Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 36 (27.8.1926)
- Date
- 1926-08-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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WAHRH Oesferrelchlsdie Wochensdiriff lür füä!s<&e Interessen Pill tfem Bemiafl; YeröitenflMiiingen der .Union äenascnösterreldüsdier Jeden4* " Redaktion und Administration: Wtemi Wß~. Hcincgirqile - Fermruf 42-2-16 XLII. Jahrgang Wien, 27. August 1926 Nummer 36 „Yom Sterbebett der deutschen Seele." Von Betty F o e r d e r (Breslau). Die deutsche Seele stirbt, der Jude ist ihr Mörder — das ist nicht weiter verwunderlich. Wohl aber ist es verwunderlich, daß es gerade B ö r r i e s v. Münchhausen vorbehalten war, zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Gerade Börries v. Münchhausen (und der Jude ist doch pessimistisch). Münchhausen weiß, daß in seinen Vorträgen „die Juden in einem hundertfach über ihren Prozentsatz im Volke hinausgehenden .Prozentteil sitzen". — Diese Feststellung sei noch ergänzt: eine kleine Rundfrage, ganz willkürlich, ganz wahllos an mir Begegnende gestellt, ergab, daß in der Bibliothek fast jedes nur irgendwie literarisch interessierten Juden ein Band von Münchhausens Balladen steht; daß alle seine Balladen kennen; daß alle seine Balladen lieben. Dies, um die Stellung des Juden zu Münchhausen zu charakterisieren. Wie sieht die Münchhausens zu den Juden aus? Zunächst: wie sah sie bisher aus? Man denke sich aus dem Werk Münchhausens jene Teile fort, die Stoffe des Alten Testaments, die jüdische Gestalten, jüdisches Erleben zeichnen — und ein Schmuckstück bleibt zurück, das seiner köstlichen Steine mit Kennerblick frech beraubt ist. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachte man den Gedichtzyklus „Die drei Hemden" (aus der Sammlung „Die Balladen und ritterlichen Lieder"): es ist kein Zufall, daß „Rabbi Manasse Cohen" — das Gedicht mit dem jüdischen Helden — den Zyklus beschließt, ihn krönt. Der eigenen Erkenntnis vom Werte seiner jüdischen Dichtungen mag Münchhausen gefolgt sein, als er, durch den Maler Lilien angeregt,, die jüdischen Balladen gesondert im „Buch Juda" erscheinen ließ. Lilien hat dies Buch illustriert, und so ist es zur gemeinsamen Schöpfung, zum gemeinsamen Besitz geworden — des Deutschen und des Juden. Wie konnte das geschehen? Die Antwort gibt Münchhausen selbst in einer Skizze, deren Abdruck er kurz nach dem Tode Liliens veröffentlichte, um den toten Freund zu ehren: „Wir haben zusammen gelebt und allmählich, ganz allmählich den andern verstanden — der Deutsche den Juden, der Jude den Deutschen verstanden! Tiefes Verstehen wurde gemeinsames Denken und Empfinden, schuf ein gemeinsames Kunstwerk, da Wort und Bild in Harmonie sich vereinigen." So dachte Börries von Münchhausen im Jahre 1905, als er die Skizze „Lilien und ich" im „Generalanzeiger für die Interessen des Judentums" erscheinen ließ. Im Jahre 1926 schreibt Münchhausen für die Monatsschrift „Deutschlands Erneuerung" den Aufsatz „Vom Sterbebett der deutschen Seele". Anlaß zu diesem Aufsatz gibt eine Rundfrage, die „Das Tagebuch" an eine Reihe von Buchhändlern ergehen läßt. Da stellt sich nämlich heraus, daß die am meisten begehrten, am meisten verkauften Bücher von Juden und Ausländern verfaßt sind. Die Gefahr, die der deutschen Seele auf diese Weise von den Ausländern droht — es handelt sich wohl um die Namen Dostojewsky, Balzac, Rolland —, muß Münchhausen nur unbedeutend vorkommen. Denn ihr widmet er einen so geringen Teil seiner Aufmerksamkeit, daß sie mit Recht im Rahmen dieser Ausführungen ohne Beachtung bleiben kann. Um so eingehender beschäftigt er sich mit den Juden als den Totengräbern der deutschen Seele. „Das deutsche Volk kauft mehr als doppelt so viele jüdische und ausländische Schriftsteller als deutsche! Die 60 Millionen Deutsche kaufen mehr Bücher, die geschrieben sind von der halben Million Juden, als Bücher von ihren 591/2 Millionen Landsleuten. Nehmen wir annähernde Gleichheit der Produktion an, so bedeutet das, daß 120 Deutsche lieber das eine Buch des einen Juden unter sich kaufen, als die 120 Bücher, die ihre Rassebrüder verfaßten." Das erweckt zunächst den Anschein, als ob die Deutschen selbst der deutschen Seele das Sterbebett bereiteten. Münchhausen betont auch ausdrücklich, er wolle „nichts zu tun haben mit dem Antisemitismus, dessen Vater der Neid und dessen Bruder der Mord ist"! Er räumt den Juden ohne weiteres das Recht ein, Bücher zu schreiben, sogar das Recht, bessere Bücher zu schreiben als die Deutschen. Aber er setzt dem Produktions gebiet der Juden Grenzen — der Dichter Münchhausen will der Kunst Grenzen vorschreiben! — die zu Grenzen seines eigenen logischen Denkens werden. „Es gibt Bücher," sagt er, „bei denen es durchaus wichtig ist, daß sie von einem Manne verfaßt sind, der gleicher Rasse mit dem Leser war." Zu solchen Büchern rechnet er zum Beispiel nicht Werke medizinischen Inhalts — das Leben kann man sich schlimmstenfalls auch von Juden retten lassen! Aber unmöglich ist es, daß Heines Lyrik' deutsches Empfinden zum Ausdruck bringen kann. Das sagt der deutsche Dichter, der mit Vorliebe den Regungen der jüdischen Seele in Freud und Leid folgt. Wie will e r d a Zutritt haben, wo er, umgekehrt, Heine verschlossene Tore finden läßt?! Er erzählt, wie er mit Lilien zusammen lebt, wie einer den andern verstehen lernt. Aber: „Nur wer jedes Instinktes bar ist, kann glauben, daß etwa Jacob Wassermanns Meisterhand deutsche Menschen schaffen könnte."