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Die Wahrheit · 1926-09-07 · Heft 37-38 (7.9.1926) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 37-38 (7.9.1926)
Date
1926-09-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 37/38 ffife Wahrheit \um Seit« 3 sollen durch den Anblick Israels steigen und auch den Anderen zugute kommen. Und wenn Israel von dannen zieht und die anderen Völker vor dem Throne Gottes erscheinen, so ist dieser Thron so sehr in Erbarmen gehüllt, daß der ganzen Welt Liebe und Erbarmen wird. Daß der Abglanz dieser allumfassenden, göttlichen Liebe an allen Menschen sichtbar werde und Gerechtigkeit und Liebe in steigendem, der göttlichen nachstrebendem Maße die bewegende Kraft der menschlichen Gesellschaft werde, für diesen zweiten Neujahr s w u n s c h Israels, dessen Erfüllung vielleicht zu keiner anderen Zeit, eine dermaßen dringende und drängende war, als in der düsteren, in Haß und Mißgunst, Härte und Lieblosigkeit erstarrenden Gegenwart — für diesen Wunsch sind „S i c h r o n o t h", die Töne der Erinnerung, Ausdruck und Symbol. III. Erst wenn Gerechtigkeit und! Liebe zum unveräußerlichen Gemeingut der Menschheit geworden, ist der Boden reif für jenen auf Liebe und Gerechtigkeit gegründeten Welten- und Menschheitsbund, jene „Agudah-echath", die als die Krone der Neujahrswünsche Israels, und das Hochziel seines Neujahrsflehens bezeichnet werden kann. Zur Schließung von Bündnissen behufs gemeinsamer Abwehr unberechtigter Angriffe mögen staatsmännische Klugheit und Schlauheit immerhin ausreichende Erfordernisse sein. Eine Agudahechath kann und wird nicht früher erstehen, bis daß ein neuer Geist, der Geist der auf Ehrfurcht gegründeten Erkenntnis Gottes die Welt erfüllt und die von wahrer Sittlichkeit getragene Liebe und Gerechtigkeit ein einigendes Band um die Menschen schlingt. Das Herankommen dieser Zeit, das Aufkommen einer neuen, die menschliche Gesellschaft durchdringenden Sittlichkeit und die Schaffung eines in Liebe, Gerechtigkeit und in der Ehrfurcht Gottes verankerten Menschheitsbundes bildet den dritten und zugleich ältesten von den drei ihn gar verleugnen. Wenn auch ^Wohltäter in vielen Fällen keinen Dank erwarten oder verlangen, manche sogar sich gerne jedem Dankesbeweise entziehen, so ist dennoch in jedem Falle, die bewußte Undankbarkeit schmerzlich und kränkend. Häufen sich die Erfahrungen solcher undankbarer Vergeßlichkeit, so können sie letzten Endes in dem wohltätigen Herzen die reine Freude am Wohltun zerstören. Auch Gottes ist nicht solch eine Selbstlosigkeit, daß er, der Wohltäter seines Volkes, nicht auch Dankbarkeit und anhängliche Gesinnung von Israel erwarten würde. Darum macht ja der Psalmist dem Volke den Vorwurf: „Unsere Väter in Aegypten verstanden nicht deine Wundertaten, gedachten nicht der . Fülle deiner Liebesbeweise." Es ist beschämend und niederdrückend, daß man solchen und ähnlichen Vorwürfen ihre Berechtigung nicht absprechen und abstreiten kann, aber am trostlosen hören sie sich an, wenn die Vergeßlichkeit und das Unverständnis nicht in Not und Elend, sondern in Wohlleben, Ueberfluß an Gutem ihre Ursache haben. „Du bist fett, dick und beleibt worden", — und vergaßest die Pflicht gegen deinen Brotgeber, der dir zu viel und zu gutes Brot gegeben hat. Ein Trost ist — wenn es ein Trost ist —, daß eigentlich jedes Blatt der Menschheitsgeschichte die gleiche Anklage, den gleichen Vorwurf wegen undankbarer Gesinnung nicht nur gegen Gott, sondern gegen alle Guten und Edlen enthält. Vielleicht weiß das „undankbare Menschengeschlecht", daß es von seinem Schöpfer mehr geliebt wird, als es verdient, und sündigt deswegen dreist auf diese Liebe hin; vielleicht aber weiß es der Schöpfer, daß sie alle sich zum Schlüsse ihrer Gedächtnisschwäche schämen werden. Sind sie auch undankbar . und vergessen gerne empfangene Wohltaten; es nützt/ nichts, die Menschheit wird doch Dankbarkeit als Tugend preisen und diejenigen schelten, die ihrer vergessen. K. Wünschen, dessen Verwirklichung auf Erden die betende Gemeinde Israels an ihrem Neujahrstage vom Himmel herabileht. Er ist so alt wie das Judentum selbst. Wie er mit diesem zugleich ins Leben war getreten und dessen Daseinsgrund gebildet, so wird das heiße Bemühen, die Verwirklichung dieses Wunsches mit aller Macht herbeizuführen, sein Daseinszweck bis ans Ende der Tage bleiben. Darum auch haben dieser Wunsch und jene Hoffnung in den „Schofroth" den sinnfälligen Ausdruck gefunden, jenen Tönen, die auf den Ausgangs- und Endpunkt unseres geschichtlichen Daseins hinweisen. Niergendwo tönt die Stimme Israels so schön, so innig und wahr wie in den Schofroth. Es ist die Stimme Jakobs, des Gottesknechtes, die hier in wundervoller Reinheit erklingt, des Boten Gottes, der sein Glück und seine Zukunft an das Glück und die Zukunft der erlösten Menschheit geknüpft sieht. Mit der Zukunft der Menschheit steht und fällt die Zukunft Israels — künden die Töne der Schofroth. An demselben Tage, an dem die in Liebe, Gerechtigkeit und der Furcht Gottes geeinte Menschheit zum ewigen Bunde sich die Hände reicht, an diesem Tage schlägt auch die Stunde Israels, wie einst am Fuße des Sinai unter Donner und Blitz und Posaunenschall. Und Israel wird wieder dastehen wie in den Tagen der Vorzeit, erblühen „des Volkes Ehre", weithin erschallen „der Gerechten frohes Aufjauchzen"; nicht etwa als nationaler Heros und Imperator, sondern als treuer Diener am Altar der Menschheit und Menschlichkeit. Jahre und Menschen. Von Dr. V. K u r r e i n, Rabbiner in Linz a. d. Donau. Der Jahresanfang führt uns zwei Mütter vor, die Gott um ein Kind bitten. Der Thoraabschnitt zeigt uns Stammutter Sara, der die Erfüllung ihres Herzenswunsches zuteil wird, die ihrem Kind Isak das Leben schenkt; der Prophetenabschnitt erzählt von der frommen Hanna, die'in innigem Gebet ein Kind erfleht hat und im Besitze des beglückenden Geschenkes ihr Kind ins Heiligtum bringt. Eltern und Kinder gleichen den Jahren. Jene, die Eltern, sind die gelebten Jahre, deren Inhalt Wirklichkeit geworden ist, die des Lebens Gunst und Ungunst erfahren haben. Diese, die Kinder, gleichen dem neuen, kommenden Jahre, dessen Gaben, Schicksal und Zukunft noch unbekannt sind. Wie Eltern an der Wiege des Kindes stehen die Menschen an der Wiege des neuen Jahres. „Um diesen Knaben habe ich gebetet und Gott gewährte mir die Bitte, die ich von ihm erbeten." Um das neue Jahr des Lebens bittet jeder jederzeit, ist aber die Bitte gewährt, so mischt sich mit der Freude über das Geschenk die Sorge: wird es gedeihen, leben, stark und gesund, begabt an Leib und Seele, ein glücklicher Mensch — ein glückliches Jahr werden oder aber mit Krankheit und Gebrechen behaftet, ein armseliger Krüppel sein, sich und anderen zu Schmerz und Last? Menschen und Jahre haben das gleiche Schicksal. Froh und festlich wird das Kind und das neue Jahr erwartet,, beglückt empfangen, mit Glück- und Segenswünschen überschüttet. Vom alten Jahre nimmt man still und nachdenklich Abschied, zu- X t'akJt&MM^KJ: 3ieäzX2*V*

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