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Die Wahrheit · 1926-08-13 · Heft 34 (13.8.1926) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 34 (13.8.1926)
Date
1926-08-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
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linge aus Wilna nach Hamburg kamen, verhungert, elend und mit ansteckenden Krankheiten behaftet. Viele lagen damals krank im Hause Löb Pinkerles, auch zwei seiner Kinder, darunter Glückel, ergriff die Krankheit, am ärgsten aber traf es die alte Großmutter. Als sie ihr Ende nahen fühlte, ließ sie alle Kinder und Kindeskinder kommen und sprach zu ihnen: „Du, mein lieber Schwiegersohn, hast mir nicht nur Nahrung und Kleidung gegeben, sondern auch oftmals Geld geschenkt, damit ich es nach meinem Gefallen verwenden möge. Ich habe dieses Geld nicht verbraucht, sondern auf kleine Pfänder verliehen und so 200 Reichstaler erspart. Von rechtswegen gehört nun dieses Geld dir, aber wenn du darauf verzichten wolltest, so möchte ich es den armen Kindern meines Sohnes hinterlassen." Auf diese Rede folgte eine allgemeine Rührung, der Schwiegersohn verzichtete auf die 200 Reichstaler und die alte geschäftstüchtige Großmutter segnete Kinder und Kindeskinder und starb zufrieden. Die Glückel war noch nicht 12 Jahre alt, als sie verlobt wurde; zwei Jahre darauf war Hochzeit. Nun berichtet sie, wie sie mit ihrem Vater, ihrer. Mutter und 20 Leuten nach Hameln zur Hochzeit „gezogen" ist. Damals gab es noch keine Post zwischen Hamburg und Hameln, wie in de«- fortgeschrittenen Zeit, in der Frau Glückel ihre Erinnerungen niederschreibt, und die Hochzeitsgesellschaft mußte sich in den Dörfern Wagen mieten und in solchen Fuhrwerken bis nach Hannover reisen. In Hannover wurde Station gemacht und man schrieb nach Hameln um Wagen. Ihre Mutter, erzählt Glückel, „hat formeint, das man zu Hameln so kutschin habe als wie in Hamburg", wenigstens aber erwartete sie, daß für die Braut und ihre Eltern ein passendes Fuhrwerk gesendet würde. Welche Enttäuschung, als am dritten Tag drei oder vier „Bauernwagen" für die illustre Gesellschaft eintrafen. Die künftige Schwiegermama war sehr verletzt und geärgert über diesen ganz unpassenden Vorempfang, und wenn sie schließlich auch den Bauernwagen bestieg, so war ihr ihre Verstimmung doch deutlich anzusehen. Am Abend, in Hameln, als ein gemeinsames Souper die beiden Familien und die Hocbzeitsgäste vereinte, blieb die Brautmutter unnahbar und beleidigt, trotz der Galanterien von Glückeis Schwiegervater, der ihr aus einem großen Glase Wein zutrank und in seiner liebenswürdigen, herzlichen Art sie zu begütigen versuchte. Aber erst als er ein Erlebnis aus seiner eigenen Brautzeit zum besten gab, versöhnte sich die gestrenge Hamburgerin und die Hochzeit wurde in Frieden und Fröhlichkeit zu Ende geführt. Diesem Schwiegervater hat Glückel ihr ganzes, liebevolles Herz geschenkt. Ihre Liebe zu dem alten Manne ist so wunderbar, sie zeigt so viel innere Schönheit und Güte, daß wir mehr Ehrfurcht und Rührung vor ihr empfinden, als vor der größten Weisheit aller Gelehrten. In paar Worten schildert sie nicht nur ihre Zuneigung, sondern auch ihr Leben, das Leben ihrer Schwiegereltern, die kleine Stadt und tausend andere Dinge so lebendig und herrlich, wie nur ein echter Künstler es kann. Ein Jahr lang lebte sie in Hameln, dann zog sie mit ihrem Manne nach Hamburg, wo sie noch ein Jahr bei ihren Eltern wohnte, und dann eine eigene Wohnung für 50 Reichstaler Miete „Heuerte". Eine kummervolle Zeit kam für Glückel und ihre Familie. Erst war es nur ein dumpfes Gerücht, ein unbestimmtes Murmeln und Munkeln, aber auf einmal wurde es offenbar, daß die schreckliche Pest in Hamburg wütete und ein allgemeiner Schrecken, eine allgemeine Flucht begannen. Meistens zogen die Juden nach dem nahen Altona, aber das Ehepaar Chajjim und Glückel entschloß sich, wohl aus Sorge um die drei kleinen Kinder, nach Hameln zu reisen und dort das Erlöschen der Seuche abzuwarten. Das Laubhüttenfest verlebten sie in Hannover. Glückel erzählt, welch entsetzliche Tage das für sie waren; wie durch einen unseligen Zufall ihr kleines Töchterchen von der grausigen Krankheit befallen scheint, wie man das Kind von ihr trennt und nach einem kleinen Dorfe Hainholz bringt, und wie an Simchas Thora das genesene Kind, „die Jungfer von Hainholz", zurückkehrt. In Hameln lebten sie weltabgeschieden und still im Hause ihrer Schwiegereltern; wenn ein Brief aus Hamburg eintrifft, so berichtet er nur von Krankheit und Tod, Tod und Krankheit, kaum daß man das Schreiben mit vorsichtigen Fingern berührt, nachdem es zuvor „beräuchert" ist, — traurige Tage für die ganze Welt, dje auch noch heute unvergessen sind. Nur „Grin Mosche", ihr Geschäftsreisender und Kompagnon, schreibt, Chajjim möge nach Hamburg kommen, die Seuche sei erloschen, das Geschäft erfordere es. Und als Chajjim nicht kommt, da tritt er an einem kalten Wintertage mit einer dichten Kapuze verhüllt in das Zimmer zu den Eheleuten, die ihn wie einen Geist anstarren nicht begreifend, wie es möglich war, in die Stadt zu gelangen, vor der man jeden Reisenden scharf examinierte. (Fortsetzung folgt.) (blossen. Herr Fritsch, der mit unerschütterlicher Ausdauer für den Glauben an das Ritualmordmärchen kämpft, weiß gelegentlich in staunenswertem Maße grenzenlose Albernheit mit abgründlicher Tücke zu verbinden. Ein Artikel, in welchem er die Breslauer Mordtaten zu einer regelrechten Ritualmordhetze ausbeutet, beginnt mit den Worten: „Wir wollen nicht behaupten, daß sich's in Breslau um rituelle Morde handeln muß, möchten aber unseren Lesern untrügliche Belege zu einer eigenen Urteilsbildung an die Hand geben". Aus dem verlogenen Hakenkreuz-Jargon in ehrliches Deutsch übertragen, heißt das: Es muß sich nicht um einen Ritualmord handeln, aber es muß eine Ritualmordhetze geben. Die Hakenkreuzler verstehen schon, wie es Herr Fritsch meint, und wenn sich dann — wie schon so oft in ähnlichen Fällen — herausstellen sollte, daß biedere völkische Gesinnungsgenossen des Herrn Fritsch es waren, die die Breslauer Verbrechen verübten, dann kann er sich darauf berufen, er habe ja nicht behauptet, daß in Breslau jüdische Ritualmörder am Werke gewesen. Es ist schwer, das perzentuelle Verhältnis festzustellen, in welchem Albernheit und Tücke in dem Artikel Fritsch zueinanderstehen, sie dürften sich so ziemlich die Wage halten. Wie sehen übrigens die „untrüglichen Belege" aus, die Herr Fritsch geeignet hält, die Urteilsbildung seiner Leser zu bestimmen? Da muß man Herrn Fritsch allerdings das Kompliment machen, daß er ganz und gar auf jedes Atom von Tücke verzichtet und als der reine Tor erscheint, dem der handgreiflichste Blödsinn noch immer klug genug dünkt. Herr Fritsch zitiert z. B. mit ernster Miene die angebliche Mitteilung eines angeblichen Rabbiners, wonach das fürchterliche Geheimnis des Ritualmordes nur den Rabbinern und den Schriftkundigen bekannt sei, weshalb diese den Titel führen: „Hüter des Blutgeheimnisses". Herr Fritsch glaubt auch, daß bei allen Morden, die mit dem jüdischen Blutritus im Zusammenhange stehen, nach einer alten Vorschrift die Leichenteile nicht etwa vergraben werden dürfen, sondern offen in ein Gebüsch, Teich oder dgl. hingeworfen werden müssen. Natürlich, wie könnten sonst die Juden den Verdacht verscheuchen, bei dem Verbrechen beteiligt gewesen zu sein. Ungemein verdächtig findet es auch Herr Fritsch, daß „nach Bekanntwerden der Untat jüdische Blätter sofort einen großen Eifer zeigen, jeden Verdacht von den Juden abzulenken und andere Personen zu beschuldigen." In der Tat höchst verdächtig. Die jüdischen Blätter sollten vernünftigerweise mit Leidenschaft dahin arbeiten, die hakenkreuzlerischen Blätter womöglich an Trottelei zu übertreffen, und sofort bei jeder Bluttat

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