Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1926-08-06 · Heft 33 (6.8.1926) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 33 (6.8.1926)
Date
1926-08-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3063973-3064004--14764-3082341
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 33 DIE WAHRHEIT Seite 3 Wie sollen wir ein Lied des Ewigen singen vor diesem sensationslüsternen Feind? Das wäre ja Entweihung. Da stimmen sie dafür ein weltliches Lied an, welches zugleich ihren momentan gedemütigten Nationalstolz zu heben imstande ist, nämlich einen K r i e g s g e s a n g, der auf den Sieg des judäischen Heeres unter König Amazia gedichtet wurde. In zwei Versionen wird uns die Geschichte dieses Sieges überliefert: im Buch der Könige (II. 14, 7), welches die Aussagen unmittelbarer Augenzeugen enthält, und im Buche der Chronik (II, 15, 11, 12), welches mehrere Generationen später verfaßt wurde, die Ereignisse schildert, wie sie sich die Nachkommen durch den Nebel der Zeit vorstellen. Das Königsbuch erzählt knapp und klar: Er, König Amazia nämlich, schlug Edom im Salztal zehntausend Mann und in der Schlacht eroberte er (thaphas) den Felsen. Der Fels, von dem hier die Rede ist, ist der Burgfelsen, auf dem die Residenz der Könige der Edomiter sich erhob. Man hat sich den Vorgang so vorzustellen, daß Amazia das feindliche Heer der Edomiter, das in Judäa eingedrungen war, zurücktrieb bis an den Fuß des edomitischen Burgfelsens; hier brachte er dem feindlichen Heere eine entscheidende Niederlage bei, brachte zehntausend Mann davon zur Strecke, wodurch das Heer zerschmettert wurde, und eroberte den Felsen. Damit war wohl der ganze Krieg beendet. Wir haben da einen Kriegsbericht vor uns, wie er auf dem Schlachtfelde vom Sieger nach getaner Arbeit verfaßt zu werden pflegt. Viel wortreicher aber weniger plastisch, mit weniger Einzelheiten ausgestattet, lautet der Bericht in dem Buche der Chronik. Hier nimmt sich König Amazia mächtig zusammen, führt sein Volk nach dem Salztal und schlägt zehntausend von den Edomiten. Von der Eroberung des Felsens mit der edoehedem die Wallfahrtsfeste ganz Israel auf den Höhen des Tempelberges vereinigten und zu einer großen Gemeinde machten, so hat die Minjan-Idee ein Gleiches in der Diaspora erreicht. Wollte der Jude seiner Religion die rechte Weihe geben, so mußte er nach Vereinigung mit seinen Brüdern streben, mußte ei kennen, daß er nicht allein bleiben könne; stand er aber in der Gemeinde Gottes unter seinen Brüdern, so kam ihm zu Bewußtsein, daß er nicht mehr oder minder zählt als sein Nachbar, daß vor Gott arm und reich, hoch und niedrig gleich viel zählt. Der Jude konnte nicht wie ein Einsiedler, teilnahmslos am Freud und Leid anderer, weltvergessen, traumverloren Gottesdienst halten. Wie vordem die täglichen Opfer aus dem Vermögen des ganzen Volkes bestritten wurden^ damit jeder Israelit einen wirklichen Anteil daran habe, so ist die Erhaltung des Minjan, des Gemeinschaftsgottesdienstes, eine Pflicht, zu der jeder Israelit beitragen muß. Die Leistung soll eine persönliche sein, indem jeder mit seiner Person sich zur Teilnahme bereitstelle. Niemand darf sich weigern, wenn er gerufen wird, die Zehnzahl zu vervollständigen, ja ein besonderes Verdienst verheißt der Talmud dem, der die ersten zehn vollmacht. R. Elieser hatte einst sogar seinen Sklaven zum Freien gemacht, um den fehlenden „Zehnten" beistellen zu können. Denn es heißt: „Gott steht in der Gemeinde des Herrn" und das besagt, daß dort, wo man mit „Minjan" Ijetet, die Herrlichkeit Gottes weilt. Die Beschäftigung mit der Thora, der selbstlosen Nächstenliebe und das Gebet in der Gemeinde, lassen Gott vergessen, daß sein Volk unter den Völkern der Erde weilt, sind gleichbedeutend mit einer Erlösung aus dem Galuth. Tatsache ist, daß dort, wo eine Gemeinde ihr tägliches Minjan zu erhalten imstande war, auch Judentum und jüdisches Leben sich erhalten hat. „Hüte dich, daß du deine Opfer nicht an jedem Orte, den du siehst, darbringst" — Hüte dich, daß du nicht den Gemeinschaftsgottesdienst und die gottesdienstliche Gemeinschaft zerstörest, daß Minjan bleibe in Israel! K. mitischen Königsburg wird nichts erwähnt. Dagegen wird erzählt, daß die Judäer weitere zehntausend edomitische Krieger gefangen nahmen, sie an die Spitze eines Felsens (ohne nähere Ortsbezeichnung) hinaufbrachten und von dort in die Tiefe hinabstürzten. Sind die Zahlenangaben in diesen antiken Kriegsberichten überhaupt nicht wörtlich zu nehmen, so trägt diese, offenbar Jahrhunderte nach dem Ereignis niedergeschriebene Nachricht das unverkennbare Merkmal der Uebertreibung an sich. Es ist technisch unmöglich, Tausende von Gefangenen auf einen Felsen zu schleppen und sie von dort hinabzustoßen! Eine derartige Uebertreibung konnte erst viel später in Kreisen entstehen, die dem Kriege fernstanden und keine lebendige Anschauung von ihm mehr hatten. Es bleibt also als historischer Kern nur die im Königsbuch überlieferte Nachricht zurück, daß Amazia ein edomitisches Heer am Fuße des Burgfelsens des edomitischen Reiches geschlagen und diesen Felsen genommen, erobert hat (thaphas). Ein Kriegsgesang, der auf dieses Ereignis gedichtet wurde, enthielt den Vers: „Gedenke, o Gott, den Söhnen Edoms den Tag Jerusalems" . . . Der Groll gegen die Edomiter war um so bitterer, als das ja ein stammverwandtes Volk war. Dieses Kriegslied singen nun die gefangenen Judäer den Babyloniern vor. Wieder in die Heimat zurückgekehrt, ohne Furcht vor dem Zwingherrn, streuen sie nun in das ehemals auf babylonischer Erde gesungene Lied gegen Edom eine neue Strophe gegen Babel ein: „Babel, du Elende! Preis dem, der dir heimzahlt, was du uns angetan." Dann folgt eine weitere Strophe aus dem historischen Kriegsgesang gegen die Edomiter: „ein Hurra, ein Preis auf den Feldherrn, der den edomitischen Burgfelsen erobert und das feindliche Heer gegen diesen Felsen zer-' schmettert hatte." Die Eroberung dieser zweimal in der Bibel (Obadia 3, Jeremia 49, 16) als uneinnehmbar geschilderten Felsenburg muß wohl als besondere militärische Großtat gegolten haben, etwa wie in unserer Zeit die Eroberung des Lowtschen. Es ist also begreiflich, daß das Lied dem Eroberer ein besonders kräftiges Hurra darbringt. „Aschre schejoches wenippez eth olalajich el ha sela." Das Zeitwort „achas" (in „schejoches") ist synonym mit dem Zeitwort „thaphas" in der Ueberlieferung des Königsbuches, und bedeutet nicht anfassen, sondern ergreifen, erobern. Auch in der Mesa-Inschrift kommt dieses Verb in gleichem Sinne vor. Das Hauptwort „olalajich" bedeutet hier nicht Säuglinge, sondern junge Männer, Soldaten. In dieser Bedeutung kommt das Wort in der poetischen, getragenen Sprache mehrmals vor. „Sie lassen ihr Vermögen ihren olalim zurück" (Psalm 17, 14), „Ihre Olalim gingen gefangen vor dem Feind." (Klagelieder 1, 5) Jeremias 6,11 wird der „olal" in Parallele gesetzt mit dem „bachur", letzteres Wort bedeutet aber ganz gewiß nicht einen Säugling, sondern den Jüngling. Diese Beispiele lassen es als sicher erscheinen, daß auch im Psalm 137 „olalajich" (deine olalim) nicht Säuglinge, sondern junge Menschen bezeichnet, die das feindliche Heer bildeten. Der ganze Satz ist ein Vers aus einem alten Kriegsgesang gegen Edom und verherrlicht den Heerführer, der das feindliche Heer gegen den Felsen zerschmettert, und ihn erobert hatte.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.