Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 37-38 (7.9.1926)
- Date
- 1926-09-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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frieden oder unzufrieden weiht man ihm kaum einen Nachruf. Darum sprach einst ein Weiser, der an einem Hafen stand und die aus- und einfahrenden Schiffe betrachtete, zu den Leuten, die die ausfahrenden Schiffe mit Glück- und Segenswünschen begleiteten, die einfahrenden aber achtlos keines Blickes würdigten: „Liebe Leute, ihr handelt unrecht, nicht den ausfahrenden soll euer Jubel gelten, denn sie haben Tüchtigkeit und Erfolg noch nicht bewiesen, sondern vielmehr den ankommenden, die Gefahren überstanden und reiche Ladung heimgebracht haben." Was die Menschen feiern oder beklagen müßten, wäre das alte Jahr samt dem, was es gebracht oder vorenthalten hat. Aber es hieße die Menschennatur nicht richtig verstehen, wollte man sie wegen ihrer Freude am Neuen, wegen ihres Jubels über das Kommende, Werdende tadeln und schelten. Denn das Werdende umgibt eine strahlende Krone von Hoffnungen, ein schimmernder Kranz von Wünschen. Sagt doch sinnig ein alter Weiser im Talmud: „In der Gebürtsstunde leuchtet zu Häupten des Kindes ein Licht, daß es von einem Ende der Welt bis zum anderen schaut und die ganze Weisheit der Thora erkennt; so es aber das Licht der Welt erblickt hat, verlöscht jenes Licht und das Kind vergißt seine ganze Weisheit/' So erscheint das neue Jahr in seiner Geburtsstunde strahlend und leuchtend; ist deFGeburtstag vorüber, wird es grauer Alltag mit seiner Enge und seinen Sorgen. Die keusche Reinheit aber, die das neugeborene Menschenkind und das werdende Jahr umgibt, befähigt wie nichts anderes zum Gebete. Schuldlos, sündenfrei liegt es vor uns und beschämt uns sündige, schuldbeladene Menschen. Sie alle haben diese Stunde der Reinheit und Keuschheit gelebt, besaßen dieses Gut erster. Kindheit, aber sie haben es verloren. Sie lernten die Sünde, sündigten — das Gotteslicht, das einst in der Geburtsstunde zu ihren Häupten strahlte, ist verlöscht. Darum muß der erste Tag des Jahres die Menschen betend finden. Er gleicht dem Kind, ist die werdende Zukunft, ist ein unbeschriebenes Blatt. Die fromme Hanna, die tränenreiche Mutter, ist das alte Jahr. Sie hat Freud und Leid, Sehnsucht und Kränkung, Not und Glück erfahren. Altes und neues Jahr stehen nebeneinander wie Hanna mit ihrem Kinde Samuel. „ . . . und sie brachte ihn in das Heiligtum nach Silo und der Knabe war noch jung." Im Hause Gottes stehen sie nebeneinander, Mutter und Kind, altes und neues Jahr, gelebtes Leben und Zukunftshoffnung. Es gibt kein schöneres Bild, keinen Anblick, der inniger rühren, tiefer ergreifen könnte als die Mutter, die ihr Kind beten lehrt. Mag Zeitgeist und stürmische Richtung gärender Gedanken Gebet und Glauben verhöhnen, als töricht und unnütz verwerfen — vor dem Bilde der Mutter, die ihr Kind zu Gott bringt, die Saat des Glaubens in das Herz des Kindes senkt, wird Hohn und Hochmut verstummen. „Sprecht nicht mit kühnem Hochmut, Hoffart weiche von eurem Munde" ~— so redet die fromme Hanna, die betende Mutter, schützt die reine Seele des Kindes vor dem Gift aufrührerischer Reden und Gedanken, hütet die Unschuld des Kinderherzens und senkt Glaubenskraft in die junge Seele. Denn nur, wer ein Kind erfleht, es glücklich und gesund von Gott erhalten hat, kann über eines Kindes Seele und Reinheit Obhut tragen. So kann auch nur gelebtes Leben, ein altes Jahr die Menschen die Sorge für die Zukunft, für glückliche, kommende Jahre lehren. Wen einst wie Hanna den Samuel, da er noch ein Knabe war, eine fromme Mutter in das Gotteshaus geführt hat, wird auch später den Weg dahin finden. Und wie das Kind, so ist dieser erste Tag des Jahres. Wer an diesem Tage zu beten gewohnt ist, wer an den Segen glaubt, den Roschhaschono spendet oder vorenthält, den werden auch andere Tage ins Gotteshaus führen. Von Mephiboscheth, dem Sohne Jonatans, wird berichtet, daß ihn als Kind die Wärterin auf die Schreckensnachricht von der unglücklichen Schlacht von Gilboa hin bei der eiligen Flucht fallen ließ, so daß er für sein ganzes Leben gelähmt, ein Krüppel blieb. So trägt mancher Schaden an Leib und Seele, geht als armer Krüppel durch sein ganzes Leben, weil seine Wärterin nicht achtsam gewesen ist. Roschhaschono, der erste Tag des Jahres, ist das zarte Kind des Glaubens und der Gotteskraft. Soll es ein glaubensstarkes, ein religionsgefestigtes Jahr werden, soll es zu wahrem, gesundem Gefühl für Gott und Judentum heranwachsen, so erfüllet Elternpflicht an diesem Tage, habet Acht auf dieses Kind! _ Seele und Jenseits im Volksglauben der Juden. Von Binjamin Segel. (Schluß.) Eine andere jüdische Volkssage malt recht anschaulich das Bild, welches die. jüdische Volksphantasie sich von den Wonnen des Jenseits macht: Es fuhr einmal ein armer Mann durch den tiefen Wald. Et hatte einen alten, zerbrochenen Wagen und. ein. mageres, kleines Pferdchem, und wie* er sich so dahinschleppte, kam der Freitag und es wurde Abend. Da mußte er Rast machen und den Sabbat feiern. Er gab seinem Pferdchen Futter, betete und holte aus dem Sack ein trockenes Stück Schwarzbrot hervor und hielt damit das erste Sabbatmahl. Das gleiche; tat er am Sabbatmorgen zum zweiten, und am Abende des Sabbattages zum dritten Sabbatmahl. Und wie er so einsam bei seinem Pferdchen im wilden Walde dastand, gedachte er der alten Zeiten, als er reich war und den Sabbat auf ganz andere Weise feierte, als hier auf dem Wagen mit einer Krume Schwarzbrot. Da saß er in seinem schönen Hause mit Frau und Kindern in einem hellerleuchteten Zimmer und hatte zahlreiche Gäste bei Tische, und sie sangen die schönen Sabbatlieder, wie Gott es gebietet, und man trug die besten Speisen und trank Wein und war fröhlich vom Harzen. Und wie er so nachdachte, wurde ihm immer trauriger zu Mute, und er fing an zu weinen: „Nun habe ich mich, mein ganzes Leben redlich gemüht .und gerackert, und am Ende ist es so weit mit mir gekommen. Warum straft, mich Gott so hart?. Freilich meines Anteils an der zukünftigen Welt bin ich sicher, und nachdem ich meine Sünden abgebüßt habe, werden mir alle Herrlichkeiten des Paradieses zuteil werden. Aber, wenn Gott mir für einen Teil jener Herrlichkeiten, die mich im Himmel erwarten, ein klein wenig irdisches Glück geben wollte, damit ich es nicht nötig hätte, mich so bitter zu plagen, wäre das nur gerecht von ihm." Mittlerweile wurde es Nacht. In den alten guten Zeiten pflegte er zu dieser Stunde am Ausgang des Sabbats das Geleitemahl, das Festmahl des Köngs David abzuhalten. Was war das für eine Freude und Lustigkeit im Hause! Man sang die Lieder vom Propheten Eliah und sagte Thora1) und erzählte schöne Geschichten, bis der, Morgen graute. Und jetzt, saß er da im finsteren Walde und hungerte, denn das Schwarzbrot war schon zu Ende. Und wie er sich an das alles erinnerte, erhob er die Augen und bemerkte von der Ferne ein Lichtlein. Dem Lichtlein ging er nach und gelangte in ein kleines Häuschen, *) „Thora sagen" heißt, bei Tische eine gelehrte Diskussion über ein biblisches oder talmudisches Thema führen,