Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 35 (20.8.1926)
- Date
- 1926-08-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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35 Dffi WAHRHEIT SoH€ 1 hohe Offiziere) beiwohnten, habe einen erhebenden Eindruck gewährt, zu dem die Worte des großen Kanzelredners nicht wenig beitrugen. Der „Wiener Zuschauer", insbesondere sein Herausgeber Ebersberg, war einzelnen Juden gegenüber sachlich, gerecht und mitunter voll Anerkennung (wie bei Börne. Moses Mendelssohn, Salom. Heine, Mosenthal usw.), aber dem gesamten Judentum und der österreichischen, zumal polnischen (galizischen) Judenschaft stand er feindlich gegenüber. Bis auf einzelne Ausnahmen hätte er am liebsten alle Juden noch weiter in das mittelalterliche Ghetto zurückgetrieben. Jüdische Frauenideale. Eine Blütenlese von Dr. Max G r u n w a 1 d. (Fortsetzung.) „Grin Mosche" nimmt Chajim Hameln mit sich nach Hamburg, die Glückel mit den Kindern bleibt noch einige Zeit in Hameln, bis ihr Mann ihr endlich einen Boten schickt, der sie nach Hamburg bringen soll. Dieser Bote „Jakob", eine Art Reisemarschall, und die ganze tragikomische Fahrt überhaupt ist reizend und lebensvoll geschildert, weit amüsanter zu lesen als zu erleben. Schwer traf Glückel der Tod der kleinen Tochter Mate. Glückel grämte sich so sehr um den Verlust dieses Töchterchens, daß sie selbst durch die Geburt eines kleinen Mädchens nicht getröstet wurde, sondern in eine schwere Krankheit verfiel. Endlich aber erholte sie sich, ihr Schmerz wurde milder und ruhiger. Eine Tochter wird geboren, ebenso der Sohn Mordechai Lewi. Glückel fährt zu ihren Schwiegereltern nach Hildesheim zu Besuch und verlebt drei schöne Wochen mit ihnen; ihre Tochter Zippor wird, 12 Jahre alt, mit Elia Cleve verlobt. Die Hochzeit fand in Cleve statt, der Kurprinz von Brandenburg und Fürst Moritz von Nassau wohnten ihr bei und mit ungewöhnlicher, nie gesehener Pracht wurde sie gefeiert. Nach einer beschwerlichen und kostspieligen Rückreise beginnt in Hamburg wieder das gewohnte Leben, zuweilen sind es unangenehme Geschehnisse, ungünstige geschäftliche Verbindungen, wie mit Moses Helmstädt, die die häusliche Ruhe ein wenig beeinträchtigen, dann bringt wieder eine günstige Konstellation reichlichen Gewinn. Alles in allem wird uns ein ruhiges, behagliches, arbeitsreiches Leben gezeichnet und die Zeit vergeht für Glückel und ihre Familie still, geräuschlos, fast unmerklich. Selbst die wenigen wirklich traurigen Ereignisse, von denen in diesem Buche berichtet wird, der Tod von Glückeis Vater und Schwiegervater, werfen keine ernsteren Schatten auf das Leben unserer Erzählerin. Und dieses friedliche Heim, diese glückliche Familie wird auf einmal von einem wirklichen, schweren, unüberwindlichen Leide betroffen. Chajim Hameln stirbt. Glückel findet erschütternde Worte in dem Jammer um ihren verlorenen Gatten, „der Freude ihres Herzens, der Krone ihres Hauptes". An einem eisigen Wintertage holte man Glückel von ihrer Mutter nach Hause und als sie ihre Wohnung betrat, stand Chajim bleich und zitternd am Ofen, unfähig, sich allein zu bewegen und zu entkleiden. Er war über einen spitzen Stein gefallen und hatte sich eine schwere Verletzung zugezogen, die um so gefährlicher war, als er keinen Arzt kommen lassen wollte und kaum zu bewegen war, sich in einem warmen Zimmer niederzulegen. Als aber das Leiden immer schlimmer wurde und Glückel mit Bitten und Tränen nicht nachließ, wurden doch Aerzte und Barbiere herbeigeholt, unter ihnen der portugiesische Chirurg Lopez und der berühmte Abraham de Fonseca, aber alle Hilfe war vergeblich, nach jammervollem Leiden starb Chajim Hameln und der letzte Wunsch, den er aussprach, war: „Tröstet mein Glückelchen!" Und nun erzählt Glückel, wie unendlich einsam sie zurückbleibt in dem verwaisten Hause, wie ihr Schmerz immer größer und größer wird und über ihr zusammenschlägt, wie die finsteren Wellen über ein verlorenes Schiff. Und doch war es für sie notwendig, dem Tag und seinen Pflichten gerecht zu werden, ihr allein oblag jetzt die Sorge um das Haus und die Kinder, und mit bewundernswertem Mute tritt sie an diese schwere Aufgabe heran. Sie „macht die Bilanz" und sieht, daß die Schuldenlast des Geschäftes 20.000 Reichstaler beträgt, bares Geld ist fast nicht vorhanden, das ganze Vermögen ist in Waren angelegt. Glückel veranstaltet nun einen Ausverkauf und nach einem Jahre ist es ihr gelungen, die Schulden abzuzahlen. Mit staunenswerter Energie widmet sich Glückel dem Geschäfte, sie handelt mit Juwelen, mit Waren, hat sogar ein offenes Geschäft und ein andermal spricht sie von einer Strumpffabrik. Auch ihren Kindern geht es gut, sie sind tüchtige Geschäftsleute geworden, bis auf Lob, der ihr manche trübe Stunde bereitet. Ihr Sohn Josef, ein begabtes, lerneifriges Kind, vermählte sich mit der Tochter Meir Stadthagens und ließ sich in Kopenhagen nieder. Von entscheidendem Einfluß auf Glückeis Leben wäre beinahe die Verbindung geworden, die ihr Sohn Samuel mit der Tochter Moses Wertheimers aus Bamberg einging. Glückel sollte nämlich damals nach Wien zu dem Onkel der Braut ziehen, dem berühmten Samson Wertheimer, der ihr bereits einen Paß versorgt und zwei Zimmer seiner Wohnung eingeräumt hatte. Glückel war auch bereit, des großen „Rischus" wegen, das in Hamburg herrschte, diese Uebersiedlung vorzunehmen und versorgte sich mit reichlichen Mitteln, ihrem Sohne zuliebe aber gab sie den Plan auf. Es wird immer stiller in Glückeis Heim: nur noch eine Tochter, Mirjam, ist im Hause bei der allmählich müder werdenden Mutter. Die freudige Tapferkeit, mit der sie trotz ihres Leides dem Schicksal entgegentrat, und den oft so ermüdenden Kampf mit dem Leben aufnahm, schwindet langsam. Sie sehnt sich nach einem ruhigen Geschick, ihre Heiterkeit verliert sich, die Erinnerungen verblassen, sie fühlt ihre Kraft erlahmen und sucht nach einem Stabe, aber der zerbricht zwischen den zitternden Händen. Da wurde ihr der Antrag gestellt, dem Witwer Hirz Levi, einem berühmt reichen Bankier in Metz, die zweite Gattin zu werden und nach einigem Ueberlegen „resolviert sie sich zu der Partie". Als sie nach Metz kommt, wird sie glänzend empfangen, der künftige Gatte sendet ihr einen Reiter entgegen, in einer Kutsche empfangen sie drei vornehme Frauen — unter ihnen die Rabbinerin und die reiche Verwandte Jachet Krumbach- Schwab — vor den Toren und sie findet irtP"Hause ihrer Tochter bis zur Hochzeit eine liebevolle Aufnahme. Trotz alledem ist Glückel traurig, bedrückt, sie fühlt sich fremd und haltlos in der neuen Umgebung und, wenn sie das auch nicht direkt ausspricht, so zeigen doch einige ihrer Berichte die innere Verlassenheit, in der sie in diesen Tagen dahinlebte. Im Hause des Hirz Levi ist alles aufs glänzendste eingerichtet. Für Glückeis sparsamen Sinn wird da direkt Verschwendung getrieben, aber wenn sie das äußert, so lächelt man über sie und sagt, ihr Blümchen (die erste Gattin Hirz Levis) habe das so gewollt und eingerichtet und Glückel muß sich bescheiden und schweigen. Auch in ihrer Ehe ist sie nicht sehr glücklich, sie. die gewöhnt war, ihrem Chajjim Beraterin und Gefährtin zu sein, weiß von Hirz Levi und seinen Sorgen und Wünschen fast nichts. In der Nacht hört sie ihn oft weinen, schluchzen und seufzen, und sie fragt ihn, ob er vielleicht einen geheimen Kummer habe, und als er das verneint, erkundigt sie sich bei ihrer Schwägerin, ob sich ihr Mann vielleicht um die erste Gattin gräme, aber auch diese Vermutung wird ihr ausgeredet. Dennoch läßt das nächtlche Klagen und Weinen nicht nach und sie kränkt sich, unwissend und ratlos, einem solchen Leide gegenüberzustehen. Dazu kommt noch der Verlust ihrer beiden Söhne Löb und Samuel, die als junge Leute rasch und plötzlich sterben. Und dann erfolgt die große Katastrophe: der geschäftliche Untergang Hirz Levis. Zehn Jahre überlebt er den Verlust seines Vermögens, dann bleibt die Glückel im Jahre 1712 zum zweitenmale verwitwet, kränklich und fast zufluchtslos zurück. Nach mancherlei unangenehmen Nachlaßordnungen findet Glückel endlich im Hause ihrer Tochter Esther ein Heim für ihre letzten Jahre, sie stirbt 1724, neunundsiebzig Jahre alt, nicht mehr die Glückel von Hameln, die reizende Frau mit der Künstlerseele, über die wir lächeln, und die wir dennoch bewundern und lieben, sondern eine stille Frau, ermüdet von einem Leben, das sie nicht mehr versteht. Die Aufzeichnungen selbst reichen nur bis in das Jahr 1719: sie enthalten neben häuslichen Berichten nur einiges von dem Gemeindeklatsch in Metz und moralische Abhandlungen. Und dennoch ist der Schluß der Memoiren wundervoll. Glückel erzählt: Im Jahre 1719 stand nachts eine Frau am Ufer der Mosel und reinigte Wäsche. Da wurde es auf einmal licht wie am Tage und der Himmel öffnete sich. Funken und Flammen sprühten, und darauf hat sich der Himmel wieder geschlossen, wie ein Vorhang, den man zuzieht, und es war dunkel wie vorher.