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Die Wahrheit · 1926-08-20 · Heft 35 (20.8.1926) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 35 (20.8.1926)
Date
1926-08-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT & 0€s<OT€Kfd$€b€ WocbensArtH für itMbdrc htferessen NH dem Beiblatt; ferOUenffldiiiniteD der „Volon ä€Hfc€WfclerreHM$«&er Juden44 Redaktion und Administration: Wl«m WM— H<elmtfe9tra4l4S SS. - Fernruf 42-2-16 XLII, Jahrgang Wien, 20. August 1926 Nummer 35 Die Geburt des Monotheismus aus dem Geist der Liebe und Weltfreude. Von Binjamin Segel. Ueber die Psychologie und den Ursprung der jüdischen Religion, namentlich des Monotheismus, ist sehr viel Gelehrtes und Geistreiches gesagt worden. Renan hat bekanntlich die Theorie von einer psychischen Disposition der Semiten für den Monotheismus aufgebracht, die aber unhaltbar ist angesichts der Tatsache, daß nur ein einziges semitisches Volk, die Juden, den Monotheismus als Volksreligion geboren hat und ihm treu geblieben ist. Die Araber haben sich erst eineinhalb oder zwei Jahrtausende nach den Juden zum Monotheismus, und zwar unter dem Einfluß der Bibel und einer starken jüdischen Propaganda bekehrt. Alle anderen semitischen Völker sind bis an ihr seliges Ende Polytheisten geblieben, nur in Babylonien scheint die höchste Priesterschaft einen Monotheismus als esoterische oder Geheimlehre gepflegt zu haben, was übrigens auch bei den Indern und Aegyptern, vielleicht auch bei Kelten und Germanen der Fall war. Das Geistvollste und Klarste haben wohl in dieser Sache W. Robertson Smith und Pfleiderer gesagt, die den angeblichen „semitischen Hang zum Monotheismus" auf soziale Ursachen zurückführten. In Vorderasien haben terrestrische und historische Vorgänge die Entstehung einer starken despotischen Königsmacht begünstigt, während in Griechenland und im übrigen Europa Ursachen derselben Natur eine aristokratische Regierungsform begünstigten. Da nun für den antiken Menschen Religion und Staatsform zusammenfielen, so bildete sich bei den Semiten die Neigung zur Anerkennung eines einzigen Gottes, während die Indogermanen dem Polytheismus zuneigten. Das klingt sehr plausibel und hochmodern, ist aber ebenso falsch. Denn das einzige semitische Volk, welches seit Menschengedenken monotheistisch war, hatte für seine Monarchen blutwenig Respekt; die biblischen Geschichten behandeln die Könige ganz wie andere Sterbliche und beurteilen ihren Wert nur nach dem Grad ihrer Befolgung der Gesetze Gottes. Der einzige König, dem sie eine wahre Verehrung widmeten, war David, und dies nicht weil, sondern trotzdem er König war, weil er in der Erinnerung des Volkes als kühner, ritterlicher Held und großer Sänger lebte, dem alle die wunderschönen, im Volke entstandenen Gedichte zugeschrieben wurden. Aber seine Streiche vergaß man ihm nicht, und noch der Talmud suchte Milderungsgründe für ihn und sagte: „Wer David für einen Sünder hält, irrt sich bloß." Alle diese Gelehrsamkeit ist leider völlig unnütz und philosophiert am eigentlichen Problem nur vorbei. Es ist gerade, wie wenn jemand den Parthenon- Fries, den Apollo vom Belvedere oder den Altar von Pergamon aus der geochemischen Beschaffenheit des Herstellungsmaterials restlos „erklären" zu können vermeinte, — obgleich ja, wie z. B. die ägyptische Plastik zeigt, die Konsistenz des Marmors für die Entwicklung der bildenden Kunst von hoher Bedeutung war. Die Sache ist nämlich die, daß die Hauptbedeutung des Judentums in der Religionsgeschichte der Menschheit gar nicht im Monotheismus liegt. Nicht der Monotheismus ist das Einzigartige, Unterscheidende, Neue, Revolutionierende, welches durch das Judentum in die Welt gekommen ist, sondern die Theophilie ist es. Diese war etwas Unerhörtes, vorher nie Dagewesenes, und auch ganz Unverstandenes. Daß das Weltall von einer einzigen Urkraft beherrscht und gelenkt ist, das wurde, wie schon erwähnt, auch anderwärts erkannt, wenn auch nicht verkündet (sondern eher geheim gehalten). Zu diesem Resultat mußte endlich das menschliche Nachdenken über den Kosmos von selber logischerweise gelangen. Aber daß diese einigeinzige Urkraft eine lebendige Persönlichkeit ist, die man lieben, der man sich in Vertrauen und Hoffnung selbstlos hingeben kann, das hat das Judentum zuerst der Welt verkündet. Es ist ja ganz verfehlt, zu meinen, daß das jüdische Glaubensbekenntnis sich in dem Verse erschöpfe: „Höre, Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig." Jeder kleine Judenjunge weiß, daß dazu auch das nachfolgende Kapitel untrennbar gehört, welches lautet: „Und du wirst lieben den Ewigen, deinen Gott, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit ganzer Innigkeit" usw. Und schon in ältester talmudischer Zeit interpretierte man dieses Bekenntnis folgendermaßen: mit ganzem Herzen, das heißt, mit beiden Trieben des Herzens, dem altruistischen sowie dem Lusttrieb, mit ganzer Seele, das heißt, auch wenn Gott dir die Seele nimmt (dich sterben läßt, oder Leid über dich verhängt). An die Todesbereitschaft für Gott muß man auch denken beim Aussprechen des Wörtchens „echad", weshalb dessen letzte Silbe verlängert wird. Außerhalb des Judentums ist die griechische Philosophie und innerhalb dieser Aristoteles, Piatos Gedanken hierin konsequent entwickelnd, dem jüdischen Gottesbegriff am nächsten gekommen, weshalb denn auch die Juden der griechischen Philosophie so zuneigten und insbesondere diesen beiden Denkern fast religiöse Verehrung zollten. Aber dem Aristoteles war der Monotheismus nur die beste Erklärung des Weltgeschehens und ließ sich am be-

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