Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 36 (27.8.1926)
- Date
- 1926-08-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr, 36 aus rührige Firma auch den letzten Winkel des Orients verseucht hat. Diese Instrumente decken heute so ziemlich den gesamten Bedarf des Arabers an Musik. Wohl findet man ab und zu in den Wohnungen der Effendis ein Klavier, doch ist dieses mehr als zoologischer Garten statt als Musikinstrument in Gebrauch. So auch in Jaffa. Zwei Kilometer weiter, Tel Aviv, eine veränderte Situation. Levante — Europa. Obwohl die Grenzen oft stark verwischt sind. Darum ist auch der Versuch, Levante als arithmetisches Mittel von Orient und Okzident zu definieren, vergeblich. (Es kommen bestenfalls Null ganze und sehr viele Dezimalstellen heraus.) Sicherlich hat Tel Aviv äußerlich viel Levantinerhaftes an sich. Doch soll man nicht nach dem durch so viele Imponderabilien bedingten Aeußeren urteilen. Kultur kann man nicht nur nach dem Produzieren, sondern viel besser nach dem Konsumieren beurteilen. Man konstatiert zum Beispiel gerne die Kultur eines Volkes am Verbrauch von Seife. Nun, der Araber produziert sehr viel, konsumiert jedoch sehr wenig von diesem Artikel. Doch ich will ja nicht von Seife, sondern von Musik erzählen. Und was Palästina, vor allem Tel Aviv, an Musik in der letzten Saison konsumiert hat, ist qualitativ und quantitativ beachtenswert. Leopold Godowsky, Nahum Blinder, Henry Marteau, Jascha Heifez, Sibiriakoff und andere hervorragende Künstler fanden hier ein begeistertes Publikum. Heifez und Godowsky zog ein besonderer Gedanke her. Eine internationale Meisterschule für Musik, die der hebräischen Universität angegliedert werden soll, ist ihr Plan. Eine Reihe hervorragender Künstler haben sich schon bereit erklärt, alljährlich hier einige Monate unentgeltlich als Lehrer zu wirken. Für die Studenten, die ohne Unterschied der Nation und des Glaubens hier lernen sollen, werden Stipendien beschafft. Die Vorbereitungen für diese Hochschule zu treffen, kamen die beiden Künstler her. Aus Ueberzeugung, „daß die Musik das zuverlässigste Element der Völkerverbrüderung sei", hat Heifez für die Anstalt bereits über 1000 Pfd. Sterl. beim Dekan der Universität, Dr. Magnes, deponiert. Doch nicht nur von den Künstlern, auch vom Publikum ist mancherlei zu berichten. Wer eines jener Konzerte auf dem Platze des Beth-Am (Volkshaus) besucht hat, wo unter freiem Himmel 8000 Menschen, meist in Arbeiterblusen, lautlos den Tönen lauschten, wird einen unvergeßlichen Eindruck davongetragen haben. Es besteht hier ein ganz besonderes, eigenartiges Fluidum zwischen Künstler und Publikum. Ein Fluidum, von dem auch der Künstler und sein Spiel beeinflußt werden. Eine Atmosphäre innerer Verbundenheit, der Brüderlichkeit, steigert die Empfänglichkeit für die Darbietung um ein Vielfaches. So verstehen wir, daß mancher Arbeiter auf sein Nachtmahl verzichtet rjat, um die zwei Piaster für das Konzert zu haben. So begreifen wir, daß Blinder (ein junger Russe, der nach fachmännischem Urteil Heifez durchaus gleichwertig ist) und Heifez nicht nur in den Städten gespielt haben, daß sie hinausgezogen sind in das Land. In Charod, vor den Siedlern der Emekebene, spielte Heifez. In Rechoboth und Petach Tikwah, Blinder vor den Orangenbaueru Judäas. Fürwahr, eine eigenartige Bauernschaft. Aber nicht nur im Konsum ist Palästina groß, es wird auch viel produziert. Vor allem natürlich Kammermusik. Doch auch Chöre und, trotz mancher Schwierigkeiten, nun auch ein Orchester arbeiten nach besten Kräften. So stand die Aufführung des Mozart-Requiems anläßlich Nordaus Ueberführung völlig auf der Höhe. Große Verdienste um diese Arbeit erwirbt sich das Beth-Am, eine Art Volksbildungshaus. Mitte Juni fand ein musikalisches Ereignis statt. Die Musiker des Landes kamen zu einem kleinen Kongreß zusammen und dabei ward im kleineren Kreise ein Kammermusikaberid gegeben und tags darauf ein Riesenkonzert. Nun zerbricht man sich den Kopf für das nächste Jahr. Beethoven 100 Jahre! Neunte?? Ich wäre mit der fünften zufrieden. Nun, hoffen wir das Beste. Und dann last not least, unsere Oper! Das war ein ganz eigentümliches Erlebnis, diese letzte Opernaufführung der Saison. Eigentümlich in Form und Inhalt. Es war eine Art Tätigkeitsbericht, als man so aus mehreren Opern einzelne Akte aufführte. Cavalleria Rusticana, Carmen, Aida, Russalka (eine etwa 80 Jahre alte russische, romantische Oper, nett und harmlos). Und all das hebräisch! Das berührt einen so eigenartig, halb in Dur, halb in Moll, daß es auch einen bösartigen Kritiker ein wenig sanft stimmen könnte. Doch ist es gar nicht nötig. Denn die Leistung in ihrer Gesamtheit ist derart fabelhaft — ich benutze diesen Ausdruck nur sehr selten — daß einzelne kleine Schönheitsfehler völlig zurücktreten. Nach den obligaten Todesfällen in Cavalleria und Carmen meinte ein Bekannter, das Programm scheine symbolisch auf den nahen Tod der Oper hinzuweisen. Einige Berechtigung hat die Bemerkung, wenn man die finanzielle Lage des Institutes betrachtet. Doch, was oft totgesagt wird, lebt bekanntlich lange. Und totgesagt wurde die Oper schon oft. Zuerst vor ihrer Gründung — vor drei Jahren. Damals hatte Tel Aviv nur 20.000 Einwohner und eine böse Wirtschaftskrise, heute zwar 45.000 Einwohner, aber auch eine Wirtschaftskrise, docli das schadet nichts. Als Meister Golinkin von der fixen Idee gepackt wurde, eine Oper zu gründen, mußte er einige kleine Voraussetzungen für sie schaffen. Ein Orchester, einen Chor, ein Ensemble und — ein Publikum. Eines Tages war alles beisammen. Wie? Das weiß ich nicht und glaube, daß Golinkin es auch nicht mehr weiß. Sichere Ueberlieferung aus jener historischen Zeit meldet, daß Geld nicht vorhanden war. Wie in der Gegenwart. So schien alles aus dem Boden gezaubert. Mit Aida begann man. Dann wollte man die Jüdin in das Programm aufnehmen, doch wurde es auf Betreiben des Patriarchen Barlassina verboten. Es sei eine Herabsetzung der Kirche. Meint der Patriarch. Und jüngst schloß die dritte Saison. Der Tätigkeitsbericht stellte zufrieden. Es wirken hier Kräfte, die sich ruhig in der Wiener Volksoper hören lassen könnten. Wohl läßt manche schauspielerische Leistung zu wünschen übrig, doch soll so was auch bei Kammersängern vorgekommen sein. Dagegen läßt der Chor an Reinheit und Exaktheit nichts zu wünschen übrig, was umsomehr anerkannt werden muß, als er aus Amateuren zusammengesetzt ist. Ein kleines gut einstudiertes Ballettkorps zeugt von der liebevollen Hingabe der Mitglieder an ihre Auf-