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Die Wahrheit · 1926-08-27 · Heft 36 (27.8.1926) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 36 (27.8.1926)
Date
1926-08-27
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 10 DIE WAHRHEIT Nr. 36 Wahrheiten vom Tage Die Juden im amerikanischen Unabhängigkeitskampfe. Der Präsident der Vereinigten Staaten, Calvin C o o 1 i d g e, hielt bei' der Einweihung des J e w i s h C e n t r e in Washington eine große Rede, in welcher er auch des Anteils gedachte, den das amerikanische Judentum an der siegreichen Durchführung der Unabhängigkeitskämpfe vor 150 Jahren genommen hat. Der Präsident sagte unter anderem: Vom Beginne des Konfliktes zwischen den Kolonien waren die Juden in überwiegender Weise an der Seite der ansteigenden Revolution. Sie werden ja die Namen kennen, die ich verlese, einige wenige von den Kaufleuten, die ohne Zögern die 1765er Resolution der Nichteinfuhr unterschrieben haben: Isaak Moses, Benjamin Levy, Samson Levy, David Franks, Josef Jacobs, Heyman Lewy jun., Franks, Moses Mordecai, Benjamin Jacobs, Samuel Matthias Bush, Michael Gratz, Bernard Gratz, Isaak Lyon und Manuel Mordecbai Noa. Die Kolonialjuden haben nicht allein sich frühzeitig und ethusiastisch dem Non-Intercourse-Programm angeschlossen, sondern haben auch, als die Zeit zur Schaffung und Erhaltung einer Armee kam, gerne Dienste getan, wo sie nur vonnöten waren. Es liegt viel Romantisches in der Geschichte des Chaim Salomon, des polnischen Juden, der die Revolution finanzierte: Geboren in Polen, wurde er von den britischen Streitkräften in New York gefangengenommen, und als er entwichen war, ging er ans Geschäft in Philadelphia. Er unterhandelte für Robert Morris bei allen Anleihen, die in Frankreich und Holland gemacht wurden, gab ein enormes Vermögen her und streckte bedeutende Summen vor, Männern, wie James M a d i s o n, Thomas Jefferson, Baron Steuben, General St. C1 a i r und manchem anderen patriotischen Führer, die bezeugt haben, daß sie ohne eine Hilfe die Sache nicht weiter hätten führen können. Eine beträchtliche Anzahl von Juden wurden Offiziere der festländischen Streitkräfte. Die Listen weisen zumindest vier Juden auf, die Leutnants-Kolonels sind, drei waren Majore und sechs, wahrscheinlich aber mehr, Kapitäne. Major Benjamin Nones wird der jüdische Lafayette genannt. Er kam 1777 aus Frankreich, ließ sich bei den Kontinentalen als Freiwilliger einreihen, diente im Stabe des Washington und Lafayette und wurde später dem Kommando des Baron de Kalb zugeteilt, wo es eine Anzahl von Juden gab. Als Baron de Kalb im dichtesten Gefechte in der Schlacht von Cainden tödlich verwundet wurde, waren drei Offiziere bei der Hand, ihn vom Felde zu tragen. Major Nones, Capitain de la Motta und Capitain Jakob de Leon; sämtliche waren Juden. Ein Infanteriekorps in Charieston S. C. war vorwiegend von Juden gebildet und diese haben sich in den Gefechten jener Sektion glänzend bewährt. Es ist leicht zu begreifen, warum ein Volk von einem geschichtlichen Hintergrund wie die Juden sich in so überwältigender Weise stets mit der Sache der Freiheit verbündet hat. Seit den frühesten Zeiten des Kolonialwesens war Amerika für diese so lange verfolgte Rasse das verheißene Land." Der „Jude" Boccaccio. Das ist die neueste Entdeckung des bayrischen Volkstribunen und Literaturforschers Streicher. Dieser Nürnberger Stadtrat und Poet weiß natürlich, daß jeder irgendwie unbequeme Mensch ein Jude zu sein hat — ob er will oder nicht, einfach programmgemäß. Das Unglück, Herrn Streicher zu mißfallen, ist nunmehr keinem Geringeren widerfahren als dem Dichter des „Dekamerone". Folgerichtig lasen daher am nächsten Tage die erstaunten Nürnberger in ihrem ach, so beliebten „Stürmer": „Der „Schriftsteller" Boccaccio lebte im Mittelalter. Er war ein Jude und wurde zu seiner Zeit „berühmt" durch ganz unglaublich unflätige Schweinereien, wie sie eben nur aus einem Judengehirn kommen können . . . Jetzt geht dieser Zotendichter als „Held" und „Liebhaber" über die Bretter. Wenn in einem Theaterstück ein Judenschwein gewissermaßen der Mittelpunkt der ganzen Handlung ist und wenn dieses Stück ein Jude geschrieben hat. dann kann nichts anderes herauskommen als so etwas, wie diese Operette „Boccaccio". Was hier gesprochen wird, ist ohne jede Satire; die „Witze" duften samt und sonders nach Knoblauch. Der eigentliche Inhält dieser „Operette" ist, wie man das von einem jüdischen Erzeugnis nicht anders erwarten kann, Tiundsgemein. Die wonnegrunzenden Judengesichter glänzten ordentlich vor Freude über den Haufen jüdisch-literarischen Kotes, der da, garniert mit recht erfindungsarmer Musik, dem Publikum präsentiert wurde." Wie man sieht, ernennt Herr Streicher nicht bloß Boccaccio, sondern auch den Komponisten Suppe sowie alle, die sich an dessen berühmtester Operette jemals ergötzt haben, taxfrei zu Juden. Da diese Operette im Jahre 1879 zum erstenmal über die Bretter ging und sich auf diesen trotz der langen Zeit erfolgreich bis heute gehalten hat, dürfte der Zuwachs, den die völkische Rassenlehre da dem Judentum beschert, ziemlich ansehnlich sein.__ Sie nicht, Ihre Neujahrs« gratulation zu beordern! Numerus clausus-Dämmerung. In der vom früheren Finanzminister Dr. Tibor v. K a 11 a y hervorgerufenen öffentlichen Diskussion über den Numerus clausus ergriff auch der bekannte Minister a. 13. Dr. Roland Hegedüs in führenden Blättern das Wort: Mein hochverehrter Freund Paul Sandor hat unrecht, denn er führt in seinem Artikel aus, daß die ungarischen Juden wegen des Numerus clausus-Gesetzes einen gelben Fleck tragen. Umgekehrt, wir Christen tragen einen gelben Fleck. Erstens deshalb, weil dieses Gesetz gegen die Grundgesetze des Christentums verstößt. Würde nämlich der Numerus clausus auf die zwölf Apostel Christi ausgedehnt werden, so wäre nur ein einziger, Saulus Paulus, übrig geblieben, der Jesus Christus nie gekannt hat. Zweitens kann das ungarische patriotische Judentum nach meinen Informationen im Interesse der Kapitalzuströmung nach Ungarn nicht erfolgreich wirken, ehe wir Christen dieses Gesetz aus der Welt geschafft haben, und drittens ist es unmöglich, sich überhaupt der öffentlichen Meinung Amerikas oder Westeuropas zu nähern, solange in unserem Lande ein Gesetz besteht, das gegen die stolzen und erhabenen Traditionen von 1S48 und 1867 gleichzeitig verstößt. FolglichistderNumerus clausus keine jüdische, sondern eine ungarische, nationale, bzw. eine christliche Frage. Der Numerus clausus kann nicht stufenweise abgebaut, sondern muß auf einmal abgeändert werden. Nach dem Sturz der Kommune sind die Prügelstrafe und der Numerus clausus eingeführt worden. Schließlich und endlich muß auch der Numerus clausus beseitigt werden, weil er die Möglichkeit eines Anschlusses an Europa und Amerika behindert. Ungarns Isolierung kann unmöglich durchbrochen werden, wenn dieses Gesetz aufrechterhalten wird. Unter einem solchen Gesetz leidet unser ganzes Kreditwesen und ich möchte bei jedem Industriellen Ungarns anklopfen und ihn fragen, welche Kosten ihm der Numerus clausus an Zinsen oder an nicht gewährten Krediten auferlegt hat. Dr. v. Hegedüs schließt: Die Frage des Numerus clausus ist zur Lösung .völlig reif. Dieses Gesetz muß abgeschafft werden, und zwar durch die Initiative der Regierung, die die hierzu erforderlichen Machtmittel besitzt. Es hängt von unseren Politikern ab, ob sie den Mut besitzen, diesen europäisch-humanen Schritt im nationalen Interesse Ungarns ehestens zu tun. Ich glaube, daß ihnen der Mut dazu nicht fehlen wird. Hoffentlich nicht! Henry Ford ist bekanntlich das Ideal der deutschen Hakenkreuzler, wiewohl er, der wütende Antisemit, eine ganze Reihe von Untugenden, die von den Hakcnkreuzlern gewöhnlich den Juden zugeschrieben werden, in seiner Person vereinigt. Daß er auch ein erbitterter Deutschenhasser ist, schadet ihm offenbar in den Augen dieser arisch-deutschen Männer nicht, die Hauptsache ist und bleibt es für siei, daß er auf die „Protokolle der Weisen von Zion" schwört und in seinem Werke „Der internationale Jude". die alten, längst widerlegten antisemitischen Phrasen wieder aufwärmt. Welchen Sinnes dieser von den Patentdeutschen so gefeierte und von den Hakenkrenzlern bei jeder Gelegenheit zitierte Amerikaner ist, davon zeugt das Leiborgan Fords „Dearborn Independent", das in einigen Millionen Exemplaren und aus den Privatmitteln des amerikanischen Automobilkönigs erhalten wird. Dieses Blatt entfaltet in jüngster Zeit abermals eine wütende Deutschenhetze und erneuert unter anderen die alten Märchen von der deutschen Grausamkeit und Tücke während des Weltkrieges. Dennoch, aber ist und bleibt Ford den deutschen Rassenantisemiten ein willkommener Kampfgenosse gegen dalä „internationale Judentum" und diese wackeren deutschen Männer scheuen nicht davor zurück, selbst einen Mann, der das deutsche Volk unablässig beschimpft und beleidigt, in Wort und Schrift zu verhimmeln. Wann endlich werden dem deutschen Volke die Augen darüber aufgehen, wie sehr es sich selbst durch den Antisemitismus entwürdigt, wann wird es erkennen,, auf weiche Bahn es von denen geführt wird, die „national" und „antisemitisch'' für gleichbedeutend halten?

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