Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 35 (20.8.1926)
- Date
- 1926-08-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sattel DIE WAHRHEIT Nr. 35 quemsten mit seinem gereiften Denken vereinen. Daß man aber Gott lieben oder von ihm geliebt werden könnte, kam ihm, wie er selber sagt, absurd, ja, unziemlich vor*). Zwischen Göttern und Menschen könne keine Liebe und Gegenliebe bestehen, und es wäre ungeziemend, wenn einer sagte, er liebe Zeus. So dachte und empfand einer der größten heidnischen Geister. Und nun vergleiche man damit die angeführten jüdischen Gebete, um die ganze Kluft zu ermessen, die die beiden Weltgefühle trennt. Freilich war der Monotheismus die unerläßliche Bedingung der jüdischen Theophilie. Denn wenn ich zehn Väter habe, die noch dazu, wie in Indien und Griechenland, einander die gröbsten Injurien an den Kopf schleudern, sich die Weiber abjagen und gegeneinander intrigieren, so kann ich keinen von ihnen lieben. Die Erkenntnis oder Offenbarung, daß es nur einen einig-einzigen Gott geben kann, konnte nur aus dem tiefen Bedürfnis erblühen, ein Wesen zu besitzen, dem man eine kindliche, freudige, hingebungsvolle, dankbare, vertrauende, nichts als dieses Wesen und seine Gegenliebe allein verlangende Liebe widmen konnte. Daß ein solches Wesen nur einigeinzig, unteilbar und unvergleichlich sein konnte, ist klar. Aus der Sehnsucht nach einem solchen Gefühl mußte zwangsläufig der absolute jüdische Monotheismus erwachsen, mit seiner ganzen Schroffheit und Strenge und Eifersucht. &iebe ist ohne Eifersucht nicht denkbar, und wenn das Verhältnis zwischen Mensch und Gott auf Liebe beruht, ist es ohne Eifersucht nicht denkbar. Die Sehnsucht nach der *) Vgl. Magua Moralia II, 11. vertrauensvollen Liebe, die sich durch die ganze Gebetliteiatur hindurchzieht, ist wohl das Primäre in der jüdischen Volkspsyche gewesen, und! daraus entsprang der jüdische Monotheismus. Da die Freude und die Dankbarkeit in den jüdischen Gebeten eine solche Rolle spielen, so sind wohl die jüdische Weltfreude und der jüdische Optimismus von Anbeginn starke Motive des Monotheismus gewesen. Wäre der Inhalt der jüdischen Religion der Monotheismus allein, dann hätte Paul de Lagarde recht mit seiner Behauptung, die Lehre von der Einheit Gottes sei jeden religiösen Wertes bar. „Der Monotheismus", sagte er in seiner platten, , ihm, geistreich dünkenden Art, „hat aber mit der Religion in Wahrheit nichts mehr zu tun, als das Wissen um die Einwohnerzahl Deutschlands mit dem deutschen Patriotismus zu tun hat." Oder: „Der Monotheismus der Juden steht auf einer Stufe mit dem Berichte eines zur Intendantur kommandierten Unteroffiziers, der das Dasein von nur einem Exemplar irgendeines Gegenstandes meldet." Ja, aber der Unteroffizier liebt diesen einzigen Gegenstand gar nicht, er ist ihm vollkommen gleichgültig, geschweige, daß er sich für ihn töten ließe. Der „tiefe und große" Chamberlain dekretiert: „Die Arithmetik hat mit der Religion nichts zu tun." Diese Weisen übersehen nur, daß diese Arithmetik, welche die absolute Eins herausbrachte, jenen starken und bedeutungsvollen Umschwung im Gefühlsleben möglich machte, der den Monotheismus zur Grundlage aller Religion der Kulturmenschheit werden ließ, — ein Prozeß, der übrigens noch lange nicht vollendet ist. Alle die zahlreichen, so ungeheuer gründlichen Werke, in denen mit Hilfe der Ethnologie der Urgeschichte, der Psy- Zweierlei Maß. Du sollst in deinem Hause nicht zweierlei Maß haben — großes und kleines. V, 25, 14 Von dem Weinhändler Abba Saul b. Botnit wird erzählt, daß er in seinem Geschäfte so außerordentlich rechtschaffen war, daß er nicht einmal den Rest, der im Maße haften blieb, für sich behalten wollte, weil seiner Meinung nach auch dieser den Käufern gehöre. So ließ er die Maße abtropfen, sammelte den Wein und brachte auf diese Weise im Laufe der Zeit dreihundert Maß Wein ins Heiligtum, die er den Tempelschätzmeistern übergab, da er von diesem Gewinn selber keinen Gebrauch machen wollte. Dieser in Handel und Wandel so gewissenhafte Mann konnte sich auf dem Totenbette rühmen, seine Hand habe im Maße kein Unrecht getan. Vielleicht ist das des Lobes zu viel, wenn einer rechtlich gelebt und gehandelt hat, da Recht tun doch nur jedermanns Pflicht und Schuldigkeit ist, und so könnte es am Ende übertrieben erscheinen, daß man die Erinnerung an einen ehrlichen Menschen für Zeiten und Geschlechter aufbewahrt. Ja, man kann sich des Gedankens nicht erwehren, daß es wohl um eine Zeit schlecht bestellt sein muß, die die Ehrlichkeit eines Menschen so hervorhebt. Rühmen könnte man schließlich eine Zeit, die lauter ehrliche Menschen hervorbrihgt, und dann auch hätten sie alle doch nur ihre Pflicht getan. In der Menschheit ist aber die große, vollkommene und untrügliche Ehrlichkeit nun einmal nicht die Regel, sondern die Ausnahme, und leider wird allzu oft mit „zweierlei Maß'.' gemessen. Gleiche Verdienste werden nicht gleich gewertet, gleiche Fehler nicht gleichmäßig gerügt und gestraft. Handelt es sich um Nutzen und Vorteil, so wollen die meisten sich selbst ein großes Maß zusprechen, dem lieben Nächsten aber nur ein geringes gönnen, sagt schon ein alter Erklärer zu dem Thorasatze vom zweierlei Maß und meint damit, daß man auch ohne offensichtlichen Betrug dennoch falsches Maß geben kann, indem man nämlich für sich selbst und über sich selbst ein besseres Maß, ein günstigeres Urteil anwendet als gegenüber den anderen. Man urteilt über sich schonend, nachsichtig, milde, im gleichen Falle über andere hart und streng. Auch das ist zweierlei Maß. Schon im Talmud heißt es: „Mit dem Maße, mit dem der Mensch andere mißt, wird ihm selbst gemessen", und vor diesem doppelten Maße anderen und sich selbst gegenüber zu warnen. Immerhin ist der Mangel an Selbstgerechtigkeit entschuldbar, weil der Gegenstand der Beurteilung und die Person des Beurteilers zusammenfallen, und erscheint darum nur als eine verzeihliche Schwäche der Menschennatur. Weniger verzeihlich, dafür um so häßlicher wirkt aber das zweierlei Maß, mit dem seit jeher bis zum heutigen Tage Parteifreundschaft und Parteileidenschaft allenthalben mißt. Wie klein und unbedeutend, kaum einer Beachtung und Rüge wert, erscheint das Vergehen des Parteifreundes in den Augen seiner Gesinnungsgenossen! Wie groß, schrecklich,' himmelschreiend wird dasselbe Vergehen, wenn es am Parteigegner entdeckt wird. Man zerrt in den Staub, setzt herab und schmäht, wo man loben und anerkennen sollte, weil die Verdienste der Gegenpartei angehören und hebt wiederum die kleinsten Talente, die bescheidensten Leistungen hoch in den Himmel, weil sie der eigenen Richtung angehören. Es ist gewiß kein Zufall, daß die Einleitung dieses Thoraabschnittes die Bestimmung bildet, das Kind einer geliebten Frau nicht dem der ungeliebten, gehaßten vorzuziehen. Das an sich unschuldige Kind müßte durch eine vorurteilsvolle, unfreie Einstellung seines Vaters zu Schaden kommen. Diesem Kinde gleichen Leistungen und Werke einzelner Menschen. Handelt es sich um das Kind der geliebten Frau, so ist ihm ein schönes Schicksal beschieden. Es wird gerühmt, gelobt, geliebt, versorgt und erhoben; ist es aber unglücklicherweise das der ungeliebten, so wird es geschmäht, verstoßen, erniedrigt und gehaßt. Man fragt eben nicht so sehr nach Fähigkeiten, Begabung, Tüchtig-