Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 36 (27.8.1926)
- Date
- 1926-08-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 8 DCE WAE \\*\* Nr. 36 I! : i Ii ' ]! gäbe. Das von Golinkin dirigierte Orchester leistet Vortreffliches unter kaum glaublichen Schwierigkeiten. Es fehlen Harfe, Fagotte, eine Reihe von Instrumenten sind nur halb besetzt. Da muß man kompensieren, mit Klavier arbeiten, aber es geht. Sogar sehr schön. Doch damit ist Golinkin nicht zufrieden. Er sucht die fehlenden „Instrumente" zu importieren. Wovon sie leben sollen? Ja, wovon leben denn die anderen? Das ist auch so ein Problem. Die Oper ist eine Kooperative, was verdient wird, wird aufgeteilt. Es gibt keine Stargagen, entweder bekommen alle — viel war es nie — oder sie hungern gemeinsam. Subventionen von Staat oder Gemeinde gibt es hier nicht, nur der „Klub der Opernfreunde" hilft mit schwachen Mitteln, kaum nennenswert. Aber das ist für Golinkin kein Problem, er denkt an die Zukunft und schafft für die Zukunft und mit ihm die Seinen. Die letzte Aufführung war eine Ehrung für den Meister. Nach der Aida wurden Ansprachen gehalten. Blumen und Geschenke überreicht. Freunde und Verehrer haben trotz der schweren Zeit für ein Klavier zusammengesteuert. Das sinnigste Geschenk hatte jedoch der Regisseur dem Chef zugedacht, ein Dirigentenpult mit Sitz. (Bisher stand Golinkin immer.) Möge dieses Pult ein Symbol für die Stabilisierung des Institutes sein. Glossen. In den hakenkreuzlerischen Provinzblättern begegnet man immer wieder der freudestrahlend verkündeten Mitteilung, daß Oberst Redl, der die österreichischen Militärgeheimnisse an Rußland verraten, ein Jude gewesen sei. Die Verbreiter dieser Mitteilung wußten zwar ganz genau, daß sie eine erlogene sei, und sie wußten dies lange bevor der General Michael Borner, der Generalstabschef-Stellvertreter des 2. Korps in seiner soeben veröffentlichten Darlegung über den Fall Redl darauf hinwies, es sei allbekannt, daß Redl von einer altruthenischen Familie abstammte. Aber man konnte doch nicht erwarten, daß die antisemitischen Blätter sich gerade diese zur Hetze gegen die Juden trefflich geeignete Lüge entgehen lassen würden. Genug traurig, daß die so schwungvoll betriebene Ausbeutung der Lüge, der jüdische Kapitän Dreyfus habe Frankreich verraten, schließlich durch die Ernennung Dreyfus zum Obersten einigermaßen gehemmt wurde, warum sollte man zum Ersatz nicht wenigstens einen echten, unverfälschten Verräter wie Redl zum Juden machen? Es ist wirklich ein Unsinn, von den antisemitischen Blättern zu verlangen, daß sie im Kampfe gegen die Juden auf die Waffe der Lüge und Verleumdung verzichten. Man könnte ebensogut von ihnen verlangen, daß sie ihr Erscheinen einstellen, * * * Der Fall Lessing ist, wie es scheint, nunmehr vollständig abgeschlossen. Professor Lessing verläßt die Stadt, in der ihn hakenkreuzlerische Studenten sogar tätlich mißhandelten. Diese Studenten selbst gehen vollständig straffrei aus. Wieso dies möglich? Nun, das ist ganz einfach. Herr Professor Lessing hatte seinerzeit die amtliche Mitteilung erhalten, die Frage der strafrechtlichen Verfolgung der Studenten, die sich auch tätlich an ihm vergriffen, sei ganz unabhängig davon, daß auch er einen Strafantrag stelle. Natürlich hielt es infolgedessen der Professor für vornehmer, diesen Strafantrag nicht zu stellen und die Erledigung der Angelegenheit vertrauensvoll ganz den zuständigen Behörden anheimzustellen. Man wird daher das Erstaunen Lessings begreifen, als er die Verständigung erhielt, die Staatsanwaltschaft habe, da er keinen Straf antrag gestellt, keinen Anlaß gefunden, einen solchen zu erheben und damit — basta. Offenbar wollte die Staatsanwaltschaft an Noblesse nicht hinter dem jüdischen Professor zurückstehen und hat nicht einmal ex offo das unternommen, was er freiwillig unterlassen. Die Völkischen werden aber sicherlich es sich nicht entgehen lassen, darauf hinzuweisen, daß Professor Lessing doch die den Juden einmal angeborene Taktlosigkeit auch zuletzt noch bekundete, indem er diesen Vorgang in die Oeffentlichkeit brachte. Wie taktvoll wurde darüber von amtswegen geschwiegen! * Ein Brief der letzten Zarin an ihren Gatten, in welchem sie ein gütiges Wort für einen jüdischen Soldaten einlegt, macht jetzt die Runde durch die Blätter und wird als Beweis der hohen menschlichen Tugenden der unglücklichen Frau gepriesen. Der Jude hatte Wunder der Tapferkeit vollbracht, hatte auf dem Schlachtfelde das Georgskreuz gewonnen und die linke Hand verloren, war aber,, als er später um die Erlaubnis einkam, in Petersburg sein Brot zu suchen, mit seinem Gesuch abgewiesen worden. Für diesen Soldaten setzte sich die Zarin Alexandra ein. „Er ist zwar ein Jude", meinte sie, „aber ich möchte doch, daß er genau so gerecht behandelt werde wie jeder Verwundete". Und schließlich gibt die Kaiserin sogar dem Gedanken Ausdruck, „daß man einen Unterschied zwischen guten und schlechten Juden machen und nicht gleich streng gegen alle Juden sein solle". Sehr schön! Aber schade, daß die edle Fürstin nicht auf diese erhabenen Gedanken schon damals gekommen ist, als wilde Bestien in Kischenew und vielen anderen russischen Orten tausende von Juden, Männer und Frauen, Greise und Kinder abschlachteten und ihr hoher Gemahl die Anführer dieser blutgierigen Horden durch Orden auszeichnete. * * Die mit unwesentlichen Abänderungen das Ersturteil bestätigende Appellationsverhandlung im Francsfälschungsprozeß hat doch nicht wenige Ueberraschungen gebracht. Diese alle aufzuzählen, verbieten schon die Raumrücksichten. Ich möchte daher lieber einige Ergebnisse hervorheben, die jeder aufmerksame Leser dieses Prozesses als wahrscheinlich erwartet haben dürfte. Zum Beispiel: Wer war nicht darauf vorbereitet, daß Raba, der Sekretär des Fürsten Windischgrätz, in der Appellverhandlung alle seine den Ministerpräsidenten Bethlen und den Bischof Zadrawetz belastenden Aussagen aus der ersten Verhandlung zurücl^ziehen werde? Wer fand es nicht begreiflich, daß der Verteidiger des einst allmächtigen, aber wie man sehen konnte, auch heute noch für Feind und Freund sehr gefährlichen Nadossy, den Mut hatte, in der Appellverhandlung die Freisprechung seines Klienten zu verlangen, während er in der ersten Verhandlung nur auf mildernde Umstände plädiert hatte?