Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 35 (20.8.1926)
- Date
- 1926-08-20
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 10 ptfe Wahrheit Nr. 35 Christentum und Antisemitismus. Wir haben in unserer letzten Nummer eine bemerkenswerte Kundgebung des Papstes gegen den Antisemitismus veröffentlicht und wollen als Ergänzung hiezu eine Aeußerung wiedergeben, welche Kardinal van Rossum, eine der einflußreichsten Persönlichkeiten der katholischen Kirche einem Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur gegenüber getan hat und welche die schärfste Ablehnung aller antisemitischer Tendenzen beinhaltet. Kardinal van Rossum sagte: Die katholische Kirche strebt Versöhnung und Brüderlichkeit der Völker an und verurteilt aufs strengste und mit der ganzen Kraft ihrer Autorität den Antisemitismus. Jeder Versuch, eine würdige und ruhige Existenz des jüdischen Volkes zu stören, wird von der katholischen Kirche als gegen den Geist ihrer Lehre scharf mißbilligt. Zwischen der katholischen und der jüdischen Religion bestehen drei gemeinsame Hauptgrundsätze: Der Glaube an einen einzigen Gott, an die Unsterb-. lichkeit der Seele und an die Reinwaschung von begangenen Sünden durch Sühne. Was die Entstehung eines jüdischen nationalen Heims in Palästina betrifft, schloß Kardinal van Rossum, so ist es meine Meinung, daß die Bemühungen des jüdischen Volkes, sein durch Jahrhunderte verödetes Land wieder aufzubauen, als eine Verwirklichung göttlicher Prophezeiungen anzusehen ist. Natürlich müssen die anderen Religionen, hauptsächlich die katholischen, die dort ihre heiligen Stätten besitzen, respektiert werden. Zum Schluß drückte Kardinal van Rossum nochmals sein tiefstes Bedauern über die ungerechten Verfolgungen aus, denen Juden in manchen Ländern ausgesetzt sind. Ernennung Dr. Baranys zum Professor in Upsaia. Der Dozent an der alten schwedischen Universität in Upsaia, der bekannte Nobelpreisträger Dr. Robert B a r a n y wurde, wie aus Stockholm gemeldet wird, zum Professor der Ohren-, Nasen- und Hälskrankheiten an dieser Universität ernannt. Professor Barany, ein geborener Wiener, war seinerzeit Privatdozent an der Wiener Universität, konnte aber hier, obwohl er bereits den Nobelpreis für seine bahnbrechenden wissenschaftlichen Arbeiten erhalten hatte, als Jude keine Professur erhalten. Er übersiedelte sodann durch Vermittlung des Prinzen Karl von Schweden in ein Land, in welchem der wissenschaftliche Wert eines Gelehrten nicht allein nach seiner Abstammung beurteilt wird, und setzte dortselbst seine Arbeiten fort. An seinen Namen knüpfen sich unsere erweiterten Kenntnisse % über die Funktionen des Labyrinths sowie die Möglichkeit der Lokalisation von Gehirngeschwulsten. Alle, die Professor Barany nicht nur als großen Gelehrten sondern auch als aufrechten Juden schätzen, werden Genugtuung darüber empfinden, daß er die Anerkennung, die ihm sein Heimatland unbegreiflicherweise, wenn auch aus naheliegenden Gründen versagte, nunmehr in der Fremde gefunden hat Notwehr. Es war zur Zeit der Pogrome und des weißen Terrors in Ungarn. Eine eiskalte Winternacht des Jahres 1923. Die Einwohner von Kovacsi, einem kleinen Städtchen in jenen Teilen des Pester Komitates, die von den Gewalttätigkeiten der Weißgardisten am schwersten heimgesucht wurden, lagen bereits in tiefem Schlafe. Nur der jüdische Gastwirt Ujvari konnte gleich manchem anderen seiner Glaubensgenossen keinen Schlummer finden. Seine Nerven waren zu sehr erregt. In seinen Adern pochte das Blut stärker und immer stärker, mit Zentnerschwere lastete die Angst vor dem Furchtbaren, dem Unaussprechlichen auf seine Brust, schnürte ihm die Kehle zusammen und krallte ihre eisigen Hände tief in seinen müden Leib, so daß der kalte Schweiß von seiner Stirne rann: „Ach Herr, gib uns deinen Segen, nimm meine Kinder in deine Hut! Herr, warum hast du dein Antlitz von uns abgewandt? Herr, wende uns doch dein Antlitz wieder zu und gib uns endlich wieder Frieden! . . ." Auf einmal Lärmen und Poltern an der Tum. Ujvari springt aus dem Bette, nimmt sein Gewehr und eilt hinaus. Zwei Burschen stehen vor der Tür und fordern unter Drohungen und antisemitischen Beschimpfungen, daß er ihnen öffne und zu trinken gebe. Ujvari tritt ihnen entgegen und bittet sie, sich in Ruhe zu entfernen. Die Burschen werden dringlicher und fordern in immer drohender Weise Einlaß. Es kommt zu einem Handgemenge, in dessen Verlauf einer der Burschen von einer Kugel getroffen tot zusammenbricht. Ujvari wurde zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Seiner Berufung wurde jedoch Folge gegeben und die königliche Tafel sprach den jüdischen Gastwirt frei In der Begründung des Freispruches wird darauf hingewiesen, „daß in einer Zeit, in der nächtliche Ueberfälle und Gewalttätigkeiten gegen Juden auf der Tagesordnung standen, Ujvari in begreiflicher Notwehr gehandelt habe".________ Sie nicht, Ihre Neujahrs« gratulation zu beordern! Vergessen Warum Horthy-Ungarn keine Anleihe erhielt. Der ehemalige Minister Lorant H e g e d ü s, der zur Zeit der Inflation und der Blüte des „christlichnationalen" Pogromkurses in Ungarn Finanzminister war, veröffentlicht jetzt unter der Ueberschrift „Konfessionelle Außenpolitik" eine Artikelserie, in der er auch der Meinung Ausdruck gibt, daß die ungarischen Juden sehr viel dazu beitragen könnten, die außenpolitischen Beziehungen Ungarns günstiger zu gestalten. Das ungarische Gesetz vom Numerus clausus hält Hegedüs, wenngleich davon die Juden am stärksten betroffen seien, für eine Frage eines jeden Ungarn, der im Auslande bestehen will. „Nun ist die Frage, auf welchem Wege die ungarische Judenschaft Außenpolitik im Interesse des Wiederaufbaues von Ungarn machen könnte. Ich bin, sagt Hegedüs, diesen Weg notgedrungen gegangen. Meine letzte amtliche Auslandsreise führte mich nach Hamburg, wo ich mit Bankleuten wegen einer Auslandsanleihe verhandelte. Ich brauchte bis zu dem Zeitpunkte, da die Verkehrssteuer in Fluß gerät, eine Uebergangsanleihe. Später las ich in den ungarischen Blättern den Vorwurf, daß' ich mit „Winkelbankiers" verhandelt hätte. Darauf antwortete ich überhaupt nicht Meine sogenannten Winkelbankiers waren: das größte Bankhaus von London, der erste Bankier von New York, der zu diesem Zweck nach Hamburg herübergekommen war, und eine angesehene Patrizierfirma in Hamburg, in deren altem Palais die Beratungen stattfanden. Die Wände des Beratungsziimmers trugen einen ganz eigenartigen Bilderschmuck. Es waren die Photographien aller Finanzminister, denen die uralte Firma der Hansastadt jemals eine Anleihe bewilligt hat. Eine solche Tapete habe ich wohl im Leben noch nicht gesehen, denn angefangen von meinem japanischen Kollegen bis zu Helfferich waren sie alle da. Die Verhandlungen schlössen damit, daß mir zu Ehren ein sehr schönes Bankett gegeben wurde, aber die Anleihe habe ich nicht erhalten. Ich blickte meinen Gastgebern tiefer in die Augen, und ich konnte aus den Augen dieser Vertreter der Finanz deutlich herauslesen, daß man Finanzpolitik unmöglich machen könne, wenn man nicht eine günstige öffentliche Meinung zu schaffen vermag. Der eine Bankier, der mir gegenüber saß, spendete gerade um jene jene Zeit eine halbe Million Dollar für die hebräische Universität in Jerusalem. Diese Finanzniänher, mit denen üch in Hamburg am Beratungstisch saß, hörten und lasen es, daß man sie in Ungarn als Judensöldlinge beschimpfte. An jenem Tage, an . dem mir dies in Hamburg widerfahren ist, sandte ich mein Demissionsschreiben ab." Das „freie" Amerika. Unter dieser Ueberschrift bringt die angesehene dänisch-jüdische Zeitung „Mosaisk Samfund" einen Leitartikel, der mit der besonders unter uns Juden so weit verbreiteten Ansicht über Amerika als das sogenannte freieste Land der Drde gründlich aufräumen dürfte. Anknüpfend an einen früher in dem Blatte erschienenen Aufsatz des bekannten schwedischen Schriftstellers Frederik Böök, der sich besonders mit dem Antisemitismus in Amerika befaßt, und der voraussagt, daß der nordamerikanische Antisemitismus in Zukunft denjenigen sämtlicher anderer Länder an brutaler Rücksichtslosigkeit und Unbarmherzigkeit übertreffen wird, fährt der Artikel fort: „Vielleicht finden die Lehrsätze der. Gleichheit, Freiheit und Toleranz absoluten Ausdruck in den LaridesgesetzenxJ und man muß einräumen, daß in dert Vereinigten Staaten Juden — sogar orthodoxe Juden — so hervorragende Posten wie den eines Oberrichters und Gesandteji gewonnen haben — während selbst in unserem toleranten uft'd durch und durch freigesinnten Dänemark noch niemals ein Jüde! eine derartige Position hat erreichen können. — Aber wir) ziehen dennoch den in Dänemark herrschenden Geist vor. JDenn was nützt es, daß Juden Aemter und ehrenvolle Stellungen im Staatsdienst e^^en können, wenn man sie gleichzeitig gesellschaftlich boykottiert. Das ist nicht* einmal ein neues, aufsehenerregendes Phänomen in Amerika. Schon am Schlüsse des vorigen Jahrhunderts konnte Hendrik .Cavling in seiner großen Reise-Schilderung: „Fra Amerika" (Aus Amerika) erzählen, daß die Juden gesellschaftlich ^boykottiert waren und daß jeder gute Klub ihnen verschlossenf tyar.;ßie ganze Welt hat in der letzten Zeit von Henry Fords unbändiger antisemitischer Campagne gehört Und davon, wie er Zehntausende von Dollars opfert, um iudenfeindliche Literatur über den ganzen Erdball zu verbreiten.