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Die Wahrheit · 1926-08-27 · Heft 36 (27.8.1926) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 36 (27.8.1926)
Date
1926-08-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 SIC WAHRHEIT Nr. 36 Wir wissen aus Wassermanns Bekenntnisschrift „Mein Weg als Deutscher und Jude", wie Wassermann um die deutsche Seele gerungen hat. Und ihm sollte aus prinzipiellen Gründen versagt geblieben sein, was Münchhausen und Lilien gelang? Nur Wassermann selbst würde ich es glauben, nur wenn er selbst es behaupten würde, daß er im Caspar Hauser; im Erwin Reiner, im Daniel Nothafft, im Christian Wahn schaffe, im Dietrich Orlin, im Eugen Fab er, im Friedrich Laudin (haben denn Namen gar nichts zu bedeuten?) „immer wieder Rassegenossen zu Trägern der Handlung in seinen Romanen macht" — wie Münchhausen vorgibt, der Wassermann sogar die A b sieht unterschiebt, Juden zu gestalten in der Selbsterkenntnis, daß er nur Juden zu gestalten vermag. Mit dieser Theorie, die den Juden als Eindringling in Kunstgebiete empfindet, die ihm nicht offen stehen, stempelt Münchhausen ihn zum Mithelfer am Morde der deutschen Seele. Schon ist es nicht mehr der Deutsche allein, der schuldig ist. Die Diktion Münchhausens nähert sich jedoch bedenklich jenem Antisemitismus, „dessen Vater der Neid und dessen Bruder der Mord ist", da er sich mit Emil Ludwigs „Kaiserbuch" beschäftigt. Seiner Theorie folgend, wendet er sich nicht gegen die Auffassung, die Ludwig in seinem Werk bekundet, sondern gegen die Tatsache, daß er sich mit einem Thema beschäftige, das ihm, dem Juden, für undiskutabel zu gelten habe —- (und behauptet doch einige Zeilen weiter, daß die Juden „völlig gleichberechtigt unter uns l|ben"). Er wendet sich zweitens gegen das deutsche Volk, weil es nicht „Scham und Wut" darüber empfinde, „daß ein zugewanderter Fremdstämmiger mir meinen Fürsten zu verunglimpfen wagt" — „daß Zehntausende von Deutschen kein Gefühl haben für das Aufpeitschende, das darin liegt, daß ein Jude ihnen ihren Kaiser so unglaublich darstellt". Es ist bezeichnend, daß die „Schlesische Zeitung" (Nr. 122 vom 13. März 1926) diesen Passus, abweichend vom Original, in gesperrtem Druck bringt. Die „Schlesische Zeitung" hat ihren Ton erkannt, die Sprache des Antisemitismus, „dessen Vater der Neid, und dessen Bruder der Mord ist". Noch wehrt Münchhausen sich gegen die Gemeinschaft mit diesem Antisemitismus, und wer den Dichter, wer den Redner kennt, mag vom Ueberzeugten sich überzeugen lassen. Und trotzdem treibt er im Fahrwasser jener Richtung, führt ihr trübe Strömungen zu. Denn: sein Aufsatz ist nicht für ihn selbst geschrieben, sondern für die andern. Und wiehaterauf dieseandernbereits gewirkt? Der Verleger von „Deutschlands Erneuerung" fügt dem Aufsatz Münchhausens ein Nachwort bei. Da heißt es: „Wie kann jeder beitragen, unserem Volke zum Siege zu verhelfen? Der deutsche Verleger dadurch, daß er keine undeutschen Werke druckt, der Sortimentsbuchhändler, daß er sie nicht auf sein Lager nimmt, empfiehlt und verkauft, die deutsche Presse dadurch, daß sie diese als artfremd ablehnt, und das deutsche Volk dadurch, daß es sie grundsätzlich nicht kauft." Merkwürdigerweise findet Münchhausen selbst keinen positiven Weg, die deutsche Seele zu retten. Nicht ruft er den Deutschen zu: Tretet ein in den Kampf! Lernt eure Zeit verstehen! Schafft Werke, die denen der Juden an die Seite zu stellen sind, wie sie begehrt und gekauft werden! Nein, er weiß nur den negativen Ausweg: Ihr jüdischen Schriftsteller, schreibt weniger! Ihr jüdischen Verleger, druckt weniger! Auf daß ein normaler Prozentsatz der Produktion herauskomme! Auf daß die deutsche Seele genese! Er ist nicht ehrenvoll für die Deutschen, dieser Ausweg. Aber was sagt Münchhausen zu jenem, den der Herr Verleger von „Deutschlands Erneuerung" weist? Das ist Mord, ist geistiger Mord. Hier ist nicht' mehr der Jude Mithelfer; hier ist es der Jude allein, der der „deutschen Seele das Sterbebett" bereitet. Das ist der Antisemitismus, „dessen Vater der Neid und dessen Bruder der Mord ist". Und Börries v. Münchhausen hat ihn entfacht — und hat einst gesungen im „Buch Juda" für Israel: Ich bin des Predigers Stimme in der Wüste, Stark ist mein Schrei, d i e L i e b e ihn gebar. Feuilleton Amen! „Verflucht, wer nicht aufrecht hält die Worte dieser Lehre, sie zu tun — und es spreche das ganze Volk: Amen! V, 27, 26 Im Talmud wird gelehrt: „Man antworte nicht mit einem zu schnellen Amen und nicht mit einem abgekürzten", <ias heißt mit einem solchen, dessen letzter Buchstabe ungesprochen bleibt und „nicht mit einem verwaisten", das heißt mit einem solchen, das wie ohne Zusammenhang mit dem vorausgesprochenen Segensspruche dasteht. Wer trotzdem so tut und mit einem verwaisten Amen auf die Segenssprüche antwortet, dessen Kinder werden Waisen werden; wer sein Amen verkürzt oder zu schnell ausspricht, dessen Tage werden verkürzt und seine Jahre vorzeitig zu Ende gehen." Als dem Volke Israel Segen und Fluch verkündet wurden, standen sechs Stämme auf dem Berge Gerisim, um den Segen, und sechs Stämme auf dem Berge Ebal, um den Fluch zu sprechen. So oft die Leviten einen Fluch verkündeten, sprach das ganze Volk „Amen". Die Thora findet es nicht für überflüssig, zwölfmal hintereinander dieselbe Redewendung zu wiederholen: „Es spreche das ganze Volk Amen". An einer anderen Stelle, in der der Priester der des Ehebruchs verdächtigten Frau einen Schwur auferlegt, antwortet die Frau mit einem doppelten „Amen". Als Esra dem Volke das Buch der Lehre vorlas und Gott dem Herrn den Segen sprach, antwortete das ganze Volk wiederum mit einem doppelten „Amen". Als der Prophet Jeremias dem Volke den Untergang und das Ende der babylonischen Herrschaft verkündete, sprach er vor dem versammelten Volke: „Amen, so möge Gott tun!" Dieses kleine Wörtchen, das allen aus Gottesdienst und Gebetbuch, aus Brauch und Uebung wohlbekannt ist und auch in Redewendungen der Sprache wie „Ja und Amen sagen" oder „wie Amen im Gebete" vorkommt, muß eine besondere Bedeutung haben. Schon im Talmud wird gefragt: „Was bedeutet das Wort Amen", worauf R. Chanina antwortet: „el melech neemen", daß es aus den Anfangsbuchstaben des Satzes „Gott ist ein treuer König" zusammengesetzt ist. In poetischer und sinniger Art ist hierdurch ausgedrückt daß der Mensch mit dem Aussprechen des Wortes „Amen" eine Wahrheit bekräftigt, die treu und bewährt ist wie Gott selbst, der Wahrheit und Treue ist. R. Lakisch sagte: „Jedem, der mit ganzer Kraft Amen antwortet, tun sich die Pforten des Gan Eden auf, denn der Prophet Jesäia verkündet: „Tut auf die Tore, daß eintrete ein gerechtes Volk, das auf die Wam> heit Acht hat". Lies nicht „das auf die Wahrheit Achti hat", sondern „das Amen spricht". Das heißt mit anderen Worten, „die Wahrheit beobachten" ist gleichbe-

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