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Die Wahrheit · 1926-08-20 · Heft 35 (20.8.1926) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 35 (20.8.1926)
Date
1926-08-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. SS m WAHfemit Sc** 3 chologie, der Philologie, der Erkenntnistheorie die „semitische Religion" erklärt und dargestellt wird1 (vorausgesetzt, daß es eine solche überhaupt je gegeben hat), geben uns über das Judentum gerade soviel Auskunft, wie z. B. das Goethe-Haus in Frankfurt über Goethes Dichtungen. Was für ein Zusammenhang besteht zwischen dem Erlkönig, Ueber allen Gipfeln, dem Gott und der Bajadere oder dem Faust und all dem Zinngeschirr und den sonstigen ehrwürdigen Utensilien, die dort aufbewahrt werden und die vor 160 Jahren in jedem „besseren" Bürgerhause zu Frankfurt ebenfalls vorhanden waren? Was geht mich all das Gerümpel an, welches die flachbrüstigen, baedeckerbewaffneten Engländerinnen so sehr beschnüffeln, als würde ihnen dadurch der Genius des Dichters offenbar? . . . * Im Bereiche der heidnischen Kulturreligion ist nur die indische Bhakti der jüdischen Auffassung einigermaßen nahegekommen. Das Wort ist wohl am besten mit dem hebräischen Chesed wiedergegeben, es bedeutet Liebe, Gnade, Hingabe. Die Bhakti- Religion tritt uns am vollendetsten im Baghavadgita entgegen, das ungefähr um 300 v. Ch. niedergeschrieben sein soll. Damals hatte der jüdische Monotheismus seinen vollständigen Kristallisationsprozeß seit Jahrhunderten abgeschlossen. — Im Baghavädgita erhebt sich die Bhakti-Religion zu einer ganz ungewöhnlich hohen Stufe von Reinheit und Tiefe. Sie ist beinahe ethischer Monotheismus. Im Mittelpunkte steht der ewige, eine Brahma, der ohne einen zweiten Nebengott die einzige Wirklichkeit ist, ein persönlicher Gott, den man in herzlicher Hingabe lieben darf und soll, der dem freudigen Verehrer Liebe entgegenkeit und Verdienst des Menschen, sondern wer seine Mutter gewesen ist. Und die Mutter ist heute die Partei, die Richtung, der einer angehört. Wohl dem. dessen Mutter geliebt ist! Auch das ist zweierlei Maß — ungerechtes Maß in der Liebe, ungerechtes im Hasse. Dem Gebote vom Kinde der geliebten und der ungeliebten Frau folgt gleich das Geseiz betreffend den ungehorsamen, mißratenen Sohn. -In dieser Nebeneinanderstellung liegt gewiß Absicht. Sie will den Zwist und Verdruß im eigenen Hause, das häusliche Unglück durch ein entartetes Kind zeigen. Zu all dem, was zu solchem Mißgeschick Anlaß geben mag, gehört sicherlich auch als Ursache und Schuld „zweierlei Maß" bei der Erziehung der Kinder. Wenn Eltern zu viel Liebe, Zärtlichkeit, Bewunderung und Nachgiebigkeit auf ein Kind häufen, so ist leider oft der „mißratene, ungehorsame Sohn" die Folge davon. Gerechtigkeit in der Erziehung, bei Beurteilung der Leistungen schon im Elternhause, von Kindheit an, ist immer eine gute Gewähr für eine erfreuliche Entwicklung der Kräfte und des Arbeitswillens. So hat auch manche Partei nur deshalb, weil sie ihr „Kind", ihren Parteimann, gar zu sehr geliebt, verwöhnt und verzogen, alles an ihm mit dem Parteimaßstabe gemessen, durch die Parteibrille betrachtet hat, zum Schlüsse einen „ungeratenen" und unfähigen Sohn gehabt. Zu spät hat man erkannt, welchen Schaden auch' hier „zweierlei Maß", „parteiische" Beurteilung gestiftet hat. Weil nun gerade Israel ein Volk ist, das seit jeher unter dem zweierlei Maß gelitten hat, weil man seine Tugenden wie seine Fehler niemals objektiv, parteilos sehen wollte, es entweder zu heiß geliebt oder zu grausam getadelt hat, darum soll Israel in seiner eigenen Mitte, in seinen Parteien und Richtungen beherzigen: „Du sollst in deinem Hause nicht zweierlei Maß haben." Wie singt doch der gelehrte und feinsinnige Dichter Isak ben Rüben aus Dania: „Miß nicht mit falschem Maß und falschem Stein! Verlockt dich jemand: „Wäge doch mit zwei'n", So sprich: Bewahre, soll mir ferne sein, Ich frevle nicht 'gen Gott mit Groß und Klein." K. bringt. Die Bhakti macht den eigentlichen Kultus aus. Aber — nach dem Worte Ed. Lehmanns — „es liegt hier eine Gotteslehre vor, die ohne festes Vertrauen auf Gott und ohne irgendeine Verpflichtung gegen Menschen, in unstäten Wallungen zwischen Furcht und Enthusiasmus schließlich keiner inneren Entwicklung fähig ist. Auch zerrinnt die Stimmung leicht ins Mystische, mit einem Wort ins Asketische und verliert dadurch den persönlichen Charakter." Wie ganz anders ist der Geist, den die diesbezüglichen Stellen der Bibel atmen (Deut.) Was für einen kostbaren Schatz er in diesen Worten hat wird der Jude erst gewahr, wenn er sich in die anderen großen Weltreligioneni vertieft. * Und wie die Juden zuerst die Liebe Gottes in die Welt gebracht haben, so waren sie es, die die Idee des Martyriums geschaffen. (Daß der Jude aber Jude für das außerjüdische Martyrium Sinn und Verständnis besitzt, weiß das vierte Buch des „Kusari" wohl am deutlichsten. Keinem Inder und keinem Griechen wäre es eingefallen, daß man Qualen, Leiden und Tod auf sich nehmen kann, um den Namen Indras oder Zeus „zu heiligen", was aber der Jude tat und auch alle Zeiten hindurch zu tun nicht aufhören wird. Denn sterben, und noch dazu mit einem Dankgebet, mit Gesang auf den Lippen, kann man doch nur für einen, den man liebt, mehr liebt, als sein bißchen armseliges Leben hinnieden. Und mit was für Stimmungen sie das taten, das lehrt uns am besten der Psalm 44, der von späteren ähnlichen Liedern wohl an Reichtum des Gefühls und Bewegtheit der Farben, aber nicht an Kraft übertroffen wurde: „Du, du hast uns verlassen und beschämt und ziehst nicht aus mit unseren Armeen. Vor dem Feind lässest du uns zurückweichen, die Hasser dürfen plündern nach Herzenslust. Wie Schafe wirfst du uns zum Fraß hin, unter die Völker hast du uns verstreut . . . Für ein Nichts hast du dein Volk verkauft, gar wenig für es gefordert. Zur Schmach unter unseren Nachbarn lässest du uns werden, zum Gespött unserer Umgebung ... All das ist über uns gekommen, aber vergessen haben wir dich nicht, und deinen Bund nicht verleugnet. Unser Herz ist nicht zurückgewichen, unser Schritt von deinem Pfad nicht abgetreten. In die Behausung von Schlangen hast dl* uns verstoßen und Todesschatten über uns gebreitet. Haben wir gleichwohl etwa des Namens unseres Gottes vergessen und unsere Hände zu «inem fremden Gott ausgestreckt? Das möge Gott selbst beurteilen, denn er kennt die Geheimnisse des Herzens. Für dich lassen wir uns den ganzen Tag töten, und erachten uns gleich Schlachttieren. Erwache, warum schläfst du! Ewiger, erwache, verlaß uns nicht auf immer. Warum verbirgst du dein Antlitz, vergissest unsere Pein und Not? Steh auf und hilf uns und' erlöse uns um deiner Gnade willen." Das sind nicht winselnde Sklaven, die vor einem orientalischen Despoten auf dem Bauch liegen. Das sind Männer, die ihren Wert kennen. Sie sind überzeugt, von Gott Recht und Gerechtigkeit fordern zu dürfen, weil er der Gott der Gerechtigkeit ist. Vom bitteren Sarkasmus geht ihr Ton in hingebungsvolle, vertrauende Demut über. Trotzig bekennen sie der ganzen Welt gegenüber ihren Gott, und erhobenen

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