Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 33 (6.8.1926)
- Date
- 1926-08-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Oesferrelchlsche WocbensAiUl iflr tüfflsdie Interessen Pitt dem Beiblatt; Veröftenflldiungen der „Union denfecliösterreldilsilier Joden" Redaktion und Administration: WM«m WM., Bcincitinae *3. - Ferwraf 42-2-16 XLII. Jahrgang Wien, 6. August 1926_Nummer 33 „An den Strömen von Babel.. " Der mit diesem Verse beginnende Psalm 137 gehört bekanntlich zu den schönsten und ergreifendsten im ganzen Psalter. Er ist nicht bloß bei den Juden, sondern auch bei den christlichen Völkern sehr populär, der 5. Vers: „Wenn ich dein vergesse, Jerusalem!" ist geradezu weltberühmt, ebenso der nachfolgende. 6: diese beiden Verse geben dem Heimweh der Kriegsgefangenen den klassischen Ausdruck für alle Zeiten. Beim Klange des ersten Verses tauchen vor uns auf die Gestalten der nach Babyion verschleppten gefangenen Judäer, Lewiten, sie haben ihre Harfen an die Weiden gehängt, die Zwingherren verlangen von ihnen Zionslieder, .,etwas Lustiges." Aber die sonst so Sangesfrohen sind jetzt sangesmüde: „Wie sollen wir Lieder des Ewigen auf fremder Erde singen?" ... Doch jetzt schlägt die Sehnsucht nach der verlorenen Heimat in Groll gegen deren Bedränger um: „Gedenke, o Gott,^ den Tag Jerusalems den Söhnen Edoms, die da riefen: reißet nieder, reißet nieder ihre Mauern, bis auf den Grund! . . . Babel, du Elende! Lobenswert (asehre) der dir heimzahlt deine Handlungsweise an uns; lobenswert, der da erfaßt und zerschmettert deine Säuglinge gegen den Felsen!" . . . Der letzte Vers spricht einen so grausamen, geradezu unmenschlichen Rachewunsch aus, daß er nicht nur wie ein schriller Mißton das stimmungsvolle Lied abschließt, sondern ein direkt unmögliches Bild zeichnet. Nach der Eroberung einer Stadt kann eine entmenschte Soldateska Säuglinge gegen das Pflaster, oder die Wände der Häuser zerschmettern, wie es übrigens auch die russischen Chuligans bei Pogromen regelmäßig taten; Felsen jedoch finden sich in den Städten, auch in Jerusalem, nicht. Dieser grausame Rachewunsch fiel schon den alten Kommentatoren auf. So bemerkt David Kimchi (1160— 1235) in seinem Kommentar zur Stelle: „diese Grausamkeit ist als Vergeltung dessen zu begreifen, was die Babylonier an den Judäern nach der Eroberung der Stadt verübt haben." Nun ist eine gesungene Grausamkeit .immerhin viel milder zu be^ urteilen, als eine verübte, aber sie stört nichtsdestoweniger das Harmonische des schönen Gesanges. Das reiche Gewoge der wehmütigen und sehnsüchtigen Stimmungen darf schon nach allmähligem Uebergang, in langsamer Steigerung in einen wilden Schrei nach Vergeltung ausklingen, aber nie wird ein so begabter Dichter, wie der Sänger dieses Psalms, durch ein grauenhaft häßliches Bild den Gesamteindruck eines Werkes am Schluß entstellen. Es entspricht überdies nicht den Tatsachen, daß die Babylonier judäische Säuglinge gegen die Felsen zerschmettert hätten. Wir haben dafür das indirekte Zeugnis des Propheten Jeremias, der mit eigenen Augen die tragischen Ereignisse jener Zeit geschaut hat. Im 51. Kapitel seines Buches, Vers 20, spricht er im Namen Gottes Babel folgendermaßen an: „Ein Hammer bist du in meiner Hand, ein Werkzeug des Krieges, ich zerschmettere mit dir Völker und richte mit dir Königreiche zugrunde; ich zerschmettere mit dir Roß und Reiter, ich zerschmettere mit dir Wagen und Lenker. Ich zerschmettere mit dir Mann und Weib, ich zerschmettere mit dir Alt und Jung, ich zerschmettere mit dir Jüngling und Jungfrau . . ich zerschmettere mit dir Herren und Würdenträger. Aber am Ende zahle ich heim an Babel und an alle chasdäischen Bewohner all das Böse, das sie in Zion angerichtet haben vor euren Augen. So spricht Gott." Hier zählt der Prophet alle Verheerungen auf, die Babel, ein Werkzeug in der Hand Gottes, gestiftet hat, und kündigt dem Werkzeug die Vergeltung an. Es ist bezeichnend, daß Jeremias dasselbe Wort (nappez) für zerschmettern gebraucht, welches im Psalm 137 von den angeblichen Säuglingen steht. Hätten nun die Babyfonier die Kindlein der Judäer gegen die Felsen zerschmettert, so würde Jeremias auf keinen Fall das in seiner Anrede zu erwähnen unterlassen haben. Allein, der Psalm bietet auch noch andere Schwierigkeiten. Zunächst ist die plötzlich auftauchende Erinnerung an Edom unbegreiflich, um so unbegreiflicher, wenn man den Psalm als nachexilisch betrachtet, wie es die Bibelkritik tut, die ihn nach der Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezar von einem heimgekehrten Exulanten verfaßt sein läßt. Da mußte doch diese wenig bekannte Episode mit Edom in einer gar zu fernen Zeit zurückliegen, die Wunde der Zerstörung Jerusalems war frischer, im Vergleiche mit dem Groll gegen Babel mußte jener gegen Edom stark verblaßt und abgekühlt sein. Die Erinnerung scheint also an dieser Stelle deplaciert. In dem Ruf nach Vergeltung an Babylon hätte ferner die Zerstörung der Stadt, die Verwüstung des Landes und Wegführung der Bevölkerung eher erwähnt zu werden verdient, als die freilich grausame, aber immerhin untergeordnete Einzelheit der Zerschmetterung der Säuglinge, für die der Psalmist eine Vergeltung mit gleichem herbeisehnt. Diese Sehnsucht hat den christlichen Kommentatoren Anlaß zu allerlei Betrachtungen gegeben über den niederen ethischen Zustand des Alten Testamentes, der erst im Neuen die Stufe der Vollkommenheit erreicht habe, auf der kein Raum ist für Rachsucht. Aufrichtigen Bewunderern der Bibel verursachte dieser Schlußvers wahre Seelenqualen. C o r n i 11 z. B. sagt in seinen schönen und tiefen Vorlesungen über die Propheten Israels, er wäre gern bereit, sich eine Hand abhauen zu lassen, wenn nur dieser eine Vers in den Psalmen nicht stünde.