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Die Wahrheit · 1926-08-27 · Heft 36 (27.8.1926) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 36 (27.8.1926)
Date
1926-08-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 36 P1E_WAHRHEIT _________________ g*** 1 _ Slichothtage einer frommen jüdischen Gemeinde. In einem Städtchen, wo die Sabbatruhe eine ganz vollständige ist, beginnt sich der Verkehr auch am Abend nur langsam zu entwickeln. Anders ist es am Abend vor Slichoth. Etwas Ungewöhnliches steht bevor. Die Juden aus den umliegenden Dörfern kommen massenhaft mit einfachen Fuhren wie zu einem Jahrmarkte in die Stadt gefahren. Sie wollen in der Stadt bei den Slichoth zugegen sein. Nicht weil sie in ihren Dörfern keine Bethäuser besitzen oder ein Minjan entbehren. Die Umgebung ist vielmehr von Juden dicht bevölkert, in allen Dörfern gibt es Schulen und Bethäuser zur Genüge. Heute handelt es sich aber um etwas ganz anderes. Denn zu Slichoth spricht der Rebbe und die Droscho wird zum Tagesereignis und niemand möchte das Erlebnis versäumen. Schon gleich nach Mitternacht ertönt die Stimme des Schulklopfers „Steht auf zu Slichoth". Die melancholische bekannte Melodie dringt tief ins Herz. Weckt nicht nur aus dem Schlaf, sondern ruft Erinnerungen und Gefühle wach, die nur demjenigen bekannt sind, der in seiner Jugendzeit selbst solche Slichoth miterlebt hat. Obwohl die Slichoth-Stunde für 3 Uhr angesetzt ist, herrscht bereits um 2 Uhr ungewöhnlich reges Leben in den jüdischen Gassen. Das rituelle Bad (MikWa) wird von Hunderten aufgesucht, denn die Frommen gehen nicht zu Slichoth, ohne vorher ein rituelles Bad genommen zu haben. Im Schulhof wimmelt es von Menschen. Aus der Schule selbst ist ein Summen zu vernehmen; mancher „sagt" Tillem, viele „sagen" aus dem Scharai Zion, um so-die Zeit bis zum Beginn der Slichoth auszufüllen. Inzwischen füllt sich das Gotteshaus derart, daß nicht einmal zum Stehen mehr Platz genug ist. Plötzlich teilt sich die dicht gedrängte Menge. Der Rebbe kommt! Der greise Vorbeter legt den Talles an und beginnt mit der alten traditionellen Slichoth-Weise, dem 145. Psalm David. Heiliger 100 % reines Fett jus ÄoÄosniissen "TO Schauer durchdringt jedes Herz, die zitternd klingende Stimme des würdigen Greises bringt jedem den heiligen Augenblick zum Bewußtsein. Die Worte ertönen: „Nahe sei Gott allen, die ihn anrufen, allen, die ihn anrufen in Wahrhaftigkeit. Den Willen seiner Fürchtigen lasse Er geschehen und ihr Wort erhört Er und hilft ihnen usw." Die Stimme des gottesfürchtigen Vorbeters wird wärmer und bis zur Oktave versteigt er sich bei den Worten „Jisgadal w'jiskadeutend mit „Amen sprechen" und umgekehrt. Wird also auf einen Segen, einen Ausspruch oder eine Verkündigung mit Amen geantwortet, so ist vor Gott, Gewissen und Gemeinde bekundet, daß das Gehörte, Gesprochene, Verkündete als wahr, richtig und feststehend anerkannt ist. Nun wird der eingangs genannte Satz betreffs des verkürzten, vorschnellen und verwaisten Amens verständlich. Eine Versicherung, die nicht richtig und deutlich ausgesprochen wird, könnte wie eine Unlauterkeit der Gesinnung, wie ein heimlicher, verdeckter Vorbehalt erscheinen. Man darf weder Gott noch die Menschen täuschen wollen. Spricht man das Wort Amen nach einem Schwüre aus, so ist es, als hätte man den Schwur selbst gesprochen, spricht man es nach einem Segen, so ist es, als hätte man gesegnet und nach einem Fluche, so ist es, als wäre der Fluch den eigenen Lippen entfahren. Diese Zustimmung zu Segen oder Fluch macht zum Mitwisser, mitverantwortlich und stärkt durch die eigene Seelenkraft die Wirkung von Segen oder Fluch. Darum wird mit Recht von den Alten gesagt: „der, der das Amen spricht hat größere Kraft, größere Verantwortung oder Verdienst als der, der den Segen spricht." Als die Samaritaner und Ketzer sich in die Bethäuser Israels schlichen, um unter dem Scheine jüdischer Frömmigkeit Israels Thora und Gottesdienst zu lästern und zu leugnen, da bestimmten die Gelehrten, nicht früher mit Amen auf ein Gebet zu antworten, als bis man es zu Ende gehört habe. Denn das Gebet ist wie ein Treuschwur, Gelöbnis oder ein Seger. und muß voll und ganz empfunden werden. Die Andacht muß ein innerliches Erleben der Religion und ihrer Werke sein. R. Jose sagte: „Geht der Israelite am Freitagabend aus dem Gotteshause, so begleiten ihn zwei Engel, ein guter und ein böser, in sein Haus. Ist das Haus sabbatlich geschmückt, der Tisch gedeckt, die Sabbatlichter entzündet, so spricht der gute Engel: „Es sei Gottes Wille, daß Du noch viele Sabbate so erlebst." Der böse Engel muß dazu gegen seinen Willen „Amen" sagen. Ist aber das Gegenteil der Fall, dann spricht der böse Enge!: „Es sei Gottes Wille, daß Du so noch viele Sabbate erlebst" und der gute Engel muß gegen seinen Willen dazu „Amen" sagen. Ein ehrlicher Spruch, sei es Fiuch oder Segen, erzwingt sich durch seinen Gehalt an Wahrheit und L'eberzeugungskratt die Zustimmung. Der wohlverdiente Segen zwingt den böse» Engel mitzusegnen, der verschuldete Fluch bringt den guten Engel dazu, mitzufluchen. Eine Verheißung lautet: „Dem, der das Amen lange und anhaltend ausspricht, werden seine Tage und Jahre verlängert. Das ist eine glaubwürdige Wahrheit. Wenn wir die Zeit aufbringen, alles zu halten, was wir versprechen, unsere Zustimmung aber nur dem geben, was wir auch wirklich betätigen, dann ist unser Leben reich an Inhalt. Jahre und Tage zählen voll und ganz und wir sind keine „Amensager", die urteilslos und geistesabwesend, ohne Ueberzeugung und Gesinnung jeder Rede, Einflüsterung und jedem Gerücht wie ein seelenloses Echo das Gleiche zur Antwort geben, sondern wir sagen „Amen", wie „das Volk, das auf die Wahrheit Acht hat." K.

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