Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 33 (6.8.1926)
- Date
- 1926-08-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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s Seite 8 Difi WAHRHEIT Nr. 33 •i v ■ -i ■) [ ) ijit; ■»;:| i;t; i!! '1! i 5 ' f , I J! II i; 1 i .11 Ml { I einer unsinnigen Täuschung zu befinden, wenn er glaubt, das Judentum werde sich selbst seines hohen Ruhmestitels berauben, indem es proklamiert, Jesus habe der Welt eine andere Moral verkündet als die, die er in der Lehre Israels gefunden. Diese jüdische Moral ist in der Theorie durch das Evangelium und den Koran einem großen Teile der Menschheit als Grundstock ihrer Religion — wie Se. Majestät sich auszudrücken beliebt — längst „aufgedrängt" worden. * * * Herr v. Ludendorff, der Wilhelm II. sicherlich viel näher steht als die Juden, dürfte vielleicht eher den Anspruch erheben, als Begründer einer „neuen Moral" anerkannt zu werden. Staunend sieht man, wie der Mann, der im Kampfe gegen die „Weisen von Zion" verkündete: „Pflichttreu, redlich und wahrhaftig muß der Deutsche werden, sittlicher Ernst muß ihn beherrschen!", diese schöne Lebensmaxime so trefflich mit der Wahrung seiner Geldinteressen zu verbinden wußte, daß sich jeder Valutenschieber ein Beispiel an ihm nehmen kann. Das ist wirklich eine „neue Moral", von der weder das Evangelium, noch der Talmud etwas wissen. Zu dieser Lebensauffassung mag der General, der im und nach dem Kriege ebenso sein gutes Geld wie sein teures Leben in Sicherheit zu bringen verstanden hat, wohl durch das gründliche Studium der Protokolle der „Weisen von Zion" gelangt sein, in denen angeblich von den führenden Größen des Judentums den Juden dringend die Befolgung der niederträchtigsten Heuchelei ans Herz gelegt wird. Wer nicht sofort erkennt, daß dieses Buch von einem auf die Trottelhaftigkeit der Menschen spekulierenden schuftigen Fälscher stammt, dessen Geist kann durch die Vertiefung in dieses Buch wirklich aus dem Gleichgewicht und somit eventuell auch zu einer „neuen Moral" geraten. * * * Ein merkwürdiger Prozeß ist vor einigen Tagen in Kiew beendet worden. Ein Pogromheld namens Goriatschin war wegen einer Reihe unerhörter Greueltaten, die zu schildern die Feder sich sträubt, zum Tode verurteilt worden, die Todesstrafe wurde jedoch mit Rücksicht darauf, daß Goriatschins Bestialitäten schon fünf Jahre zurückliegen, in eine zehnjährige Kerkerstrafe umgewandelt. Wer kennt nicht das schöne, trostreiche Wort: „Die Zeit mildert jeden Schmerz!" Man sieht, die Zeit hat auch ihre mildernde Wirkung auf das Herz der strengen Richter geübt. Seit fünf Jahren fühlen die Opfer Goriatschins nichts mehr von den Qualen, die ihnen einst die Grausamkeit ihres Mörders bereitete, das durfte nicht unbeachtet bleiben. Wenn man den Pogromheiden nur ein bißchen länger Zeit läßt, verjährt sich ihre Schuld ganz und wird schließlich gar zu einem patriotischen Verdienst. Ego. Wahrheiten vom Tage Dank. Rabbiner Dr. David Feuditwang und Frau danken auch im Namen ihrer Kinder Henni und Dr. Heinrich Feuchtwanger für die ihnen so reichlich und herzlich erwiesenen Aufmerksamkeiten. Ein neuer Hochschulskandal. Man ist ja bei uns an Hochschulskandale gewöhnt und wenn von unseren hohen Schulen häufiger gesprochen wurde, so geschah dies in der letzten Zeit fast nie im Zusammenhang mit irgend einer hervorragenden wissenschaftlichen Leistung, sondern meistens aus ganz anderen Gründen. Schlägereien und antisemitische Ausschreitungen seitens der Studentenschaft, einseitige. Bevorzugung der deutsch-völkischen und Zurücksetzung der übrigen Studenten seitens der Professorenschaft sowie unglaubliche Vorkommnisse bei der Berufung von Professoren und der Ernennung von Dozenten und Assistenten, all das und noch vieles andere mehr erhielt unsere Hochschulen und ganz besonders die Wiener Universität im Mittelpunkte des Interesses. Besonders die Art und Weise, wie man an der Wiener Universität für den Nachwuchs der Lehrkräfte sorgt, zeigt deutlich den furchtbaren Verfall, das wissenschaftliche Niedergleiten einer einst glanzvollen und weltberühmten Forschungsstätte. Denn bei der Erneuerung des Professorenstandes spielen heute ganz andere Momente eine Rolle als wissenschaftliche Leistungen oder hervorragende Gelehrsamkeit. Das Wort Professor kommt vom lateinischen „proferi", was soviel heißt, wie „bekennen", d. h. eine wissenschaftliche Ansicht vertreten, und so dürfte wahrscheinlich auf die mißverständliche Auffassung des Wortes Professor als eines „Bekenners" die in letzter Zeit zur Regel gewordene Gepflogenheit des akademischen Senates zurückzuführen sein, auf die Bekenntnisse der Bewerber mehr Gewicht zu legen, als auf ihre Kenntnisse. Hierdurch wurde der Taufschein zu einem wesentlichen, wenn nicht dem wichtigsten Teil des Befähigungsnachweises zur Erlangung einer Professur und erst in der letzten Nummer unseres Blattes hatten wir Gelegenheit, über eine Protestkundgebung der jüdischen Dozenten an der Wiener Universität gegen die Einführung des praktischen Numerus clausus bei Professorenberufungen zu berichten. Am ärgsten liegen die Verhältnisse an der medizinischen Fakultät der Alma mater Vindobonnensis. Hier genügt offenbar der Taufschein allein nicht mehr und man ist nach der faktischen Ausschließung der jüdischen Bewerber noch um einen Schritt weiter gegangen, indem man überdies noch vollkommenste Rassenreinheit bis ins, sagen wir, 24. Glied, eine einwandfreie politische Gesinnung und vor allem hohe Protektion zu einer unerläßlichen Voraussetzung für die Erlangung einer Professur gemacht hat; alles übrige ist Nebensache und wird dem durch Geburt, Gesinnung und Protektion Ausgezeichneten gerne nachgesehen. Ein Musterbeispiel dafür, wie dies gemacht wird, bildet die Berufung des Professors Arzt zum Nachfolger des berühmten Dermatologen Professors Riehl. Schon der Besetzungsvorschlag des medizinischen Professorenkollegiums für die Lehrkanzel der Dermatologie erregte einigermaßen Befremden, nachdem von den zahlreichen Wiener jüdischen und nichtjüdischen Dermatologen, von denen mehrere Weltruf genießen und auf hervorragende Leistungen hinzuweisen haben, kein einzigsr berücksichtigt wurde. Aber immerhin enthielt derselbe primo et secundo loco die Namen zweier bekannter ausländischer Gelehrter, von denen man jedoch zu wissen glaubte, daß sie es ablehnen würden, nach Wien zu kommen. Denn sonst hätte man das Protektionskind, den ehemaligen Assistenten Professor Riehls, nicht an die dritte Stelle gesetzt, sonst hätte man ihm nicht vorher schnell nach Innsbruck geschickt, woselbst er 28 Tage nur aus dem Grunde als Lehrkraft tätig war, damit man sich auf sein innegehabtes Ordinariat berufen könne, sonst hätte man nicht die Verhandlungen mit den an erster und zweiter Stelle genannten Professoren jäh abgebrochen, als die Gefahr einer Annahme ihrerseits in die Nähe gerückt war. Wir wollen noch zum Schlüsse die Frage aufwerfen: Wie groß muß die Protektion eines Bewerbers sein, damit er auch bei noch so bescheidenen wissenschaftlichen Leistungen zum Professor an der Wiener Universität ernannt werden kann? Ist es wirklich notwendig, daß der Bewerber der Verwandte eines Erzbischofs und der Duzbruder eines Bundeskanzlers ist, wie man dies vom Nachfolger Professor Riehls behauptet, oder sind auch geringere Protektionsgrade aussichtsreich? Es fehlte noch, daß die medizinische Fakultät die obligatorische Blutprobe für alle diejenigen, welche die akademische Karriere ergreifen wollen, einführt. Doch was nicht ist, kann werden und, nachdem wir den Fall Arzt erlebt haben, werden wir uns nichts mehr wundern, was immer an unserer alte^irwürdigen Alma mater geschehen mag. ^EnMgP»'