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Die Wahrheit · 1926-08-06 · Heft 33 (6.8.1926) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 33 (6.8.1926)
Date
1926-08-06
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 33 DIE WAHRHEIT Seite 9 Eine klare und deutliche Antwort hat das Joint DistributionCom mitte den amerikanischen Zionisten erteilt. Dem Committe, welches gegenwärtig eine umfangreiche Kampagne zur Aufbringung von 25 Millionen Dollar für jüdische Aufbauzwecke in Osteuropa und insbesondere für das Krimprojekt durchführt, wurde von den amerikanischen Zionistenin einer kürzlich gefaßten Resolution der Vorwurf gemacht, daß es durch seine Tätigkeit das Interesse der amerikanischen Juden für den Wiederaufbau Palästinas zurückdrängen wolle und hierdurch das Palästinawerk schädige. Demgegenüber erklärte das Jointh Distribution Committe, daß seine Resolution nicht dazu angetan sei, die „Vereinigten jüdischen Kampagne" zu stören, und bestreitet ganz entschieden, daß der russische Kolonisationsplan eine Gegnerschaft zum Palästinawerk in sich trage. Die Führer des Joint haben sich, wie es in der Erklärung weiter heißt, während des andauernden Guerillakrieges eine Reserve auferlegt, jetzt aber, da die zionistische Organisation durch eine offizielle Beschlußfassung das Joint Distribution Committe öffentlich zu diskreditieren sucht, stehendie Führer des Joint nicht an, zu erklären, daß die Beschuldigung, daß die Absichten des Joint gegen Palästina gerichtet seien, eine bewußte Entstellung von Tatsachen ist. Die Erklärung schließt: Wir werden den Weg gehen, den uns unser Gewissen diktiert und uns durch zionistische Beschlüsse nicht in die Irre führen lassen. Die amerikanischen Zionisten stehen also an Engherzigkeit hinter ihren Gesinnungsgenossen diesseits des Ozeans nicht zurück. Der Aufbau Palästinas ist gewiß ein schönes und unterstützungswürdiges Werk, aber warum deswegen keine anderen großzügigen Unterstützungsaktionen für notleidende Glaubensgenossen unternommen werden dürfen, warum jede Fürsorge, die nicht Palästina gilt, Palästina schade, das ist wirklich nicht einzusehen. Daß deshalb, weil der Palästinaaufbau heute im Mittelpunkte des Interesses steht, die Juden anderer Länder nicht vor dem Untergang in Not, Hunger und Elend errettet werden dürfen, das wird doch auch der radikalste Zionist nicht behaupten wollen, wofern noch ein Funken jüdischen Gefühls seine Brust bewegt. Mögen sich nur die Führer des Joint von ihrem Gewissen leiten lassen, von jenem guten und edlen, wahrhaft jüdischen Gewissen, dem auch das Judentum der ganzen Welt so viel zu danken hat, dieses Gewissen wird ihnen auch weiterhin den rechten Weg weisen, den Weg der Menschlichkeit und der Liebe. „Jüdische Mordgier". Diese zwei Worte finden sich in einer Einladung, welche die „Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei" an das „deutschchristliche Wien" gerichtet hat und die „Antisemiten aller Parteien" zum Besuche einer Trauerversammlung für den vor einem Jahre ermordeten M o h a p 1 auffordert. Diese Einladung hat folgenden Wortlaut: „Am 1. August 1925 fiel als Opfer jüdischer Mordgier der deutsche Turner Josef Moh a p I, Mitglied des Turnvereines Leopoldstadt und Ehrenmitglied der Ortsgruppe Leopoldstadt der N. S. D. A. P„ unter dem Mordstahl eines von Juden bezahlten Henkersknechtes. Die N. S. D. A. P. betrachtet es als ihre Ehrenpflicht, am Jahrestage der Mordtat des unschuldigen Opfers zu gedenken, und ruft deshalb die deutschchristliche Bevölkerung Wiens zu der am Samstag, den 31. Juli um 8 Uhr abends im Saale „zur weißen Rose", II., Prater, Ausstellungsstraße stattfindenden Trauerversammlung, in welcher Parteiobmann Karl Schulz und Vertreter völkischer Verbände Wiens sprechen werden, sowie zu dem am Sonntag, den 1. August stattfindenden Gang zum Grabe-Mohapels mit feierlicher Kranzniederlegung. Am Grabe spricht Parteigenosse Major D e r d a, Treffpunkt 10 Uhr vormittags, Haupttor des Zentralfriedhofes. Juden ist die Teilnahme verboten." In sachlicher Hinsicht ist zu dieser, von den niedrigsten Verleumdungen strotzenden „Einladung" die gerichtlich festgestellte Tatsache anzuführen, daß Mohapl von einem arischen Deutschen katholischer Konfession niedergestochen wurde, daß der Mord nicht politischen Gründen, sondern der puren Mordlust eines entarteten Individuums entsprungen ist. Nichtsdestoweniger sprechen die Verfasser von .Jüdischer Mordgier" und wollen durch diese wahrhaft ungeheuerliche Beschuldigung das „deutschchristliche Wien" gegen die Bekenner eines Glaubens aufhetzen, welcher als erster der Menschheit die Heiligkeit des Menschenlebens verkündet hat und dessen wichtigstes Gebot lautet: „Du sollst nicht töten!" Wofern überhaupt von „Mordgier" als einer Rasseneigentümlichkeit gesprochen werden darf, wofern es nicht gemein und niedrig ist, ganzen Völkern, Rassen oder Konfessionen die immer nur von wenigen begangenen Greueltaten anzurechnen, möchten wir den Herren, die von „jüdischer Mordgier" phantasieren, eine Gegenüberstellung der von Juden ermordeten Arier und der von Ariern ums Leben gebrachten Juden empfehlen. Diese „Mordbilanz", welche auch die von den Inquisitoren verbrannten, ferner die bei den Pogromen auf barbarische Weise abgeschlachteten Juden in sich schließen müßte, wäre wohl die furchtbarste Anklage — nicht etwa gegen die „Arier" in ihrer Gesamtheit, sondern gegen diejenigen, welche durch neue Verleumdungen neue Mörder hervorrufen wollen. Denn einzig und allein der Pogromhetze sollte auch die „Trauerversammlung" dienen, die selbstverständlich von der Polizei verboten wurde. Juden' und Norddeutsche unerwünscht. Der streitbare ( völkische „Geist", der die Tagungen des Deutsch-Oester-' reichischen Alpenvereines von 1923 und 1924 erfüllte, läßt sich nicht allein in Satzungsberatungen und Ausschließungsdebatten bannen. Er bestimmt die gar-ze Denku :d Betrachtungsweise seiner Mitglieder und dringt auch in die scheinbar ganz unpolitischen Reiseberichte ein. So schildert n Nr. 13 der Mitteilungen des Deutsch-Oesterreichischen Alpenvereines Wilhelm L e h n e r einsame Ruhetage „AmSamerberg": „Und wie unaufdringlich wirken die paar Sommergäste, denen man da und dort einmal begegnet, in welch einfachen ruhigen Bahnen wickelt sich hier der Fremdenbetrieb ab. Auch ohne Hakenkreuz und ähnliches hält sich die Bewohnerschaft des Samerberges die unerwünschten semitischen Gäste und die gesprächigeren Brüder aus dem Norden Deutschlands fern e." Wie erhebend für die Juden, daß sie ietzt mit den „norddeutschen Brüdern" auf die gleiche Stufe der Unbeliebtheit gestellt werden. Für Herrn Lehner ist also das heutige Deutsche Reich schon zu groß. Nur der Süddeutsche christlichen Bekenntnisses und altbayrischer Mundart hat ein Daseinsrecht am idyllischen Samerberg. Könnte man nicht überhaupt die bayrischen Alpen für jeden sperren, der nicht das Glück ha<| in Miesbach und Umgebung beheimatet zu sein? Moderne Inquisition. Man glaubte, daß sie längst begraben sei, jene furchtbare mittelalterliche Verirrung, die so viele schuldlose Opfer gefordert hatte; man erinnerte sich nur mehr mit Schaudern an die Zeit der Hexenprozesse und Scheiterhaufen, an jene Zeit, in welcher unschuldige Menschen auf die bloße Denunziation eines Ruchlosen hin solange gefoltert, gequält und mit glühenden Zangen gemartert wurden; man glaubte jene Untersuchungsmethoden längst überwunden zu haben, war stolz auf die Errungenschaften einer Kultur, der solche Schändlichkeiten vollkommen fremd seien. Doch diese Selbstsicherheit, dieses Vertrauen auf die Gerechtigkeit und Unbestechlichkeit der heutigen Justiz geriet ins Wanken, als die Nachrichten von den Justizverbrechen einliefen, die in den Ländern des Ostens zur Zeit des roten und weißen Schreckens begangen wurden. Wer erinnert sich nicht der Vorgänge, die sich in Ungarn abgespielt haben, wo unschuldige Menschen, darunter viele unserer Glaubensbrüder, auf Grund ebenso haltloser wie gehässiger Anschuldigungen gefangen, gemartert, ja sogar getötet wurden, während überführte Mörder frei herumgingen? Wer erinnert sich nicht des Steiger-Prozesses in Polen, jenes furchtbaren Justizskandals, in welchem ein junger Student unter der furchtbaren Anklage des Mordversuches gegen das Staatsoberhaupt trotz des Geständnisses des wirklichen Täters monatelang in Ketten schmachten mußte, nur deshalb, weil er Jude ist? Da suchte man das durch diese Geschehnisse einigermaßen erschütterte Vertrauen in die Kultur des modernen Europa einigermaßen damit zu stützen, daß man auf die besondere Lage besagter Länder am Ende Europas, auf ihre größere Nähe zu Asien hinwies: „In Deutschland wäre so etwas unmöglich!" Doch auch dieser letzte Trost ist nun zunichte geworden. In Magdeburg, also bereits im westlichen Teile des Deutschen Reiches hat sich ein Fall ereignet, der stark an die Inquisition des Mittelalters erinnert und blitzlichtartig die grauenvollen Zustände erhellt, die innerhalb der deutschen Rechtspflege herrschen. Mittelalterliche Untersuchungsmethoden! Anders kann nämlich das Vorgehen des Magdeburger Kommissärs Ten Holt und des Unter sucrmmisrichters K ö 11 i n g nicht bezeichnet werden, der einen ehrenwerten und hochangesehenen jüdischen Bürger dieser Stadt, den Industriellen Rudolf Haas auf Grund einer erlogenen Beschuldigung eines überführten Mörders wochenlang im Gefängnis schmachten läßt, der diesem gänzlich herabgekommenen Individuum, einem hakenkreuzlcrischen Landstreicher namens Schröder, trotzdem dieser

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