Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 33 (6.8.1926)
- Date
- 1926-08-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 33 Arnold B. Ehrlich weist entschuldigend darauf hin, daß, als Israel diese Vorstellungen hatte, P1 a t o zum. .Wohle des Staates die Aussetzung schwächlicher Kinder empfahl. „Man muß eben an diese alten Schriften nicht den Maßstab unserer Ethik anlegen, welche das Resultat des Fortschrittes vieler Jahrhunderte ist. Zu seiner Zeit stand das Alte Testament auf der höchsten Stufe ethischer Entwicklung, und mehr kann man vernünftigerweise von ihm nicht erwarten/' Wie gnädig! Nun findet sich in dem zu Tel-Awiw herausgegebenen „Sepher Sikkaron" zu Ehren des siebzigjährigen Alexander Süßkind Rabbinow i t z eine bemerkenswerte Studie von D r. A. K arainka über diesen Psalm, die ihn in einem ganz ungeahnten Lichte zeigt. Kaminka geht von der Frage aus, was die Erwähnung Edoms hier zu bedeuten habe. Zwischen Judäa und Edom bestand allerdings Feindschaft. König David bekriegte die Idumäer erfolgreich; später, in der zweiten Hälfte des 9. vorchristlichen Jahrhunderts, kam es unter König Amazija zu einem großen Krieg gegen sie, über den sich nur zwei Notizen erhalten haben, im Königsbuch und in der Chronik. Allein, bei der Bedrängung von Judäa durch Nebukadnezar, der mit der Zerstörung des Reiches, der Verwüstung der Stadt Jerusalem und der Verbrennung des Tempels endete, wirkten die Ammoniter, Moabiter und Aramäer auf der Seite des Stärkeren mit, aber von den Edomiten (oder Idumäern) erzählt uns die Quelle* nichts. Diese plötzliche Erwähnung der Edomiter im Psalm ist also doppelt auffällig. Ferner ist es unverständlich, daß die Sänger zwar versichern, sie könnten und wollten nicht singen, aber am Ende singen sie eines der schönsten und ergreifendsten Lieder, welches nur dusch den schrillen Ausklang so unharmonisch schließt. Indessen bestehen diese Schwierigkeiten nur, wenn man den Psalm für nachexilisch hält und ihn nach der Zeptörung Jerusalems durch Nebukadnezar entstanden sein läßt. Dann wäre es aber unverständlich, warum der Sänger, indem er der Heimat gedenkt, nicht erwähnt, daß sie jetzt verwüstet und verlassen daliegt, wie es in den Klageliedern geschieht, nicht den großen Jammer der überlangen Belagerung, der Eroberung und Zerstörung von Stadt und Heiligtum. Der Psalm ist offenbar viel älter, es müssen ihn Gefangene gesungen haben, die in den Eroberungszügen der Assyrer nach Babylonien verschleppt wurden, auch unter Jojakim und Jojachin, den beiden vorletzten Königen von Judäa, führten die Babylonier häufig Gefangene in ihr Land, lang bevor sie der Selbständigkeit des jüdischen Reiches ein Ende gemacht. Einer dieser Gefangenen, dem es gelungen war, noch vor der Zerstörung Jerusalems in die Heimat zurückzukehren, schildert in diesem Psalm die Stimmungen und Erlebnisse in der Gefangenschaft. Die Fänger forderten ihn, und seine Schicksals^ genossen auf, zu ihrem Ergötzen Zionslieder anzustimmen. Zionslieder, d. h. hebräische Lieder, die das Volk daheim singt, gibt es mancherlei Art. Es gibt Lieder zu Ehren Gottes (Schir Adonai), so z. B. das unserem Psalm vorangehende Lied „Preiset Gott, denn er ist gut, denn ewig währt seine Gnade", das sogar „Schir Adonai" par excellence genannt wird. Es gibt aber auch Kriegslieder. Von diesen sind im Psalmbuch aber nur versprengte Bruchstücke einhalten. Beide Arten von Liedern sind natürlich heiter und lustig, wie sie die Babylonier verlangen. Aber: Minjan. „Hüte dich, daß du deine Opfer nicht darbringst an jedem Orte, den du siebst". V, 12, 13 Es gibt eine Frömmigkeit, die zu jeder Zeit und an jedem One ihre Andacht verrichten mag, denn sie glaubt die augenblickliche Gefühlsregung, den spontanen. Entschluß unbedingt berücksichtigen zu müssen. „Bete, wann und wo du magst, wenn du beten willst", lautet ihre Losung. Man weiß, daß d;*s Gebet an Stelle der früheren Opfer getreten ist und wenn es nun in der Schrift heißt: „Hüte dich, daß du nicht an jedem Orte, den du siehst, deine Opfer bringst", ist damit die Religion Israels anderer Ansicht als jene Frömmigkeit. Sie wünscht nich'.. daß Gottesdienst an jedem Orte und zu jeglicher Zeit, die einem beliebt, stattfinde. Galt dies zu einer Zeit, da Israel in dem Tempel zu Jerusalem, zu dem jeder ziehen sr.iitc und mußte, seinen Mittelpunkt hatte, sc hat der innere Sinn der Bestimmung erst reent Kraft und Bedeutung gewonnen, seit Israel über alie Erdteile verstreut, überall ein Bruchteil geworden war. Wohl hat es einerseits das Verbot mit starker Hand beseitigt und an allen Orten sein Gotteshaus aufgeschlagen, hat aber anderseits durch die unbedingte Forderung des öffentlichen Gemeinschaftsgottesdienstes dem Sinne des Verbotes entscheidend Rechnung getragen. Die Religion Israels verlangt, daß zu bestimmter Zeit, in bestimmten Räume unter Beteiligung der Oeffentlichkeit das Gebet verrichtet werde. Das Wort „Minjan", das sich für den Gottesdienst eingeprägt hat, kennzeichnet diese Anschauung. Nicht einer soll beten, sondern eine Zahl von Betern sich vereinigen. Eine Gemeinde soll es sein, die betet. Der Talmud lehrt, daß man an einem Gotteshause, in dem gebetet wird, nicht vorbeigehen soll, denn man soll sich von der Gesamtheit nicht absondern. Die Zeit, da Israel in seinem Gotteshause in gemeinschaftlichem Gebete versammelt steht, nennt der Talmud „Zeit der Gnade". Denn Gott kann dieser betenden Volkesstimme gegenüber nicht fühllos und gleichgültig bleiben, sondern seine Gnade wird rege und das Gebet erhört. Daher haben die Alten das Wort aus den Sprüchen Salomos: „Bei der Menge des'Volkes ist die Verherrlichung des Königs" von altersher auf die Versammlung der Beter bezogen. Bei jedem Gottesdienste sollen so viel als möglich sich beteiligen, damijp eine Menge der Diener den König verehre und bediene. Als einst R. Jose unterwegs war und in eine Ruine eintrat, um dort zu beten, erschien ihm Elia, verwies ihm sein Tun und stellte als Grundsatz auf, nie in einer Ruine zu beten, auf der Reise sich mit einem kurzen Gebete zu begnügen, und schließlich verkündete er ihm, daß Gott dreimal . täglich, wenn Israel in seinen Gotteshäusern versammelt den Namen Gottes preist, ausrufe: „Heil dem König, den man so in seinem Hause verherrlicht!" Daß dieses Wort Elia in den Mund gelegt wird, soll dem Gedanken, daß der rechte Gottesdienst im Gotteshause und inmitten der betenden Gemeinde sei, besonderen Nachdruck geben. Die Gemeinde wird als „eda" als mindest aus 10 Personen bestehend nach dem Gebrauche des Wortes bei den Kundschaftern gedeutet, so daß diese Zehnzahl der Teilnehmer zu einer prinzipiellen Bedeutung im religiösen Leben gelangt ist. Für den Gottesdienst und alle religiösen Akte die Oeffentlichkeit verlangen, wie Trauung und Beerdigung, Beschneidung und Auslösung des Erstgeborenen, Ehescheidung u. a. wird Minjan, die Zehnzahl der Teilnehmer, gefordert. Darin liegt eine Idee von solcher Bedeutung, daß wir sagen können, sie war es, die die Zerstörung des Tempels, Staates und Opferkultus in der Zerstreuung wirkungslos gemacht hat. Sie hat eigentlich das religiöse Leben in allen Ländern und Zeiten erhalten. Infolge dieses Minjan-Prinzipes mußte der Jude in Freud und Leid seine Brüder suchen. Wenn