Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 37-38 (7.9.1926)
- Date
- 1926-09-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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: Oesferretcblscbc Wocbens&rltt fflr tfl&s&e Interessen Pitt dem Beiblatt; Yeröttenttldiiingen der „Union ^ofscMlsferreldilsdier JMtnr Redaktion und Administration: Wien H- Hclnefinille 13. - Fernruf 42-2-18 XUI. Jahrgang Wien, 7. September 1926__Nummer 37/38 Israels drei Neujahrswimsche. Eine Betrachtung zum Neujahrsfeste 5687. Von Rabbiner Dr. Armin Abeles, Wien. „Sage mir, was du wünschst, und ich will dir sagen, wer du bist." Dieses Wort eines Weisen des Altertums gilt nicht etwa bloß für den einzelnen, sondern ebenso für eine Gemeinschaft und sicherlich auch für die Gemeinschaft Israels. Bei keinem anderen Anlasse aber läßt sich eine so verläßliche Probe auf die Wahrheit dieser Behauptung hinsichtlich des Judentums anstellen, wie an dem Neujahrsfeste, dem alle jüdischen Herzen bereits seit Wochen ehrfurchtsvoll entgegenschlagen. Denn mag auch Rosch- Haschonoh — wie ich es in früheren Jahren in diesem Blatte auszuführen wiederholt Gelegenheit hatte — in seinem innersten Wesen gänzlich verschieden sein von den Neujahrstagen, wie sie von der nichtjüdischen Welt gefeiert werden, gemeinsam ist ihnen, daß sie allesamt völlig vom Gefühl beherrscht sind und dieses Gefühl von altersher seinen natürlichen Ausdruck im Neujahrswunsch gefunden hat. Wo, wann und von wem immer sie auch begangen werden mögen, einen gemeinsamen Nenner lassen alle Neujahrstage erkennen: es ist der Neujahrswunsch, mit dem die Menschen und die Völker einander bedenken. , u Welches ist nun der Wunsch Israels an seinem Neujahrstage?^ Was wünscht es sich und den anderen? Um diese Frage zu beantworten, braucht man bloß das Rosch-Haschonoh Machsor mit einiger Aufmerksamkeit durchzugehen, die einzige authentische Sammlung der Wünsche, die seit Jahrtausenden von den Lippen des betenden Israel am Rosch- Haschonoh sich zu Gott emporringen. Was enthalten nun die in dieser Sammlung befindlichen Neujahrswünsche des jüdischen Volkes? Betreffen sie etwa den Gedanken von der Steigerung und Höherentwicklung seines Volkstums? Oder die Vertiefung seines nationalen Bewußtseins? Die Verwendung der hebräischen Sprache als Nationalsprache im eigenen Lande? Die Erhaltung oder gar Erweiterung der geographischen Grenzen seines Territoriums? Keine Spur von alledem! Man sollte doch annehmen, daß ein Volk, welches als die zentripetale Kraft seines Seins das Nationale erkennt, an seinem Neujahrstage Gelegenheit suchen und finden müßte, diese Erkenntnis und die mit ihr zusammenhängenden Momente in den Vordergrund! zu rücken und zum wichtigsten Gegenstande seines Betens, Hoffens und Wünschens machen zu lassen! Aber gerade das Gegenteil ist der Fall! An keinem anderen Festtage erscheint Israel dermaßen auf der Höhe seiner weltgeschichtlichen Aufgäbe, die ihm vom Anbeginn Daseinsgrund war und' bis ans Ende Daseinszweck bleiben wird, als am Rosch-Haschonoh: Träger, Verkünder und Verbreiter der ewigen Idee von der Einheit des Menschengeschlechtes zu sein. Es sind die erhabenen, der ganzen Menschheit heilbringenden, von jeglicher nationaler Beschränktheit losgelösten Ideen der Menschenliebe, Gerechtigkeit und Sittlichkeit, deren Verwirklichung und Verbreitung auf Erden Israel in seinen Neujahrsgebeten vom Himmel herabfleht. Nichtsfürsich, alles für die Menschheit und Menschlichkeit, das ist der Tenor der Neujahrswünsche Israels. I. In drei mächtigen Kantaten ertönt am Rosch- Haschonoh in der Gemeinde Israels der Hochgesang der göttlichen Gerechtigkeit, der Menschenliebe und des auf der Grundlage von Recht und Liebe geschaffenen Weltenfriedens. M a 1 c h i o t h ist die erste von den dreien; das Bekenntnis, dass Gott, der Herr, der wahre König ist im Himmel und auf Erden, der Menschen und Völker nach den ewigen Gesetzen der Gerechtigkeit und Sittlichkeit regiert. Von dem Hamelech, mit dem das Neujahrsgebet eingeleitet wird, bis zu dem L e m e 1 e c h, mit dem es seinen Abschluß findet, erscheint daselbst in zahlreichen Formen und Variationen der Gedanke ausgedrückt, der uns Bekenner des Judentums Gott als den allgerechten König der Welt erkennen lehrt. An diesem Gedanken, der einer der wertvollsten ist, den der Menschqigeist je gedacht, läßt sich zugleich die Wandlung ersehen, durch welche Rosch- Haschonoh aus einem Tag des Schreckens und der Angst vor blindwütenden Gewalten zu einem Sendboten Gottes, einem Tage der Sittlichkeit und sittlichen Verantwortung geworden ist. Denn der auf dem Throne der Gerechtigkeit sitzende König der Welt und die sittliche Verantwortung des Menschen sind zwei Begriffe, die aufs engste zusammengehören und einander ergänzen. Gott als den alleinigen König und allgerechten Richter im Himmel und auf Erden erkennen, heißt so viel wie die alleinige Herrschatf des Sittengesetzes anerkennen und die sittliche Verantwortung der Menschen als die ideale Forderung und den erhabensten Ausdruck dieser Herrschaft begreifen. Daß die Erkenntnis dieses Gnadenkönigtums und seines allgerechten Waltens auf Erden nicht bloß einzelne Menschen, sondern das ganze Menschengeschlecht erfülle und das Gefühl für Gerechtigkeit und sittliche Verantwortung, unserer haltlosen, zerklüfteten Zeit fast gänzlich abhandengekommen, den Weltgeist durchdringe, das ist der erste von den drei Wünschen, dessen Erfüllung die Gemeinde