Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 34 (13.8.1926)
- Date
- 1926-08-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 34 DTE WAHRKEIT Seite 9 Wahrheiten vom Tage || Das letzte Aufgebot. Unter diesem Titel haben wir in Nr. 32 der „Veröffentlichungen der Union deutschösterreichischer Juden" über die schamlosen Meldungen des Berliner „Deutschen Tageblattes" und des Münchner „Völkischen Beobachters" berichtet, nach denen „aus der Tschechoslowakei (M i s k o 1 c z) Nachrichten eintreffen über grauenvolle Lustmorde an kleinen Mädchen, wobei der Gerichtsarzt feststellte, daß der Mörder vorher das Blut aus der Wunde gesogen hatte. Die Nachforschungen ergaben — beißt es dort — daß auch in Eperjes, Kaschau, Losoncz einige Kindermorde unter ganz ähnlichen Begleitumständen verübt worden sind. Die Vornahme des Blutabziehens entspricht jüdischem Ritus und weist darauf bin, wo der Mörder zu suchen ist" Die „Union deutschösterreichischer Jude n", der diese Lügenberichte vom „C e n t r a 1 v e r e i n" mitgeteilt wurden, ist der Sache nachgegangen und hat, wie unsere Leser aus dem obzitiierten Artikel wissen, von einem gut informierten Prager Gewährsmann die Haltlosigkeit der Beschuldigungen in bezug auf die Fälle von M i s k o 1 c z, das übrigens gar nicht in der Tschechoslowakei liegt, und Eperjes erfahren. Nun werden wir auch über Kaschau auf Grund eines Schreibens des dortigen orthodoxen Kultusgemeindevorstandes unterrichtet. In diesem Schreiben heißt es u. a.: „Seitens unserer Landeszentrale inPreßburg wurden wir aufgefordert, polizeilich feststellen zu lassen, was an der Meldung des „Völkischen Beobachters" wahr ist. Entsprechend dieser Weisung haben wir bei der Polizeidirektion vorgesprochen und haben dort von kompetenter Stelle folgende Information erhalten: Seit dem Bestand der Polizeidirektion ist in dem ganzen Bereich derselben nie ein Kriminalfall vorgekommen, bei dem auch nur die leisesten Spuren darauf hinweisen sollten, daß die Recherchen in der Richtung von Ritualmordverdacht geführt zu werden brauchen. Die Polizeidirektion ist gerne bereit, diese Feststellung amtlich zu bekräftigen." Das „letzte Aufgebot" schwindet immer mehr zu einem schäbigen Häuflein zusammen. Ja, Kaschau scheint kein Magdeburg zu sein. Moderne Inquisition. In der letzten Nummer unseres Blattes haben wir über den Magdeburger Justizskandal berichtet. Heute können wir den Schlußpunkt unter seinen krima/nelilen Teil .setzen: Schröder hat erst gestanden, dann widerrufen, wurde aber auch auf Grund der Aussagen seiner Geliebten als der alleinige Schuldige erkannt, Haas ist endlich enthaftet, der Kommissär Ten Holt und der Untersuchungsrichter Kölling sind auf den „wohlverdientem Urlaub" gegangen und werden wohl diszipliniert werden- Doch, die moralische und auch politische Seite der beschämenden Angelegenheit wird noch lange die Gemüter der ganzen Welt beschäftigen. Vergegenwärtigen wir uns nur einmal die Situation dieses in den Aiinalen einzig idastehenden Falles: Anstatt aus einem immerhin im guten Glauben begangenen Irrtum der Polizei die Konsequenzen zu ziehen und die Untersuchung gegen Haas einzustellen, diesen zu enthaften und dagegen die Untersuchung gegen Schröder mit aller Energie zu Ende zu führen, geschah das gerade Gegenteil. Sowohl der Untersuchungsrichter, als auch der Polizeikommissär entlasteten Schröder }-mit allen staen zur Verfügung stehenden, selbst unerlaubtesten Mitteln. Die Angelegenheit erregte begreiflicherweise größtes Aufsehen; die Berliner Polizei griff ein, um die Magdeburger, bei der man immer zunächst noch an Unfähigkeit glaubte, zu unterstützen. Der Kriminaloberkommissär Busdorf kam nach Magdeburg und es gelang ihm, binnen wendigen Tagen völliges Licht in die Angelegenheit zu bringen. Und was war die Folge? Die Freilassung des Industriellen Haas? Nein, die Erklärung des Landesgerichtsrates KöUiirag, mit Busdorf, dier von Haas bezahlt sei, nicht länger zusammen arbeiten zu können. Und die Lösung dieses Rätsels: Rudolf Haas war überzeugter Republikaner und Jude, Schröder dagegen, sein Angeber, Nationalsozialist, Mitglied einer Studentensitten nachahmenden Verbindung von stramm völkischer Gesinnung. Die Angelegenheit weitete sich allmählich zum größten Justizskandal aus, den Deutschland jemals erlebt hatte. Man hat den Fall Haas einen zweiten Fall Dreyfus genannt. Mit Unrecht. Denn von der angeblichen Schuld Dreyfus' war doch ein großer Teil der französischen Oeffentlichkeit überzeugt An die Schuld Haas' glaubte seit Wochen kein vernünftiger Mensch mehr, selbst in völkischen Kreisen in ganz Deutschland. Es handelte sich lediglich darum, wer sich als stärker erweisen würde, die auf dem Boden des Gesetzes stehende preußische Zentralregierung in Berlin oder die völkische Nebenregierung, die in einer reaktionären Richterschaft ihre stärksten Stützen besitzt und die sich stark genug fühlte, auch einen Unschuldigen um seinen Kopf zu bringen, wenn er Jude und Republikaner ist, und einen notorischen Verbrecher zu befreien, wenn er zufällig stramm nationale Gesinnung vortäuscht. Nun ist Haas enthaftet und damit wurde der unwürdigen Tagikomödie von Magdeburg vermutlich doch ein Ende bereitet. Aber Deutschland wird Mühe haben, der Welt die Vorgänge der letzten Wochen vergessen zu machen und zu beweisen, daß es nicht durch und durch mit Leuten vom Schlage des Landesgerichtsrates Kölling identisch ist. Ludendorff „eine ständige Gefahr für den inneren Frieden". Das Organ der Vaterländischen Verbände „Die Bayerische Umschau" bringt einen Artikel unter diesem Titel. Da werden Ludendorff gerade von jener Seite, die am besten und meisten Gelegenheit hatte, ihn gründlch kennen zu lernen, die unangenehmsten Wahrheiten gesagt. In dem Artikel wird unter anderem festgestellt: Politischer Eigendünkel sondergleichen hat in erster Linie einen! Mann um jede vaterländische Besinnung und Ueberlegung gebracht, auf den die Besten und Treuesten in Bayern wie im Reich die größten Hoffnungen für den nationalen Wiederaufbau gesetzt hatten: — Erich v. Ludendorff. Wir haben zu den üblen Streichen, die dieser Mann seinem Vaterlande und der deutschen Einigkeit gespielt hat, bisher geschwiegen — aus Scham. Nun aber müssen wir, der Pflicht des vaterländischen Chronisten gehorchend, darüber berichten; denn unser Schweigen könnte als Entschuldigung gedeutet werden. Wir veröffentlichen das folgende nur mit der einen Feststellung, daß es für das Vorgehen und Verhalten des Generals Ludendorff keine Entschuldigung gibt. Dem „Tagesanzeiger", Zürich, der verbreitetsten Schweizer Zeitung, die auch während des Krieges unseren deutschen Belangen gegenüber immer eine sachliche, wohlwollende Haltung eingenommen hat, wird von ihrem Münchner Korrespondenten geschrieben: „Sehen wir unter der Führung des greisen Reichspräsidenten Hindenburg Wege zum inneren Frieden, so erweist sich sein ehemaliger Generalstabschef, General Ludendorff, der sich in München-Ludwigshöhe niedergelassen hat, immer deutlicher als einsichtsloser Störenfried. Sein Organ, die „Deutsche Wochenschau", strotzt von teilweise geradezu unflätigen Angriffen auf Bayern und im besonderen auf den bayrischen Kronprinzen Rupprecht. Er erklärt unter anderen, ganz unbegreiflichen Entstellungen: „Die jesuitisch-jüdisch-freimaurerische Politik (!) und Kronprinz Rupprecht triumphieren . . . nun, nun, ich kann und muß wieder den Kampf aufnehmen mit Gesinnungslosigkeit und der jesuitisch-jüdisch-freimaurerischen Vergiftung der Offiziersverbände." Vorher schon versteigt sich seine Begriffsverwirrung zu folgendem Satz: Kronprinz Rupprecht wird nie König von Bayern, aber auch nicht Kaiser von Deutschland werden, trotz des Strebens seiner jüdischjesuitischen Freunde, Deutschland und namentlich das ihm verhaßte Preußen zu zerschlagen und das Haus Hohcnzollern noch weiter zu schädigen . . . Die Zusammenstellung: jesuitisch — jüdisch — freimaurerisch ist so grotesk, daß man an der geistigen Zurechnungsfähigkeit des bedauernswerten Generals zweifeln muß. Schließlich ist aber in eingeweihten Kreisen in Bayern nicht unbekannt geblieben, daß es kein anderer als — Ludendorff war, der dem bayrischen Kronprinzen eines Tages das Anerbieten machte, ihn an Stelle der „untauglichen" Hohenzollern als deutschen Kaiser zu lancieren. Und Kronprinz Rupprecht war es, der ablehnte und den preußischen General an seine Verpflichtungen gegenüber dem Hause Hohenzollern erinnerte! Wir haben den staatsrechtlichen Begriff des „lästigen Ausländers" geschaffen, den man über die Grenzen abschieben kann. Ludendorff, der im Gegensatz zu Hindenburg beim Ausbruch der Revolution ins Ausland floh, erscheint heute als eine tragische Figur, die ihren Ruhm selbst grausam zerpflückt. Er ist eine ständig drohende Gefahr für den inneren Frieden geworden. Zangwill und der Zionismus. In der „Neuen Freien Presse" widmet Professor Leon Kellner dem verstorbenen Däohter Israel Zangwill einen Nachruf, dem die folgende Stelle im Wortlaut entnommen sei: „ ... Im Jahre 1897 wohnte er (Zangwill) dem ersten zionistischen Kongreß in Basel bei. Bei der Eröffnung kannte seine Begeisterung keine Grenzen. In seinem Ueberschwang tat er es den unbeherrschtesten Teilnehmern gleich, ging sogar darüber hinaus,