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Die Wahrheit · 1926-08-20 · Heft 35 (20.8.1926) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 35 (20.8.1926)
Date
1926-08-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 35 DIB WAHRHEIT Scifct 5 ebenso angeboren sein, wie dem Tier sein Brüllen, Zwitschern usw. Die Geschichte bietet unzählige Beispiele dafür, daß Völker ihre vorherrschenden Triebe unter dem Einfluß der Kultur gänzlich änderten. Die reinsten Germanen und Nachkommen der alten Wikinger, nämlich die Skandinavier und Angelsachsen, sind heute ganz überwiegend ausgesprochene Pazifisten. Anderseits gibt es innerhalb jedes Volkes die allerverschiedensten Typen. Prägt sich der englische Charakter in den Quäkern aus oder in Lord Northcliffe, der deutsche in Herder oder in Hitler? Was man in der Geschichte für beharrenden Rassengeist hält, ist meist nichts als Tradition. Uebrigens leugnet Hertz nicht, daß es seelische Differenzen geben mag, etwa Unterschiede des Temperaments oder der Begabung; sie haben sich aber bisher trotz eifrigsten Suchens noch nie wirklich nachweisen lassen und sie können daher keinesfalls sehr tiefgehend sein. Es ist ja nicht völlige Gleichheit, worauf es ankommt. Auch innerhalb eines Volkes oder einer Völkergruppe bestehen die größten Ungleichheiten der Begabung, des Temperaments, der Kultur. Entscheidend ist, daß die Differenzen nicht so groß sind, daß eine Verständigung und gegenseitige Anpassung ausgeschlossen ist. Zwischen den Rassen bestehen nun keinesfalls so große Abstände. Weiter wird gezeigt, daß die oft behauptete Abspiegelung der Rassenseele in der Sprache mit den Ergebnissen der modernen Sprachwissenschaft in gänzlichem Widerspruch steht und von den größten Sprachforschern entschieden abgelehnt wird. Ein Schluß von der Sprache auf die natürliche Begabung ist ganz ausgeschlossen. Wohl aber zeigen alle Sprachen die Spuren zahlloser Völkermischungen und -berührungen. Insbesondere wird nachgewiesen, daß die meisten Länder Europas einst von Völkern bewohnt oder durchzogen wurden, die nichtarische Sprachen redeten, von Etruskern, Rhaetern, Liguren, Iberern, Finnen, Hunnen, Mongolen, Araber, Türken, deren Nachkommen zweifellos noch unter den Europäern leben, ja vielleicht den größeren Teil der heutigen sogenannten „Arier" ausmachen, besonders auch in den Alpenländern. — Ganz unsinnig sind ferner die Versuche der Rassengläubigen, allen Genies „nordische" Merkmale anzudichten. Goethe, Beethoven, Michelangelo und viele andere der Größten hatten ein ganz unnordisches Aeußere. Ebenso verfehlt sind alle die leichtfertigen Theorien vom Untergang der Antike durch Rassenmischung usw., die mit der wirklichen Geschichte in völligem Widerspruch stehen. — Ein großer Teil des Buches richtet sich gegen die Theorien von Gobineau, "Chamberlain, H. Günther und ähnlichen, sehr berühmt gewordenen Schriftstellern, die Hertz in unanfechtbarer Weise als gefährliche Phantasten oder blendende Ignoranten entlarvt. Die Abschnitte über die Fortschrittsfähigkeit der Menschenrassen und über den angeblichen germanischen Charakter entwerfen ein farbiges Bild der zahllosen engen Uebereinstimmungen zwischen den früheren Entwicklungsstufen der heutigen Kulturvölker und dem Seelenleben der „niedrigen" Rassen. Ja, überall ragen noch die Ueberbleibsel einer barbarischen Vorzeit in unsere Hochkultur hinein! Zu einer bitteren Satire gestaltet sich die Darstellung der Psychologie und Ethik der Rassentheorien. Sie wirken geradezu verwüstend und zersetzend auf das Denken und die Moral und führen schließlich zur Anarchie und Bestialität. Mit Recht sagt der berühmte Schriftsteller H. G. Wells: „Ich bin überzeugt, daß es kein ärgeres Uebel in der gegenwärtigen Welt gibt als Rassenvorurteil; ich sage mit allem Nachdruck: überhaupt keines; es ist derzeit das Aergste. Es bringt mehr Gemeinheit, Grausamkeit und Scheußlichkeit mit sich als irgend ein anderer Irrtum in der Welt." Aeußerst wünschenswert ist, daß dieses Buch möglichst weit verbreitet werde. Unaufhörlich erscheinen neue Bücher, Broschüren und Zeitschriften, teilweise in wissenschaftlicher Maske, die nur der Rassenhetze dienen und die ohne Rücksicht auf die Kosten durch eine intensive Propaganda in großer Zahl verbreitet werden. Hat doch selbst ein so umfangreiches Buch, wie Chamberlain's „Grundlagen", eine Auflage von mehr als 100.000 erreicht, indem auf Initiative Wilhelms II. ein eigener reichdotierter Fonds gestiftet wurde, um es Bibliotheken, Vereinen usw. zu schenken. Zur Verbreitung wissenschaftlich begründeter, aufklärender Werke ist aber bisher gar nichts geschehen. Gerade dieses Werk würde sich hierzu besonders eignen. Zur Jttdenfrage. Der Antisemitismus in der Revolutionszeit des vorigen Jahrhunderts. Eine Reminiszenz von Max S t e i n. (Schluß.) IV. Eine antisemitische Ouvertüre zur Verkündigung der Reichsverfassung. Die Verkündigung der Reichsverfassung bot dem Wiener Zuschauer abermals einen willkommenen Anlaß, über die „Pertidie gewisser Blätter" zu schimpfen: „Sie bemühen sich mit teuflischer Schlauheit, dem Enthusiasmus im Volke einen Dämpfer aufzusetzen und besonders in den von Juden geleiteten Blättern werden allerlei finstere Gerüchte über den (vom „Wiener Zuschauer" vergötterten) Fürsten Windischgrätz verbreitet. Es wäre zu fragen, ob denn die Judenemanzipation schon tatsächlich ausgesprochen sei. Und da das der Fall, so hängt es von den Juden und von den Gemeinden ab, die Emanzipation aus dem Grundsatz in die Wirklichkeit überzuführen. Aendere der Jude die bisher gerügten Charaktermerkmale, verschmelze er mit dem Volke in Gesinnung und Streben, werde er ein guter, achtbarer Staatsbürger statt eines Wühlers, Wucherers und Goijimfeindes, dann sei gegen seine Aufnahme und Gleichstellung nichts einzuwenden. Jene Juden, die schon gute Staatsbürger waren und daß es solche gegeben, habe der „Wiener Zuschauer" nicht geleugnet, könnten sich mit Recht durch ihre Intelligenz und Ehrenhaftigkeit längst als gleichgestellt betrachten. Allen solchen werde der Verband mit der christlichen Gemeinde nicht fehlen und kein Vorurteil werde ihnen entgegentreten, sofern sie selbst von solchen frei seien. Aber den Juden mit den alten Gebrechen werde sich die Gemeinde wohl hüten, in ihren Verband aufzunehmen und ihm Gewerberechte, bürgerliche Aemter und Ansiedlungsrechte zu verleihen. Da dies einzig und allein von ihr abhängt, von der Oeffentlichkeit der Verhandlungen und den gewählten Vertrauensmännern, dürfte es der inkrustierten Judennatur schwerer als jemals fallen, in solche Stellungen durch Bestechungen, Intrigen oder Frechheit einzudrängen . . ." Wie man aus dieser Begleitmusik zum Judenbetreiungsakt ersehen kann, ist das Blatt des H. Ebersberg trotz allem Judenhaß doch weit gerechter als die jetzige Hakenkreuzlerpresse, die ja an keinem Juden ein gutes Haar läßt. Mit der Judenemanzipation beschäftigt sich der „Wiener Zuschauer" auch in der Fortsetzung des Artikels über „Unsere Reichsverfassun g", indem er bemerkt: „Der § 1, zusammengehalten mit § 30 der Reichsverfassung, enthält eine für den österreichischen Länderverband höchst - wichtige Bestimmung: „Der Genuß der bürgerlichen ORechte ist von dem Religionsbekenntnisse

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