihm werden sollte. Endlich erinnerte er sich an den Brief des Rabbiners, den ihm seine Frau in das Rockfutter, eingenäht hätte. Jetzt war die Zeit, ihn zu öffnen. Darinnen stand zu lesen, er solle seinem Wirt, während er den Scheidesegen spricht, die Hand in den Gürtel stecken, und zu ihm sprechen: „Ich beschwöre dich im Namen Gottes; daß du mir sagest, wer. ihr seid, und mir den Weg nach meiner Heimat zeigest!" Als der nächste Sabbat kam, tat der Mann, wie ihm geheißen war, und darauf erzählte ihm der Hausherr folgendes: 5) Es ist Sitte, vor Eingang des Sabbat ein Reinigungsbad im Gemeindehause zu nehmen. Wir sind keine lebenden Menschen wie du, wir sind längst verstorben. Vor langen, sehr langen Zeiten wohnten wir in einer fernen Stadt Da gab auf einmal der König ein Gesetz heraus, wir sollten uns alle taufen lassen, sonst würden wir gemartert und dann hingerichtet werden. Wir erbaten uns drei Tage Bedenkzeit, aber nur, um vor dem Tode Buße für unsere Sünden tun zu können. Der dritte Tag war Sabbat. Wir feierten den Sabbat, wie Gott es gebietet, mit Lobgesängen und Liedern, hielten alle drei Sabbatmahle ab, aßen und tranken und priesen Gott und freuten uns, als sollte nichts geschehen, denn wir wollten die Heiligkeit dieses Tages nicht durch Trauer entweihen, sondern ihn ein letztes Mal auf Erden so feiern, wie wir es all unser Leben getan. Als der Abend kam, beschlossen wir alle, zu sterben, wir zogen das Los, wer zuerst in den Tod gehen sollte, ihm folgten dann die anderen. Denn wir hatten gefürchtet, wenn wir lebend in die Hände des Peinigers fielen, könnten wir abtrünnig werden. Im Himmel aber entstand darob ein großer Aufruhr. Sollten solche Menschen derart vor der Zeit sterben, und was sollte ihr Lohn dafür sein? Wir gingen darauf ins Paradies zum ewigen Leben ein. Aber zum Lohn dafür, daß wir den letzten Sabbat im Leben, ohne des bevorstehenden Todes zu achten, so gefeiert hatten, dürfen wir auf jeden Sabbat wieder irdische Gestalt annehmen, dann steigen wir auf diese Insel nieder, wo wir den Sabbat in Freuden und Jubel begehen, gleich wie wir es am letzten Tage unseres irdischen Lebens getan." * * * Aus der überreichen Fülle der psychologischen und philosophisch äußerst lehrreichen jüdischen Volkssagen, die das Jenseitsproblem zum Gegenstand haben, möge noch folgende hergesetzt werden: Einer Witwe starb ihr einziger Sohn, kurz bevor er Hochzeit machen sollte. Anstatt ihn unter die Chuppä zu führen, führte sie ihn auf den Friedhof hinaus und bettete ihn ins kalte Grab. Wochen und Monate lang war sie wie verwirrt, saß stumm da und sprach kein Wort zu einem Menschen. Nachher weinte sie Tage und Nächte ununterbrochen. Aber auch als das Trauerjahr vorüber war, legte sie die schwarzen Gewänder nicht ab, weinte die Nächte hindurch, wandte sich von den Menschen ab, ging jeden Tag auf das Grab ihres Sohnes und verbrachte lange Stunden mit dem Betrachten des Grabhügels und des Denksteins darauf. Alle Trostworte und Zureden ihrer Verwandten und Freunde wies sie von sich. Sie sehnte sich nach dem Tode, um mit ihrem geliebten Kinde endlich vereint zu sein, oder wenigstens es im Traume zu sehen. Einmal erschien ihr der verstorbene Sohn im Traum. Sein Gesicht war schwarz vor Kummer und Harm, er war in einen Sack gehüllt und mit Asche bedeckt. Das Herz der Mutter krampfte sich bei diesem Anblick zusammen und sie konnte kein Wort hervorbringen. Der Sohn sprach zu ihr: „Mutter, warum hörst du nicht auf, um mich zu trauern? Das läßt mir äuf der anderen Welt keine Ruhe und ich bin noch keinen Äugenblick in die Pforten des Paradieses eingelassen worden, sondern muß obdachlos umherirren. Dein unablässiges Trauern und Weinen beleidigt Gott; alle anderen Seelen strahlen ' in dem Anblick Gottes, die Engel des Himmels bringen die' guten Taten herauf, die ihre Hinterbliebenen zu ihrem Gedenken verrichten, von dir aber kommen nur ewige Klagen und Vorwürfe gegen den unabänderlichen Willen Gottes, der doch allein weise und gütig ist und am besten weiß, was den Sterblichen frommt. Wenn du mich wirklich lieb hast, muß du endlich die Trauergewänder ablegen, und den Schmerz aus deinem Herzen verbannen. Anstatt um den Tod deines Sohnes unablässig zu weinen und zu klagen, mußt du auf Erden zu seinem Andenken das tun, was ihm zu vollbringen verwehrt war. Ich habe kein Kind zurückgelassen. Aber in derselben Nacht, als ich starb, wurde in dieser und dieser Gasse, in diesem und diesem Hause ein Kind geboren, und die Mutter, deren Mann einige Wochen zuvor aus dem Leben geschieden, starb kurz darauf. Suche das Kind auf, nimm es zu dir, hege und pflege es, als "wäre es das Kind deines einzigen Sohnes, habe Freude daran, tröste dich über den Tod deines einzigen Kindes, Damit wirst du den Willen Gottes tun und meine Seele von den Qualen erlösen, die ich wegen deiner unablässigen Trauer erdulde." Am nächsten Morgen war das erste, was die Frau tat, das verlassene Waisenkind aufzusuchen. Sie nahm es zu sich und tat, wie ihr verstorbener Sohn ihr anbefohlen. Nach einiger Zeit erschien der Mutter abermals der Sohn im Traume. Er war in die strahlenden Gewänder der Zedakah (lewusche zedakah dinehirin) gekleidet, sein Antlitz leuchtete, seine Augen glänzten und-er lächelte selig.

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