Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 33 (6.8.1926)
- Date
- 1926-08-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr. 33 Es ist also weder von Säuglingen überhaupt, noch von babylonischen im besonderen die Rede. Der Dichter drückt nicht den Wunsch nach einer nachkriegerischen Rachetat aus, sondern zitiert einen Vers, der eine Heldentat in einem vor Jahrhunderten stattgefundenen Kriege verherrlicht. Der Psalm ist nicht nachexilisch, sondern wurde verfaßt, als Jerusalem noch aufrecht stand. Dr. K a m i n k a leugnet überhaupt das Vorhandensein nachexilischer Psalmen. Seine Ausführungen sind so überzeugend, erklären so einfach und natürlich alle Schwierigkeiten des Psalms, daß man sich förmlich wundert, warum man nicht längst darauf gekommen. Das ist ja immer der Fall, wenn eine Wahrheit ans Tageslicht gezogen wird. In dem sich jetzt vollziehenden Umschwung auf dem Gebiete der Bibelkritik bedeutet die geniale Entdeckung Kaminkas eine wichtige Instanz. Die Deutschen auf dem Londoner Kongreß. Persönliche Eindrücke eines Teiinebmers. Von Rabbiner Dr. Samuel- Essen. An anderer Stelle dieser Ausgabe berichten wir über den Verlauf des jüdischliberalen Weltkongresses. Natürlich können lange Referate auf einer mehrtägigen internationalen Konferenz im Rahmen dieses Blattes nur eine ganz kurze Wiedergabe finden. Wesentlicher für die Beurteilung der Tagung als das Studium langer Vortragswiedergaben scheint uns die Lektüre der hier folgenden persönlichen Eindrücke eines deutschen Rabbiners, die wir dem- „Hamburger Isr. Familienblatt" entnehmen. Wenn irgendeine Delegation auf der Londoner Weltkonferenz eine besondere Stellung einnahm, so war es die deutsche. Nachdem England die Sammlung der liberal gerichteten Juden aller Kulturländer in die Wege geleitet und den Kongreß mit außerordentlichem Geschick vorbereitet hatte, durften die Deutschen nicht fehlen. Denn die Ursprünge der Bewegung weisen nach unserem Vaterlande hin; jede rückblickende Betrachtung mußte der grundlegenden und bahnbrechenden Leitungen gedenken, die deutsche Juden, Gelehrte wie Gemeinden, Rabbiner wie Laien für ein entwicklungsfreudiges Judentum vollbracht haben. So hatten die deutschen Männer und Frauen jetzt in London Rechenschaft darüber abzulegen, wie sie dieses Erbe der Vergangenheit gehütet und verwaltet hatten. Es zeigte sich zweierlei: Einmal, daß sie auf den rechten Flügel des Liberalismus gekommen sind, während die amerikanischen Reformgemeinden den linken bilden und die englische Jewish Religious Union for the Advancement of Liberal Judaism (die jüdisch-religiöse Vereinigung zur Förderung des liberalen Judentums) die Mitte hält Alsdann aber, daß die deutschen rabbinischen Theologen wie Seligmann, Baeck, Wiener, Dienemann, Vogelstein, Goldmann, Professor Elbogen u. a. immer noch das meiste zur Vertiefung und Vergeistigung des religiösen Liberalismus beizutragen imstande sind und ihre Ausführungen die größte Aufmerksamkeit verdienten und fanden. So war denn auch deutlich, daß die Deutschen sich stärker vom englischen als vom amerikanischen Liberalismus angezogen fühlten, welch letzterer auf der Konferenz wohl 50 und mehr Vertreter hatte und leicht ein Uebergewicht hätte gewinnen können. Die englischen Wortführer waren zudem Träger von Namen, die der ganzen Judenheit teuer sind: Mr. Claude Montefiore und Lady Lily M o n t a g u. Ihr Wirken ist von jenem Geiste wahrhaft religiösen, liberalen und praktischen Judentums erfüllt, dem auch bei uns die Träger solcher Namen huldigen, die über die Grenzen der Religionsgemeinschaft hinaus einen besonderen Ruf haben. Es gibt auch Unterschiede. Claude Montefiore weiß selbst am besten, daß seine Ausgleichsversuche von jüdischer und.Christ Ii eher Ethik bei uns Bedenken ausgelöst haben; ähnlich wie Rabbi Stefen Wises Kanzelreden über neutestamentliche Ethik. Was aber Claude Montefiore und Lady Montagu für uns so wertvoll macht, das ist ihr Blick für die Erfordernisse des einfachen Mannes, die Ausprägung wissenschaftlicher Erkenntnisse in Kleinmünze (ganze Serien von Broschüren und Flugblättern über alle brennenden religiösen Fragen lagen im Vorraum der Synagoge aus); ferner das großzügige Erziehungswerk an der Jugend, nicht zuletzt die soziale Arbeit an den wirtschaftlich Schwachen. Zweifellos besitzt dies alles auch das amerikanische Judentum. Und dennoch — als europäischer Staat steht uns England näher. Es ging schon durch die Blätter, mit welcher Entschiedenheit die Engländer Montefiore und Mattuk Debatten über die Berechtigung oder Nichtberechtigung des Zionismus vom Kongresse fernhielten. Doch konnten sie nicht verhindern, daß, für uns Deutsche als vollkommene Ueberraschung, Zionisten von ausgesprochen religiös liberaler Gesinnung auftraten. Dahin gehörte nicht nur R. Stefen Wise, der dadurch in scharfen Disput mit R. Samuel Schulman zu geraten drohte, sondern auch der beliebte zweite Rabbiner der Londoner liberalen Synagoge, Dr. Perlzweig. Man erkannte deutlich, daß in England die Parteigruppen ganz anders gelagert sind wie bei uns. Die Jugendführer der liberalen Gruppe, besonders ein Cyril Henriques, begeben sich in London mitten unter die Massen ihrer ostjüdischen Brüder in Whitechapel und suchen sie da mit Erfolg für religiösen Fortschritt im Verein mit weltlicher Bildung und sozialer Hebung zu gewinnen. In Deutschland sucht der osteuropäische Nachwuchs an sich selbst zu arbeiten; der Westjude dagegen gewinnt keine rechte Fühlung mit ihm. Daß die Dominions (Kanada, Indien) stark von England beeinflußt sind, soweit sie eine jüdisch-liberale Bewegung haben, ist verständlich. Das gleiche gilt aber von kleineren Ländern, die vertreten waren, wie Schweden'und Holland. Frankreich hatte seine Hauptredner, Theodore Rein ach und Germain Le vy, zurück-- gezogen. Ob diese mit der ziemlich starken deutschen Gruppe (die wohl 25 Vertreter hatte) nicht zusammentreffen wollten, entzieht sich unserer Kenntnis. Die (übrigens ältere) Rede von Reinsen, die von einem Stellvertreter verlesen wurde, fand schon wegen ihrer Länge nicht besondere Aufmerksamkeit. Sie arbeitete viel mit dem g€nie religieux des Judentums, der Mission des Monotheismus im Sinne R6nans. Die Amerikaner sprachen pointiert, vielfach mit lebhaften Gesten und gaben der Konferenz ein gutes Bild der religiösen Lage des Judentums in den Vereinigten Staaten. Wer die Protokolle der Centrai-Conference of American Rabbis verfolgt hatte, war nicht erstaunt, manche widerstreitenden. Bewegungen in den Geistern zu entdecken, von denen die einen vorwärts drängen, die anderen zur Besonnenheit mahnen. Was es für uns Europäer bedeutete, Männern wie Louis Wolsey, Samuel Schulman, Julian Morgenstern, Maurice Harris, William Rosenau und Stefen Wise diesseits des Ozeans zu begegnen, bedarf kaum der Erläuterung. Gegen Ende der Konferenz, bevor die Gründung der „Weltunion für liberales Judentum" beschlossen wurde, kamen noch einmal die mancherlei Schattierungen der großen, fortschrittlichen Richtung deutlich zum Ausdruck. Die Worte liberal, reformiert, modern, zeitgemäß, fortschrittlich waren zur Wahl gestellt und fanden Liebhaber und Gegner; das Wort „Liberalismus" fand aber den meisten Anklang. Die Verschiedenheit der Sprachen erschwerte gewiß die Verständigung; aber liebenswürdige Kenner mehrerer Weltsprachen traten immer wieder in die Schranken, wenn es galt, den Dolmetsch für eine Rede zu machen. Unsere Deutschen, Professor Elbogen und Frau Justizrat Ollendorf, waren darin unermüdlich. Erwähnen möchten wir noch die rührende, fürsorgliche Gastlichkeit, die sämtliche Delegierten in London genossen und die nicht wohl zu überbieten war. Auch daß ne b e n den drei zugelassenen Kongreßsprachen (englisch, französisch und deutsch) auch als vierte Weltsprache unsere heilige hebräische zur Geltung kam, deren sich die deutschen Rabbiner beim Gebet bedienten. Daß endlich „En kelauheinu", stehend von der