Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 34 (13.8.1926)
- Date
- 1926-08-13
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 DIE WAHRHEIT Nr. 34 Er lachte und weinte wie ein Kind. Ein Jahr darauf verhöhnte er sich selbst, war voller Zweifel, zerfaserte sein Fühlen, hatte alle Hoffnung verloren. „Warum ich in Basel mit den anderen zum Kind geworden war? Ich will das erzählen. Ein englischer Reisender hatte ein Maorikind im zartesten Alter seinen Eltern abgekauft und nach England gebracht. Der Knabe zeigte gute Fähigkeiten und bekam eine gute Erziehung in einem vortrefflichen Gymnasium; später kam er nach Oxford und wählte den geistlichen Stand. Er wollte Millionär werden, um seinen Stammesgenossen das Heil zu verkünden. Er ging nach Australien und suchte die Maoris auf. Er traf sie gerade dabei, wie sie ihrem Götzen opferten und einen ihrer wilden religiösen Tänze zu barbarischer Musik aufführten. Was, glauben Sie, geschah? Er riß sich die europäischen Kleider vom Leibe, drängte sich in den Kreis der Tanzenden und heulte lauter als alle!" „Und dann?" fragte ich. Zangwill sah mich mit seiner traurigen Ironie an. „Dann? Dann schämte er sich und schämt sich bis auf den heutigen Tag." Aus der nationalsozialistischen Partei. Der anfangs Juli in Weimar abgehaltene Parteitag der reichsdeutschen Hitler-Leute hat über die österreichische Bruderpartei eine Entschließung gefaßt, in weicher sie zum Anschluß an eine für das ganze deutsche Sprachgebiet geltende Organisation der Partei unter der Führung Hitlers aufgefordert wird. Da die Eingliederung in die reichsdeutsche Partei die Auflösung der deutschösterreichischen Partei bedeuten, also der Herrlichkeit der Gattermayer und Genossen ein Ende setzen würde, hat die Bundesparteileitung der österreichischen Nationalsozialisten den Beschluß nur als eine Anregung aufgefaßt und will zu ihr gemeinsam mit den Gesinnungsgenossen der Tschechoslowakei auf einem zwischenstaatlichen Vertretertag Stellung nehmen. Auf diesem dürfte es wahrscheinlich zu einer Ablehnung der Weimarer Resolution kommen, denn der schon einmal hinausgeworfene Gattermayer läßt sich nun, da er wieder fest im Sattel zu sitzen, glaubt, erst recht nicht hinausschmeißen, selbst von Herrn Hitler nicht. Papst Pius XL und der Antisemitismus. Zu den von uns gemeldeten Aeußerungen, die der gegenwärtige Papst Pius XL in bezug auf die Juden getan hat, lesen wir in der „C.-V.- Zeitung" folgendes. „Es wäre leichtfertig von uns Juden, aus den Worten des Papstes nur das herauszuhören, was uns angenehm klingt. Papst Pius XL fügte hinzu: „Die Juden sind ein göttliches Volk, obgleich ihre höhere Intelligenz zu rationalistisch ist." Das Wort „göttlich" darf ganz gewiß nicht unseren Hochmut aufstacheln; als „göttlich" werden wir bezeichnet, weil die Inspirationen des Alten Testaments der Menschheit durch das Judentum überliefert worden sind. Und wenn der Papst von der „höheren Intelligenz" der Juden spricht, so ist diese „höhere Intelligenz", soweit sie vorhanden, schwerlich eine ursprüngliche Anlage jenes kleinen Bauernvolkes, das. zwischen Mittelmeer und Wüste seine Wohnsitze gefunden hat, zu jener Zeit, als es in die Geschichte eintrat. Durch traurige und blutige Schicksale von ein paar Jahrtausenden mußte den Juden, wenigstens vielen Juden, das, was wir „Intelligenz" nennen, angezüchtet werden. Wäre ihnen diese Gabe nicht beschieden worden, — sie hätten in so wunderbarer Weise sich bis auf den heutigen Tag nicht zu erhalten vermocht; ein Vorgang, einzig in der Geschichte der Menschheit, so weit man zu blicken vermag, und zwar bis in die dunkelsten Zeiten der Vergangenheit hinein. Daß diese Intelligenz zu „rationalistisch" sei, hebt der Papst warnend hervor; zu „v e r s t a n d e s rn ä ß i g", wie man wohl erläuternd sagen darf; und da ein warnender Tadel in diesen Worten liegt, so darf man vielleicht ergänzend hinzufügen : kalt verstand esmäßig. Es gibt unter uns Juden, soweit wir uns selbst zu beurteilen vermögen, sehr verschiedene Typen und sicher auch den Typus des „kalt und nur verstandesmäßig" Urteilenden. Ist dieser Typus der überwiegende? Wir selbst werden ein abschließendes, zutreffendes Urteil hierüber uns nicht zutrauen können, gewiß nicht bei der Verschiedenheit des Typus Jude mit völlig verschiedener Vergangenheit und Gegenwart in so vielen Ländern der Erde; bei so völlig verschiedenen Schicksalen, die die verstreuten Glieder des Judentums durchlebt haben. Aber ehrlich nachdenklich muß uns der Ausspruch des Papstes Pius XI. machen, wie eine gütige und wohlwollende Mahnung einer so hoch und überblickend gestellten Persönlichkeit es verdient." Die „arabischen" Weisen von Zion. Die berüchtigten „Geheimnisse der Weisen von Zion", die in den entscheidenden Teilen bekanntlich aus einer französischen Schrift der Sechzigerjahre abgeschrieben sind und mit deren Geheimnissen Benjamin Segel in seiner Schrift „Die Weisen von Zion", die im P h i 1 o - V e r 1 a g erschienen ist, gründlich aufgeräumt hat, sind unter den merkwürdigsten Umständen in verschiedene Sprachen übertragen worden und haben nun auch in arabischer Sprache das trübe Licht ihrer Welt erblickt. Die arabische Ausgabe, die vor einigen Monaten in Beirut erschien, trägt zwar den Druckvermerk „Kairo"; dieser soll aber ersichtlich nur irreführend wirken. Die Typen sprechen dafür, daß die Ausgabe in Beirut selbst hergestellt worden ist. Die arabische Uebersetzung ist aus dem Französischen übertragen, und der Verfasser, ein maronitischer Geistlicher Anton Jamin, hat ein eigenes Vorwort vorangestellt. Das arabische Organ des lateinischen Patriarchats in Jerusalem, „Rakib Sion" hatte beim Erscheinen, durch die Aufmachung der verleumderischen Schriften irregeführt, eine empfehlende Notiz veröffentlicht. Die maßgebenden Stellen des Patriarchats sind aber über den Charakter der Schrift alsbald aufgeklärt worden und weisen jede Unterstützung solcher Kampfesmittel weit von sich. Erfreulicherweise hat der englische Oberkommissar von Palästina, wie auch vor kurzem der französische Oberkommissar von Syrien die Verbreitung der Hetzschrift verboten. Wenn auch davon sicher Exemplare in der" arabischen Bevölkerung umlaufen werden, so ist doch der Verbreitung im wesentlichen Einhalt getan. Bei der Tatsache, daß leider die eingeborene Bevölkerung von Palästina und Syrien zu erheblichen Teilen nicht lesen kann, ist mit einer weiteren irgendwie erheblichen Verbreitung der Schrift nicht zu rechnen. Hetze auf Geschäftsreisende. Ein ganz besonders eifriger Mann scheint der Revierinspektor des Gendameriepostenkommandos Weißkirchen in Steiermark, namens Ziegler, zu sein. Der Herr ist Hakenkreuzler-und glaubte am 12. März einen besonders guten Fang in seiner anscheinend sehr eifrig betriebenen Jagd nach Geschäftsreisenden gemacht zu haben. Ein wohl nicht ganz „rassenrein" aussehender Mann hatte es ihm angetan, der im Auftrag der Firma Alois und Karl Klaus, Gasthaus- und Hoteleinrichtungen in Villach, einer Gastwirtin in Weißkirchen Waren zum Kaufe anbot. Revierinspektor Ziegler fuhr da sehr energisch drein, unterbrach den Reisenden in seiner geschäftlichen Tätigkeit mit der Begründung, daß der Reisende kein Recht habe, — „Privatkunden" irgendwelche Kaufanbote zu machen. Selbstverständlich protestierte der Reisende dagegen und wurde deshalb aufgefordert, dem Gendarmen ins Amtslokal zu folgen. Hier wurden ihm trotz seinem Widerspruch S 10.— als „Kaution für die zu gewärtigende Strafe" abgenommen. Als dies geschehen war, erlaubte der Herr Revierinspektor gnädigst, daß der Reisende auch weiterhin in Weißkirchen spazieren gehen könne, obwohl — wie die hohe Amtsperson ausdrücklich bemerkte -- bereits genug Juden in Weißkirchen herumlaufen. Für den Fall, als er seine geschäftliche Tätigkeit fortsetzen sollte, wurde ihm eine Ueberstellung unter Gendarmerieassistenz nach Judenburg angedroht. Eine Beschwerde, die der Reisende gegen dieses Vorgehen des hakenkreuzlerischen Gendarmen zu Protokoll gab, hatte zur Folge, daß er auf Verfügung der Bezirkshauptmannschaft Judenburg die als Kaution erlegten S 10.— vom Gendameriepostenkommando Weißkirchen zurückerhielt, womit die famose Amtshandlung des Herrn Revierinspektors Ziegler ihr Ende fand. Die Bezirkshauptmannschaft Judenburg hat durch diese ihre Verfügung das Vorgehen des hakenkreuzlerischen Gendarmen als ungesetzlich erklärt. Doch es bleibt die Frage offen, welche Vorkehrung die Bezirkshauptmannschaft getroffen hat, um den Herrn Ziegler in Zukunft daran zu hindern, seinen hakenkreuzlerischen Tatendrang frei toben zu lassen. Ebenso drängt sich die Frage auf, wieso das Opfer des Herrn Revierinspektors Ziegler dazukommt, neben der ihm zugefügten Kränkung auch noch einen großen materiellen Schaden nur deshalb zu erleiden, weil er zufällig einem hakenkreuzlerischen, also die Gesetze mißachtenden Gendarmen begegnete. Darüber wird sich der zuständige Minister wohl äußern müssen. Bernard Shaw und der Antisemitismus. Bernhard Shaw, der dieser Tage seinen 70. Geburtstag feierte, hat eine Anfrage, wie er sich zum Antisemitismus stellte, wie folgt beantwortet: Es ist für einen britischen Schriftsteller immer schwer, Mißverständnisse auf dem Kontinent zu vermeiden, wenn er eine Bemerkung über die-Juden macht, denn in England gibt es keinen Antisemitismus, der ihn zwingen würde, den Gegenstand mit dem größtmöglichen Zartgefühl z;i behandeln. Es gibt in England sicherlich ein Massenvorurteil gegen Juden, ebenso wie es hier ein Massenvorurteil gegen