Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 37-38 (7.9.1926)
- Date
- 1926-09-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Hr. 37/38 DIE WAHRHEIT Seite 5 wo er eine alte Frau traf. Die alte Frau bot dem Ausgehungerten eine Portion Fische an, die vom Sabbatmahl übrig geblieben war. Natürlich wollte er zuerst die Semiroth2) für den Sabbatausgang singen. Er fing an,, in der Stube auf und ab zu sehen und zu singen, und wurde nicht so bald fertig. Da kam auf ihn ein Mann zu und sprach: „Komm mit mir, ich lade dich zum Geleitemahl."3) Er faßte ihn bei der Hand und führte ihn durch eine unterirdische Höhle einen weiten, weiten Wegi, bis sie in einen Raum gelangten, der voll war von Licht, daß es aussah wie bei hellem Tage. Darinnen saßen viele Menschen, junge und alte. Es waren lauter schöne Menschen, und sie sahen sehr edel aus. Alle hatten weiße Gewänder an, und als die beiden hereinkamen, gab man ihnen auch weiße Gewänder zum Anziehen. Dann setzten sie sich an den Tisch, einer stimmte einen Gesang an, und alle sangen mit, und das war der schönste Gesang, den er je gehört. Dann sagte ein Alter Thora, und er deutete ihnen vieles Unerklärliche und Verborgene, daß unser Mann erstaunt und entzückt war. Dann erhob ein schöner Alter mit leuchtenden Augen, wie zwei Sonnen, und einem langen weißen Bart eine Fiedel und fing an zu spielen, das war so wunderbar schön, daß einem dabei die Seele ausgehen konnte. -Und dabei tanzten die anderen alle, und tanzten gar lange, aber man sah es ihnen an, daß keine Müdigkeit über sie kam, so lange sie auch tanzen mochten. Unser armer Mann, konnte sich nicht sattsehen und satthören an all dem Schönen, welches hier war. Er vergaß ganz, woher er kam und was mit ihm geschehen war und meinte, hier würde er ewig bleiben in den weißen Gewändern und würde den Gesang hören und das Spiel der Fiedel und. die wunderbaren Offenbarungen der Geheimnisse der Thora. Da kam auf ihn der Mann zu, der ihn hierhergebracht hatte, faßte ihn bei der Hand und geleitete ihn hinaus durch unterirdische Gänge, weit, weit weg, bis sie in einen Raum gelangten, der angefüllt war mit Gold und Edelsteinen, daß es in den Augen nur so flimmerte. Da sprach der Führer zu unserem Manne: „Wisse, ich bin Eliah, der Prophet. Ich habe deine Klage gehört, und deine Bitte, daß Gott dir den Lohn, der dich im Jenseits erwartet, auf Erden in irdischen Gütern bezahle. Ich habe dich 2) Gesänge. 3) Das Abschiedsmahl zu Ehren der scheidenden Königin Sabbath (melawweh malkah). nun ins Paradies gebracht und du hast da eine ganze Nacht verweilt. Du hast den Geschmack des Paradieses bei Lebzeiten gekostet. Da waren die Heiligen und Reinen, die hier in Ewigkeit ein seliges Leben führen. Das war König David, der die Fiedel spielte, denn es war ja das Festmahl des Königs David. Wenn deine Zeit auf Erden abgelaufen ist, - wirst auch du unter ihnen weilen. Aber so lange du lebst, mußt du Armut tragen. Denn es wurde im Himmel beschlossen, daß du entweder diese oder jene Welt erbst. Doch wenn du auf jene Walt verzichtest, kannst du hier so viel Gold und Edelsteine nehmen, als es dir beliebt. Nun wähle." Der arme Mann sann eine Weile nach. Aber bald wandte er sich ab, denn er fürchtete, daß der Jezer ha Ra4) ihn bereden könnte, auf das selige Leben im Jenseits in Gemeinschaft der Heiligen und Reinen zu verzichten. Als der Morgen graute, stand er wieder im dichten Walde neben seinem Wagen und seinem mageren Pferdchen. War die vorangehende Sage eine Illustration zu dem Glaubenssatz, daß eine Stunde im Diesseits der Lehre und den guten Taten gewidmet, köstlicher ist als die ganze Seligkeit des Jenseits, so ist die letztere Sage hier wiederum eine Illustration zu dem Glaubenssatz, daß eine Stunde der ewigen Seligkeit im Jenseits mehr wert ist, als ein ganzes diesseitiges Leben mit allen seinen irdischen Genüssen und Ehren. Man kann die in der einen wie in der anderen sich spiegelnde Lebensanschaung nicht Askese nennen, auch nicht Mystik, denn was sich in ihnen spiegelt, ist nur eine Wertung der höchsten Lebensgüter: Erkenntnis und schöpferische Arbeit. Eine weitere Sage von merkwürdiger Phantastik gibt eine kräftige Vorstellung von dem jüdischen Volksglauben, daß die Seelen der Abgeschiedenen im Jenseits sich darnach sehnen, für eine kurze Weile ins irdische Leben zurückzukehren, um dessen flüchtige Wonnen zu genießen. Sie lautet folgendermaßen: In alter Zeit war ein reicher Mann, der war sehr wohltätig, von allem was er verdiente, gab er die Hälfte im Ver- *) Böser Trieb, Habsucht. 5 (^MläionQri Xdkospalmen Hefern jährlich ihre Nüsse zur Herstellung des reinlichen, hygienisch einwandfreien Speisefettes ioo Prozent reines Fett aus Kokosnüssen. , _ _~ / / ' , *>~~~,mmm. -K»