Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 35 (20.8.1926)
- Date
- 1926-08-20
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 DIE WAHRHEIT Nr. 35 Das sind die letzten Zeilen ihres letzten Buches und sie sind mehr als der bloße Bericht eines merkwürdigen Ereignisses, sie sind ein Symbol der Glückel selbst und ihres Lebenswerkes. In dunkler Nacht der Vergangenheit, in der alle ver- ' sunken sind, die vor uns lebten, wird es auf einmal licht. Auf einmal teilen sich die Schatten und der ganze Himmel einer wundervollen Seele tut sich vor unseren erstaunten Augen auf und dann schließt sich der Vorhang, die Flammen verlöschen, es wird dunkej wie vorher. Daß uns aber dieser eine Blick gegönnt war, daß es uns möglich war, ein Wunder zu schauen, dafür müssen wir dem Schicksal danken und der Glückel von Hameln. (Fortsetzung folgt.) Glossen. Dr. Seipel hat kürzlich einen Vortrag über Nationalität gehalten, der eigentlich einen Faustschlag gegen die Bekenner der hakenkreuzlerischen Rassentheorie bedeutet. Aber Dr. Seipel hat mit bewunderungswürdiger Gewandtheit es verstanden, seinem Vortrage eine Einkleidung zu geben, die ihn vor jedem gehässigen Angriff schützt; er befleißigte sich nämlich seiner streng wissenschaftlichen Sprache, die jedem gesinnungstreuen Hakenkreuzler ' das Verständnis des Vortrages .wesentlich erschweren mußte. Das Mittel ist probat. Die Herrschaften verstehen vorzüglich die aufreizende Sprache der Hetzer; mit wissenschaftlichen Auseinandersetzungen kommt ihnen niemand bei, auch wenn sie in verständlicher, populärer Form dargeboten würde. ,••> * . * 'i,.! * i'i Eine hochherzige und hochsinnige Frau, Kaiserin Elisabeth, hatte mit dem prachtvollen Heine-Monument, das sie in Achilleion errichten ließ, dem Dichter, den sie so unsäglich schätzte, eine die Zeiten überdauernde Huldigung darbringen wollen. Ihre Verehrung für den Genius ihres Lieblingsdichters ging so weit, daß sie, kaum daß sie vernommen, die Lieder des von Heine verherrlichten edlen Rabbi Jehuda Halevi würden in deutscher Uebersetzung erscheinen, sofort verfügte, das erste Exemplar des Werkes möge ihr zugestellt werden. Als nach dem Tode der Kaiserin, Wilhelm II. Achilleion ankaufte, war das erste, was er anordnete, daß das Heine-Monument hinausgeworfen werde. Selbst die Pietät, die der neue Besitzer schon dem Andenken der Kaiserin Elisabeth schuldete, konnte den Dichter, der vor Jahrzehnten einmal mit ein paar Versfüßen einem Hohenzoller auf den Fuß getreten war, nicht vor dieser kleinlichen Rache schützen. Der Käufer Achilleions gönnte dem Dichter nicht den kleinen Fleck Erde, auf den sich sein marmornes Standbild erhob. Was mochte Wilhelm IL, der heute den Boden Deutschlands nicht betreten darf, empfinden, als er in Doorn von der weihevollen Feier las, die Hamburg zu Ehren des großen Dichters anläßlich der Enthüllung seines Denkmales veranstaltete! Allerdings konnte sich der Ex-Kaiser zu seiner Beruhigung sagen, daß die begeisterten Heine-Verehrer kaum je in die Lage kommen werden — zur Revanche von Achilleion — die Entfernung eines Wilhelm-Denkmals zu fordern. # * * Ludendorff, der sofort nach dem verlorenen Kriege, ein Buch schrieb, in welchem er die Mißerfolge zwar notgedrungen mit Hindenburg teilte, aber bald offen, bald versteckt, alles Rühmliche sich zueignete, wird von einem tragischen Mißgeschick verfolgt. Während Hindenburg heute selbst den meisten seiner einstigen Gegner Achtung und Sympathie abringt, muß Ludendorff sehen, wie die große Schaar der fanatischen Verehrer, die er besaß, immer mehr zusammenschrumpft. Vergebens versuchen die ihm treu gebliebenen „Völkischen" Blätter den Schleier des Verschweigens über die Valutaschiebungen des Generals zu breiten, der, wie einst seine teuere Person, später auch sein Geld durch die Flucht ins Ausland in Sicherheit zu bringen wußte. Die Wahrheit dringt doch durch, und wenn man in deutschen Landen, nicht nur in Börsekreisen, von schmählichen Schiebern spricht, wird sicherlich auch der Name Ludendorff genannt. Der General hat übrigens, wie man nach den neuesten Enthüllungen über ihn erfährt, sein Schiebertalent auch bei seinen Gefühlen bezüglich der Hohenzollern und der Wittelsbacher bekundet. Und so konnte das Ungeheuerliche zum Ereignis werden, daß ein früher Ludendorff nahestehendes Blatt von der Möglichkeit sprach, daß er die Einladung zu einer unfreiwilligen Abreise aus Bayern bekommen könnte. Ludendorff beschäftigt sich bekanntlich mehr mit der Lektüre der „Weisen von Zion", als mit den Werken Goethes, aber vielleicht erfährt er doch noch am eigenen Leibe eine Variante eines Goethe'schen Wortes: „Man glaubt zu schieben und wird — abgeschoben," * * * Herr v. Nadossy, der gewesene Landespolizeichef von Ungarn, benahm sich im Gerichtssaale anläßlich der Appellationshandlung im Francsfälschungsprozeß als ob er der Herr der Situation wäre. Uneingeweihte — (oder vielleicht gerade Eingeweihte?) hätten geglaubt, Herr v.< Nadossy sei nicht der gewesene, sondern der — zukünftige Landespolizeichef von Ungarn. * * * Der hochwürdige Bischof Zadrawetz versteht die Kunst, die Welt immer aufs neue zu überraschen. Man hatte sich nicht wenig gewundert, als man hörte, ein Bischof habe sich mit Francsfälschern in ein so inniges Verhältnis eingelassen, daß kaum jemand mehr die Haftung dafür übernommen hätte, daß der hochwürdige Herr der Verhaftung entgehen werde. Dann staunte man über die glückliche Fügung, daß Bischof Zadrawetz, als es zum Prozesse gegen die Francsfälscher kam, nicht die klägliche Rolle eines Angeklagten, sondern gerade wie z. B. Se. Exzellenz Graf Bethlen, die eines Zeugen spielen durfte. Und jetzt liest man die verblüffende Nachricht, daß Bischof Zadrawetz bereits die Zeit gekommen sieht, sogar die Rolle des Anklägers gegen 64 Zeitungen zu übernehmen, die gelegentlich des Francsfälscherprozesses Artikel veröffentlichten, durch die er sich in seiner Ehre verletzt fühlt. Er begnügt sich also, nicht mehr damit, ein beeideter Zeuge gewesen zu sein. Es ist zwar ein uraltes, schon von den Lehrern des Talmuds ausgesprochenes Wort, dem wir später auch im Evangelium begegnen, daß es besser sei, zu den Verfolgten als zu den Verfolgern zu zählen, aber man hätte es doch begriffen, daß Bischof Zadrawetz nicht entzückt davon war, in der Francsfälschungsaffäre zu den Verfolgten zu gehören. Aber er hätte es sich