Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 37-38 (7.9.1926)
- Date
- 1926-09-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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S#ite2 DIE WAHRHEIT * m\*, »iNfji*. Nr. 37/38 Israels an ihrem Neujahrstag in inbrünstigem, von den Tönen des Schofars begleiteten Gebete vom Himmel herabfleht. II. Wenn am Neujahrstage Gott, der Herr, sich' anschickt, seinen Thron zu besteigen, um die Menschen nach strengem Recht und strengster Gerechtigkeit zu richten, Israel aber den Schofar zur Hand nimmt, dann verläßt Gott den Thron des Rechtes, um sich auf den des Erbarmens zu begeben. In diesem bekannten Midraschwort erscheint einer der originellsten und zugleich erhabensten Gedanken der jüdischen Theologie ausgedrückt, der auch in der Liturgie des Neujahrstages einen breiten Raum einnimmt. Gott ist der allgerechte König im Himmel und auf Erden. Seine Gerechtigkeit ist deshalb mit der der Menschen in gar keinem Punkte vergleichbar. Menschliche Gerechtigkeit trägt wie alles Irdische den Stempel des Relativen und Unbestimmten auf der Stirn. Für die Unzulänglichkeit der menschlichen Gerechtigkeit zeugt die Tatsache, daß sie mit ihrer ZwillingsscHwester, der Liebe, in der Regel auf sehr schlechtem Fuße steht und ihr Zelt weitab von der Quelle aufschlägt, aus der Liebe und Erbarmen fließen. Es finden sich leichter hundert gute, als ein gerechter Mensch auf Erden, sagt Grillparzer an einer Stelle. Ganz anders verhält es sich mit der Gerechtigkeit Gottes. Sie ist, weil im Wesen Gottes selbst begründet, jenseits von Zeit, Raum und Stoff und hat die wahre Sittlichkeit zur Grundlage, ohne welche nach der Auffassung unserer Alten selbst der Thron Gottes nicht bestehen kann. Die Liebe Gottes zu den Menschen ist sonach nichts anderes als die Kehrseite seiner Gerechtigkeit, die sich an dem gottsuchenden Menschenherzen entzündet, gleichsam wie die elektrische Kraft an der Glühbirne, sobald die Verbindung mit der Kraftquelle hergestellt ist. Wenn daher Israel am Neujahrstage den Schofar zur Hand nimmt und durch dessen Töne bekundet, daß es im Zustande selbsterkennender Reue und Buße auf dem Wege zu seinem Gotte sich befindet, dann verwandelt Gott, der Herr, seine Gerechtigkeit in L i e b e t und Erbarmen und läßt diese sich entzünden an den mit Ihm verbundenen Herzen. Und es freut sich der gerechte König, sagen die alten Weisen, über das ausstrahlende Lichtmeer der Liebe, denn ist auch Gott Freund und Schützer des Rechtes, so gehen ihm doch Liebe und Erbarmen über seine Gerechtigkeit. Dieser Umwandlungsprozeß wird symbolisiert durch Sichron oth, die Töne der Erinnerung, welche auf die der „Königshuldigung" folgen. Je mehr der jüdische Mensch am Tage . „der Erinnerung" die sein und der Seinen Lebensschicksal darstellenden Bilder in seinem Herzen aufleben läßt, in desto strahlenderem Lichte erscheint ihm die väterliche Liebe, mit der ihn Gott mit sicherer Hand durch die Irrfahrten des Lebens geleitet und selbst das härteste, das ihn, die Seinen und seine Glaubens¬ und Stammesgenossen betroffen, erscheint ihm, durch das Prisma der „Erinnerung" gesehen, als ein Ausfluß der göttlichen Liebe und Barmherzigkeit. Mit der wahren Sittlichkeit, welche die Grundlage der göttlichen Liebe ist, wäre es indessen nicht in Einklang zu bringen, wollte man auch nur einen Augenblick annehmen, daß diese Liebe sich nur auf Israel beschränkt. Keineswegs! Gerade am Tage der „Erinnerung" offenbart sich — um mit Herder zu sprechen — in kristallener Klarheit der Glanz einer der erhäbendsten Ideen der Religion Israels: Die Liebe des Gottes Israels ist schrankenlos und unendlich. Sie umfaßt alle menschlichen Wesen in gleicher Weise und gedenkt ihrer aller in gleicher Liebeun d Bar inner z i g k e i t. Wenn Israel an seinem Neujahrstage, bemerkt der Sohar, mit allen Vertretern der Welt vor dem Weltenrichter erscheint, tritt Israel zuerst vor. Das Maß der Liebe und dies Erbärmens ^fljL^JpjfS Feuilleton Undankbarkeit. „Jescburun wurde fett und schlug aus — fett wurdest du, dick und feist! Da verließ es den Gott, der es gemacht." V, 32, 15 Als der Gedächtniskraft schädlich und die Vergeßlichkeit befördernd zählt der Talmud fünf Dinge auf, unter denen aber fehlt, was Moses als Ursache der Gottvergessenheit Israels bezeichnet: „Du wurdest fett, dick und beleibt ... es verließ den Gott, der es gemacht . . ." Allzu großer Wohlstand, Ueberfülle des Genusses üben einen schlechten Einfluß auf die Gedächtniskraft aus, soweit diese Pflichten und Verpflichtungen, Lasten und Leistungen beinhaltet. Das „Fett-, Dick- und Beleibt-werden", das Israel von seinem Lehrer gewissermaßen zum Vorwurf gemacht wird, braucht nicht nur im wörtlichen Sinne verstanden zu werden, sondern bezieht sich gar wohl auf eine reiche, sorgenfreie, bequeme Lebenshaltung, die von allem Anfange an nicht da war, sondern durch die Gunst der Ereignisse Israel zugefallen ist. Verschiedene Talmudlehrer haben die Worte Moses so verstanden, denn in der Schule R. Jannais sagte man, der Sinn der Stelle wäre, daß Moses Gott gleichsam den Vorwurf gemacht hätte: „Weltenherr, weil du so viel Gold und Silber auf Israel gehäuft hast, haben sie das goldene Kalb gemacht" — denn „der Löwe brüllt nicht, wenn die Krippe voll Stroh ist, sondern wenn sie voll Fleisch ist." R. Oschaja bediente sich eines Gleichnisses: Ein Bauer hat eine magere, knochige Kuh, er füttert sie mit bestem Futter auf, nun wird sie stößig. Da spricht der Bauer: „Wer ist schuld, daß du ausschlägst? — Das gute Futter, mit dem ich dich gemästet habe." Ein anderes Gleichnis sagte R. Chija b. Aba im Namen R. Jochanans: Ein Vater hat einen Sohn, pflegt ihn gut, läßt ihn baden, salbt ihn, gibt ihm gut zu essen und zu trinken, zieht ihm schöne Kleider an, tut Geld in seinen Beutel und führt ihn zu den Stätten des Vergnügens. Darf sich der Vater wundern, wenn der Sohn ausschweifend wird? Darum sagt das Sprichwort: ein voller Bauch ist eine Art der Sünden. Auch der Prophet Hosea sagt von Israel: „Wie sie sich auf der Weide sättigten und satt wurden, so wurde ihr Herz hochmütig und sie vergaßen (Gottes)." Gott selbst sagte es ja: „Es wird essen, satt werden . . . und mich verachten und meinen Bund brechen." Es ist traurig, aber wahr. Die Fülle des Guten und des Wohlstandes macht meist nicht besser, sondern schlechter. Es ist schwer dankbar sein, noch schwerer dankbar bleiben. Ist der Reichtum da, entschwinden die schönen Grundsätze, und wie sich der äußere Mensch wandelt, ändert sich auch der innere —, aber meist nicht zum Vorteile. Das ist es, was den Emporkömmling zu einer Wenig geachteten Erscheinung in der Gesellschaft macht. Die Gedächtnisschwäche gegen alles, was einst war und allem gegenüber, was ihn an Vergangenheit, Abstammung, Heimat, Familie und Verwandtschaft gemahnen könnte, nimmt in demselben Maße zu, als sich seine neue Lage von der alten unterscheidet. Dem Emporkömmling gleich ist aber auch der, dem Gönner und Förderer den Weg zur Höhe geebnet haben, dessen Gaben, Talente und Fähigkeiten durch die Mittel wohlwollender und wohltätiger Menschen ausgebildet wurden, der aber nach gelungenem Aufstieg, im Strahlenglanze seiner Berühmtheit, für seine Wohltäter keine Erinnerung mehr hat. Schüler, die ihrer einstigen Lehrer vergessen, Kinder, die der Wohltaten ihrer Eltern uneingedehk sind, gleichen denen, die durch Gottes Hilfe aus Armut zu Wohlstand gelangt sind, aber für den hilfreichen, guten Gott nichts übrig haben oder