Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1926-08-20 · Heft 35 (20.8.1926) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 35 (20.8.1926)
Date
1926-08-20
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3063973-3064006--14804-3082383
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 35 t>m WAflRttftfT Seite 9 vielleicht doch überlegen sollen, ob es für ihn geraten sei, in dieser Sache sein Glück als — Verfolger zu versuchen. * * * Vor kurzem fand in Wien wieder eine gerichtliche Verhandlung über eine-Affäre statt, die ihren Ausgangspunkt in dem famosen Waidhofener Prinzip hatte. Ein jüdischer Student war von einem deutschnationalen in der scheußlichsten Weise beleidigt und, als er dafür Satisfaktion mit der Waffe verlangte, mit dem Hinweis auf das Waidhofener Prinzip, das den Juden die Satisfäktionsfähigkeit abspricht, abgefertigt worden. Der demnach zweifach Beleidigte betrat nun den Klageweg und man darf wohl — die Verhandlung wurde vertagt — auf das richterliche Urteil gespannt sein. Wie immer dies auch ausfallen wird, so sollten doch die Verehrer des Waidhofener Prinzips durch vielfache Vorfälle zumindest schon darüber belehrt sein, daß dieses Prinzip eventuell ein ausgezeichneter Schutz gegen einen Säbelhieb oder eine Flintenkugel ist, aber nicht immer immun gegen mitunter sogar blutige Ohrfeigen macht. Neulich las man sogar von einem jüdischen Studenten, der nicht nur seinen antisemitischen Beleidiger, sondern selbst dessen Sekundanten, der ihm höflich die Botschaft übermittelte, sein Gegner halte ihn nicht für satisfaktionsfähig, mit einer schallenden Ohrfeige bewirtete. Ich möchte als prinzipieller Duellgegner, im allgemeinen den Waidhofener Herren in ihrem eigensten Interesse einen kleinen Reformvorschlag zur Güte unterbreiten, einen Vorschlag, bei dem ich die weitestgehende Schonung sowohl für ihr schönes Prinzip als auch für ihre arischen Wrangen im Auge habe. Punkt 1 ihrer Statuten müßte lauten: „Wer seinem Juden die Satisfaktionsfähigkeit abspricht, soll sich früher die Höflichkeit abgewöhnen, ihn durch eine Beleidigung herauszufordern". EGO. Die neue palästinensische Staatsbürgerschaft. Zu den vielen Versprechungen und Zusagen, welche seinerzeit von den offiziellen Leitern der Zionistischen Organisation verkündet wurden, gehörte auch die Begünstigung von Juden bei Erwerbung der palästinensischen Staatsbürgerschaft. Schon im Jahre 1922 wurde in Palästina eine Konskribierung jener Juden fremder Staatsangehörigkeit vorgenommen, die Palästinenser werden wollten. Das Ergebnis der Optionsaktion war imposant. Dann wurde aper seitens der englischen Regierung an dem Staatsbürgergesetze so viel herumgetüftelt, bis die damaligen Optionen fast zur Wertlosigkeit herabsanken und sich das Ganze als eine „unwürdige Komödie" hingestellt ha!. Laut dem neuen Staasbürgergesetze müssen sich nun auch die Optanten von 1922 neuerdings regelrecht anmelden, so wie alle übrigen, und nun gibt es beschämende Enttäuschungen. t)ie Mehrheit der inPalästina 1 ebendenJudenwollenkeinepalästinen- Sischen Staatsbürger werden. Die Zionistische Exekutive gibt die Zahl der bisfier eingebürgerten Juden mit 3500 an, was von der Einbürgerungskommission noch als zu hoch angesehen wird. Ein Memorandum dieser Kommission unterrichtet über die Gründe, die die Interesselosigkeit der Bewohner und das schlechte Ergebnis der Einbürgerung erklärlich machen sollen. Die jüdischen Bewohner haben das Vertrauen zur englischen Durchführung des Palästina-Problems verloren, da das Gesetz die im Mandat vorgeschriebene Erleichterung nicht einhält. Weiters wollen sich die ausländischen Staatsangehörigen den im alten ottomanischen Gesetz (das noch immer in Palästina in Kraft besteht) enthaltenen Vexationen nicht aussetzen. Die unendlichen Formalitäten, die von den Regierungsbeamteh verlangt werden, bedeuten große Zeitverluste sowie die Notwendigkeit, alle Arten amtlicher Papiere aus dem Heimatlande zu beschaffen, was vielfach unmöglich ist, jedenfalls aber die Lust zur Einbürgerung nimmt. Ueberhaupt existieren zahlreiche Klagen über das Verhalten der Beamtenschaft. Das gilt vor allem in bezug auf die 1922 provisorisch Naturalisierten, die gezwungen werden, noch einmal alle Dokumente herbeizuschaffen, zumal in den Regierungsarchiven viele Aktenstücke aus dem Jahre 1922 unauffindbar sind. Alle Aneiferungen, Proklamationen zionistischer Amtsstellen sind vergebens. Der Leiter der politischen Sektion der Zionistischen Exekutive, Kolonel Kish, konstatierte in einer Rede die vollkommene Interesselosigkeit der Juden für die ganze Staatsbürgeraktion und betonte die große politische Gefahr, die in diesem Verhalten der jüdischen Bewohner liege. Als Anspornung, erklärte der Kolonel, daß er selbst auch palästinensischer Staatsbürger werden wolle, was jedoch allenthalben als liebenswürdige, aber etwas komische Geste betrachtet wird. Dem Herrn Kish, als englischen Offizier in so hoch dotierter, führender Stellung, kann auch eine palästinensische Staatsbürgerschaft keine unangenehmen Folgen bringen, denn er wird — was da immer komme — ein englischer Offizier und gutsituierter Gentleman bleiben, der eben nichts riskiert. Die jüdischen Bewohner Palästinas wollen nun w'eiter unter dem Schutze ihrer Konsuln bleiben und sich nicht den Unbeständigkeiten der e» g- 1 ischen Mandatsverwaltung aussetzen. ~k £. Sdkattd Sohn Wien #/., (fratcwstraPc Jffir. 37 Tel. 43-4-10 Elegante Herrengarderoben Feinsie Herrenwäsche

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.