Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 32 (30.7.1926)
- Date
- 1926-07-30
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 10 DIE WAHRHEIT Nr. 32 die vorbereitende Sitzung. Als dann aber die Antwort des Gemeindevorstandes an den Polizeipräsidenten ergangen war, die natürlich nicht seinen Beifall gefunden hatte, da schien ihm die Stellung seiner Partei gefährdet. Da stand der zionistische Repräsentant auf und protestierte gegen seine eigene Anwesenheit. Die Sitzung fand trotzdem statt und die Vorlagen, etwa 50 an der Zahl, wurden fast sämtlich einstimmig, also auch von den Konservativen und Zionisten, angenommen. Freilich erst, nachdem die üblichen Reden zum Fenster hinaus beendet waren. Nun aber geschah das Allermerkwürdigste. Während der Vorsitzende der Repräsentantenversammlung, Rechtsanwalt Heinrich Stern, und ebenso der liberale Repräsentant, Professor Josua Friedländer, auf der Weltkonferenz des liberalen Judentums in London, über die wir noch berichten werden, weilten, während zahlreiche andere Repräsentanten sich auf Sommerurlaub befanden, berief der stellvertretende Vorsitzende der Repräsentantenversammlung, der Führer der Konservativen, Herr Loeb, der wenige Tage zuvor noch die Einberufung der alten Repräsentantenversammlung mit den Zionisten gemeinsam zu verhindern suchte, die alte Repräsentantenversammlung ein, um die Angelegenheit der Wahlproteste zu besprechen. Es ist selbstverständlich, daß der Führer der Zionisten, Herr Rechtsanwalt Dr. Klee, diesmal zu Beginn der Sitzung keinen Protest gegen die Einberufung der alten Repräsentantenversammlung zu Protokoll gab. Es ist selbstverständlich, daß der zionistische Repräsentant, der einige Wochen vorher gegen seine Einberufung protestiert hatte, sich diesmal etwas leichter mit seiner Anwesenheit abfand. Die Einladungen an die Repräsentanten waren aber nicht ordnungsgemäß herausgegangen, so daß diese Sitzung bestimmt den Bestimmungen des Status widersprach. Das wurde von dem liberalen Repräsentanten, Justizrat Sonnenfeld, deutlich nachgewiesen, der namens seiner Fraktion erklärte, daß sie an der Sitzung nicht teilnehmen werde. Die Vertreter des jüdischen Handwerks verließen ebenfalls unter Protest den Saal. Der Mittelparteiler Dr. Neumann erhob ebenfalls gegen die Versammlung Widerspruch, und der Gemeindevorstand, last not least, beteiligte sich an den Verhandlungen amtlich nicht. Der verbleibende Rest faßte dann gegen die Stimme Dr. Neumanns eine langatmige Resolution, die an das Polizeipräsidium, den Preußischen Kultusminister und den Preußischen Innenminister gesandt werden soll, wo sie sicherlich eine gute Lagerstätte finden wird. Obstruktion und Opposition — ganz wie bei uns. Die Dekanswahl an der juristischen Fakultät. Anläßlich der Dekanswahlen für das kommende Studienjahr an der Wiener Universität hat die „Deutsche Studentenschaft", die nicht mit der deutschen Studentenschaft (ohne Anführungszeichen) zu verwechseln ist, folgenden anmaßenden Beschluß gefaßt: „Die deutsche Studentenschaft stellt fest, daß sie es nach wie vor als ihre vaterländische und völkische Pflicht betrachtet, dagegen anzukämpfen, daß Juden — also Nichtdeutsche — Amtswalter an einer deutschen Kulturstätte werden. Die Vertretung Deutscher kann auf Grund des Selbstbestimmungsrechtes des deutschen Volkes nur durch Deutsche erfolgen. Die Wahl jüdischer Amtswalter widerspricht dem gesetzlich festgelegten deutschen Charakter unserer Hochschule." Und nun ist das Unglaubliche doch geschehen: Das Professorenkollegium der juristischen Fakultät hat trotz der Mahnungen, Drohungen und Resolutionen der „Deutschen Studentenschaft" einen — Juden, den hervorragenden Romanisten und bisherigen Senator Professor Hupka zum Dekan gewählt. Ueber die stattgefundene Dekanswahl berichtet die „Deutsche Akademikerzeitung" und fügt ihrem Berichte folgende Bemerkung hinzu: „Die Entscheidung des Professorenkollegiums der juridischen Fakultät stehen allerdings, soweit Professor Hupka in Frage kommt, den Beschlüssen eines Hochschultages entgegen, nach welchen Angehörige des iüdischen Volkes für die Verleihung akademischer Würden an deutsche Forschungsanstalten nicht in Betracht kommen sollen." Hierzu wäre zu bemerken, daß die Beschlüsse eines Hochschultages durchaus nicht maßgebend sind für die Entscheidung der akademischen Behörden und daß die „Deutsche Studentenschaft", die eine staatlich nicht anerkannte Vertretung eines Teiles der Studentenschaft darstellt, weder etwas zu gestatten noch zu verbieten hat. Es soll somit durch obige Aeußerung nur der Schein einer Befugnis erweckt werden, die tatsächlich nicht vorhanden ist Wir können allerdings die Erbitterung der deutschvölkischen nochschulkreise darüber verstehen, daß sich das Professorenkollegmm bei der Verleihung der akademischen Würden nicht ausschließlich vom Rassenstandpunkt hat leiten lassen. Eine bemerkenswerte Aeußerung über das Verhältnis Gr oßbn taniniens zu Palästina machte in der Sitzung der englisch-Türkischen Gesellschaft ein hoher englischer Beamter, der frühere Oberkommissär für Transjordanien, Mr. H. St. John P h i 1 b y in einer Rede, die sich mit den Pro-* blemen des Orients beschäftigte. Mr. Philby sägte: ,;In 3 an R e m o wurden die Wünsche der Völker in den Mändatsländern von den Mandatarmächten gar nicht berücksichtigt. Die Mandate wurden nach Wunsch und Willkür verteilt. Palästina von einem jüdischen Oberkommissär verwalten zu lassen, sei einer der größten Fehler gewesen, den die britische Regierung in ihrer Palästinapolitik begehen konnte. Der Fehler wurde gutgemacht, als an Stelle Sir Herbert Samuels ein N i c h t j u d e die Verwaltung übernahm, in der er weit bessere Erfolge erzielt hat. Palästina wird als eine „britische K r o n k o 1 o n i e" angesehen und auch so verwaltet. Er, Philby, teile nicht die arabischen Befürchtungen, daß die Juden infolge der Zunahme der jüdischen Bevölkerung das Arabertum majorisieren werden. Solange Großbritannien in Palästina die Zügel in Händen hat, kann es zu ernsthaften Streitigkeiten zwischen Arabern und Juden nicht komme n." Wir wissen nicht, inwieweit die Meinung Mr. Philbys die offiziellen Anschauungen der Leiter der britischen Orientpolitik wiedergibt. Jedenfalls verdient die Aeußerung eines Mannes, wie des ehemaligen Oberkommissärs für Transjordanien die größte Beachtung derjenigen jüdischen Kreise, die über die Absichten der englischen Regierung in Palästina auch einmal von anderer Seite unterrichtet werden möchten als bloß von — jüdischnationaler. Der Mensch muß ein Prinzip haben. So dachte sich ein wackerer junger Germane, Herr Otto B r a u n e i s, und wenn es schon kein anderes ist, so sei es wenigstens das Waidhofner Prinzip, welches bekanntlich besagt, daß Nichtariern die Genugtuung mit der Waffe zu verweigern sei. Auf diesen ebenso praktischen als ungefährlichen Standpunkt stellte sich auch Herr Otto Brauneis, nachdem er mit einem ihm bisher gänzlich unbekannten Manne, Herrn Julius N e um a n n, in der Milchtrinkhalle im Währingerpark einen Streit ganz mutwillig vom Zaune gebrochen und letzterem im Verlaufe desselben einen „Judenpinkel" genannt hatte. Als nämlich der Beleidigte seinem Beleidiger die Vertreter schickte, erklärte Brauneis unter Berufung auf das Waidhofner Prinzip, daß er sich mit Juden nicht schlage. Die Folge hiervon war eine Ehrenbeleidigungsklage, über welche das Be- zirksgericht D ö b 1 i n g unter Vorsitz des Landesgerichtsrates Dr. Kattor zu urteilen hatte. Bei der Aufnahme der Personalien des Angeklagten stellte sich die merkwürdige Tatsache heraus, daß dieser gar nicht maturiert habe, also im Sinne des studentischen Ehrenkodex überhaupt nicht satisfaktionsfähig sei. Brauneis lehnte die Leistung eines Sühnebetrages ab und weigerte sich auch, sich einem Juden gegenüber zu entschuldigen. Er versuchte sich jedoch dadurch schmerzlos aus der Affäre zu ziehen, daß er die Oeffentlichkeit der Beleidigung bestritt. Schließlich mußte die Verhandlung vertagt werden, da verschiedene Zeugen nicht erschienen waren. Inzwischen wird der tapfere Nichtmaturant mit den arisch-germanischen Grundsätzen Gelegenheit haben, über die Voraussetzungen der Satisfaktionsfähigkeit nachzudenken. Die Freie Zionistische Vereinigung hat sich, so befremdlich auch diese Nachricht für manche klingen mag, die ihr ursprünglich nicht ohne Sympathie gegenübergestanden sind, ihrer „Freiheit" vollständig begeben. Durch ihre reumütige Rückkehr in den Schoß des zionistischen Verbandes, von dem sie sich losgesagt und den sie scharf bekämpft hatte, verliert sie das Recht auf die Bezeichnung „frei", auf die sie einst so stolz war. Sie wird jetzt nur mehr die gebundene Marschroute der zionistischen Exekutive befolgen dürfen und das von jüdischen Kreisen seinerzeit mit Genugtuung begrüßte Bestreben dieser Vereinigung, ein Sammelpunkt für alle die zu sein, welche jenseits jeder nationalen Landespolitik für Palästina arbeiten wollen, es wird in den Ketten der Parteidisziplin verschmachten. Wieder einmal hat, wie so oft in Oesterreich, der Nationalismus über den Zionismus einen „glänzenden Sieg" errungen. Eine hochherzige Spende. John D. Rockefeiler jun. in New York hat dem Komitee für die vereinigte Kampagne des Joint Distribution Committee die Spende von 100.000 Dollar zukommen lassen. Das Begleitschreiben Rockefellers lautet: „Mit Interesse verfolge ich den Fortschritt der Joint- Kampagne für Hilfe an die Juden in Polen und Rußland. Nach den Informationen, die ich erhalten habe, werden die Gelder des Joint-Fonds nach einem sorgfältig und gut durchdachten Programm verwendet. In solchen Dingen darf e s k e i n e Rassen- und Glaubensgrenzen geben. Ich hoffe deshalb, daß Sie mir, obwohl ich hierzu nicht eingeladen worden bin, erlauben werden, einen Scheck über 100.000 Dollar für die Zwecke des Joint-Fonds beizulegen, was ich hiermit nebst besten Wünschen für den Erfolg der Kampagne tue."