Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 35 (20.8.1926)
- Date
- 1926-08-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Hauptes rühmen sie sich vor Gott ihrer Treue, ahne aber am Ende viel Wesens aus ihr zu machen, denn schließlich soll er sie „nur um seiner Gnade willen erlösen." Ist das der Ausdruck eines Kontraktes auf der Basis do ut des? Und noch auf einen Punkt muß bei dieser Gelegenheit aufmerksam gemacht werden; es wurde gesagt, daß das Verhältnis Israels zu Gott unter dem Bilde eines Ehebundes angeschaut wurde. Dies wird sogar täglich beim Anlegen der Tephillim durch die Umwicklung der „Rezuah"*) um den Mittelfinger der Linken gleich einem Ehering symbolisiert, wobei der charakteristische Vers aus Hosea gesprochen wird: „Ich traue dich mir an auf ewig, ich traue dich mir an durch Gerechtigkeit und Recht, durch Liebe und Barmherzigkeit; ich traue dich mir an in Treue, und du (fem.) wirst Gott erkennen." Gleichwohl hat diese Vorstellung nie eine Abbiegung ins Sinnlich-Erotische erfahren. Es ist für den Folkloristen interessant, daß diese Vorstellung in der primitiven Volkspoesie der Juden ihre naivrfröhliche, man möchte sagen humoristisch-herzliche Abspiegelung gefunden hat: bekannt ist die sogenannte „Ketubbah" zwischen Gott und Israel, die im Volke in vielen Versionen kursiert. Aber so etwas wie der „Seelenbräutigam" und das „wunnesame Jesulein", wie die Marienlyrik oder die jedem Kenner wohlbekannten Ergüsse katholischer und protestantischer sogenannter Mystiker, bei deren Lektüre man bisweilen Ausschnitte aus einer Pariser Novelle vor sich zu haben glaubt, — das konnte im Judentum nie aufkommen. Stimmungen, wie z. B. Murillo sie in seinem heiligen Antonius von Padua — nebenbei gesagt, einem der schönsten Bilder der Welt! — festgehalten hat, hatten bei uns keinen Raum. Jene scharfe, feine Linie, wo die religiöse Extase in sinnliche Geilheit einerseits oder sadistische und masochistische Grausamkeit anderseits übergeht**), ist im Judentum nie überschritten worden. An schüchternen Anläufen hierzu hat es auch bei uns nicht gefehlt, namentlich1 im 16. und 17. Jahrhundert, als die mystische Schwärmerei überhand nahm. Aber alle diese Anläufe wurden von den Rabbinen, und gerade von solchen, die selber im Verdacht der Mystik standen, mit so viel Energie und Rücksichtslosigkeit wie Klugheit und feinem Verständnis im Keime erstickt, daß sie keinen nennenswerten Schaden stiften konnten. (Die Anhänger des Sabbathai Zevi und des Jakob Frank wurden ausgestoßen, als ihre religiösen Schwärmereien in Lüsternheit übergingen.) Diese Tatsache hat ihren Grund darin, daß der jüdische Gottesbegriff vom Urbeginn rein geistig, streng übersinnlich gefaßt worden ist. Die ganze Energie und die ganze Kraft der Lehrer wurde zusammengefaßt und auf diesen Punkt konzentriert: die Gottheit als absolut über alle Sinne, über alles durch die Sinne Wahrnehmbare, als rein geistig, übermenschlich und überweltlich zu begreifen, so daß es absolut ausgeschlossen war, daß die Liebe zu ihr, bei aller Glut und Hingebung, animalische Triebe rege zu machen, sinnliche Begierden zu erwecken vermocht hätte. *) Lederriemen, an dem die Thephillim befestigt sind. **) Man denke an die unio mystica und den Flagellantisjnus und die verwandten Erscheinungen. Hertz: „Rasse und Kultur"*). Unter „Rassentheorien" versteht der Verfasser jene Theorien, die darauf ausgehen, den Wert oder Unwert der Völker „wissenschaftlich" zu begründen, wobei ja das Resultat freilich stets von vornherein feststeht, nämlich die Verherrlichung des eigenen Volkes, oder die Verteidigung der Machtstellung einer privilegierten Kaste. Sie laufen alle darauf hinaus, daß es tiefgehende, durch keinerlei Erziehung oder Anpassung zu behebende Klüfte zwischen den Seelen der Rassen gibt und daß der Rassenhaß ein gesunder, natürlicher Instinkt ist, wogegen jede Abschwächung der Gegensätze, jede Annäherung und Gleichstellung der Rassen als naturwidrig verworfen werden müsse. Hertz zeigt an Hand eines reichen, geschichtlichen Materials, daß solche Theorien vom Altertum bis zur Neuzeit in allen Ländern stets im Dienste der Beschönigung von Unterdrückung und Ausbeutung, der Rechtfertigung egoistischer aristokratischer. Privilegien auftraten. So suchten die französischen Adeligen des 18. Jahrhunderts dem revolutionären Ansturm mit der Theorie zu begegnen, daß sie von der germanischen Erobererrasse abstammten und daher berechtigt seien, die Abkömmlinge der unterworfenen Kelten und Römer zu beherrschen. Nach der Revolution von 1848 hat dann Graf Gobineau diese Theorie wieder aufgefrischt und zum Arierglauben erweitert, um dem Fortschritt liberaler Gedanken entgegenzuwirken. Schließlich haben die Alldeutschen, besonders Chamberlain und sein Protektor Wilhelm II. dieser verderblichen Ideologie zu großer Verbreitung verholfen. — Viel handgreiflichere Rassengegensätze als in unserem gemischten Europa gibt es ferner in Amerika, Asien, Afrika, wo sich infolge des blinden Hochmutes und Egoismus der weißen Herren ein glühender Haß der Farbigen herausbildet, der wahrscheinlich einmal zu blutigen Explosionen, zur furchtbarsten Störung des Weltfriedens und der Weltwirtschaft führen wird. Auch zur Ausbildung jener Stimmungen, aus denen der Weltkrieg entsprang, hat die Illusion von Rassengegensätzen verhängnisvoll mitgewirkt. Der Verfasser untersucht nun zunächst die Tatsachen der physischen Anthropologie und Biologie und beweist mit einem tiberreichen Material, daß sie den Rassentheorien keine Stütze bieten. Das populäre Vorurteil nimmt an, daß der dunkle Mensch auch ein dunkleres Seelenleben haben müsse. Ja, ist denn der Schimmel seelisch edler als der Rappe? Besonders interessant ist der Nachweis, daß die Unterschiede der Gehirngröße zwischen Europäern und Negern nicht größer, ja teilweise kleiner sind, als die Differenzen zwischen weißen Männern und Frauen, weißen Gebildeten und Ungebildeten Chinesen, Javaner, Eskimos haben sogar mehr Gehirn als die Europäer! Die angestrengtesten Bemühungen der Anthropologen waren auch nicht imstande, irgendwelche Rassenunterschiede am Gehirn nachzuweisen. Sehr gründlich werden sodann die Fragen der geistigen Vererbung erörtert. Die angeborenen Instinkte treten beim Menschen sehr zurück. .Wenn die Rassengläubigen Recht hätten, dann müßte dem Menschen das Sprechen in seiner Muttersprache *) 3. Aufl. Leipzig 1925.