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Die Wahrheit · 1926-07-30 · Heft 32 (30.7.1926) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 32 (30.7.1926)
Date
1926-07-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Är . & tÄE WA2 >ik«i<»i &tte 7 r Veröffentlichungen ] L JLJnion jte^cjrösterrete^ r~Wien 1X^1 Iii Berggasse 4 III Postsparkassen - Konto {*» " Nr. 9464 " Telephon Nr. 19-2 77 Das letzte Aufgebot Wenn die Armee eines Landes bis zur völligen Ohnmacht dezimiert ist, dann versucht eine vorsichtige Heeresleitung, der drohenden gänzlichen Niederlage durch das letzte Aufgebot zu begegnen: durch Einberufung längst alt und grau gewordener Männer mit verrosteten Waffen. Dieses erbärmliche Bild zeigt jetzt die antisemitische Front. Die letzten Vorfälle, vor allem die schweren Kompromittierungen Hitlers und Ludendorffs, haben eine arge Krise der völkischen Bewegung verraten. Deshalb öffnen die besorgten Führer die ältesten Kammern ihres geistigen oder vielmehr ungeistigen Waffenlagers, und es werden Argumente hervorgezogen, die in längst entschwundenen Zeiten nicht ohne verderbliche Wirkung blieben. Damals nämlich, als die Menschheit noch an Hexerei und Zauberei glaubte, fand auch die Blutbeschuldigung gegen die Juden stets Anklang und Verbreitung. Diese schönen Tage nun erregen den berechtigten Neid der Finsterlinge von heute und so kann es einen nicht wundernehmen, wenn nach der mißglückten Breslauer Ritualmordbeschuldigung deutsche antisemitische Blätter, allen voran das Berliner „Deutsche Tageblatt" und der Münchner „Völkische Beobachte r" diesmal ihre Weisheit außerhalb der Landesgrenzen herzuholen sich bemühen. Die Nachricht des „Völkischen Beobachters" lautet folgendermaßen: „Im Zusammenhang mit dem Kindermord von Breslau gewinnt folgende Meldung an Bedeutung, bei der es sich wahrscheinlich um jüdische Ritualmorde handelt. Aus der Tschechoslowakei treffen Nachrichten über grauenvolle Lustmorde (?) an kleinen Mädchen ein, die die ganze dortige Bevölkerung in Schrecken versetzt haben. In Miskolcz wurde das dreijährige Töchterchen des Staatsbahninspektors Tarjan von einem Wüstling angefallen, durch Messerstiche in den Hals getötet und zerstückelt. Der Kreisarzt stellte fest, daß der Mörder vorher das Blut aus der Wunde gesogen hatte. Die Nachforschungen ergaben," daß auch in E p e r j e s, Kaschau und Losoncz einige Kindermorde unter ganz ähnlichen Begleitumständen verübt worden, sind. So wurde in Eperjes die Leiche des vierjährigen Töchterchens eines dortigen Finanzbeamten, bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, in einer Felshöhle aufgefunden. Auch in diesem Falle wurde dem Opfer vorher das Blut ausgesogen. InKaschau fiel dem Mörder ein fünfjähriges Mädchen, Tochter eines dortigen Kaufmanns zum Opfer. Da auch an der Kindesleiche, die in L os o n c z aufgefunden wurde, Spuren der Zähne des Täters festgestellt werden konnten, muß es sich hier um ein und dieselbe Person, eine Bestie in Menschengestalt handeln. Die Gendarmerie des ganzen Bezirkes fahndet nach dem Täter. Die Vornahme des Blutabziehens entspricht jüdischem Ritus und weist darauf hin, wo der Verbrec herzu suchenist . . . ." Wahrlich, es steht den unentwegten Verteidigern der völkischen Fememorde nicht besonders gut an, polizeilich noch unaufgeklärte Verbrechen aus anderer Herren Länder, über die man in Deutschland doch nicht so gut informiert sefin kann, als Ergebnisse eines rituell bedingten Mordwillens auszulegen. Aber das Interessanteste an dieser Sache ist, daß die Vorfälle bereits aufgeklärt erscheinen, worüber natürlich die völkische Presse ihre Leser ganz im unklaren lassen wird. Die „Union deutschösterreichischer Juden", der die Lügenmeldungen vom „C e n t r a 1 - V e r e i n" bekanntgegeben wurden, hat es sich nicht verdrießen lassen, der Sache auf den Grund zu gehen, und hierbei von einem gut informierten Prager Gewährsmann folgendes erfahren: „Zunächst müssen wir feststellen, daß die Veröffentlichung schon geographisch den Tatsachen nicht entspricht, da Miskolcz nicht in der Tschechoslowakei, sondern in Ungarn liegt. Bei diesem letzten Falle haben die ungarischen Rassenschützler auch mit der Legende des Blutmärchens gegen die Juden Stimmung zu machen versucht, es ist ihnen aber das Handwerk durch die polizeilichen Erhebungen bald gelegt worden. Es hatte sich herausgestellt, daß die Tochter des Eisenibarminspektors Tarjan einer Verwechslung zum Opfer gefallen ist, indem eine von ihrem Manne getrennt lebende verzweifelte Mutter durch ein gedungenes Individium die eigene Tochter töten lassen wollte. Der gedungene Mörder hatte aber aus Irrtum zufällig die im selben Hause wohnende Tochter des Inspektors ermordet. In Eperjes ist tatsächlich ein kleines Mädchen das Opfer eines Lustmordes geworden, der Täter konnte aber eruiert werden. Die zwei anderen noch angeführten Fälle entsprechen auch absolut nicht der Wahrheit." So also sieht es in Wirklichkeit mit den Wahnvorstellungen der Hakenkreuzler aus, die nicht einmal gute Geographen genug sind, um die Herkunft einer ihrer vielen Lügenmeldungen, an deren Wahrheit sie ja selbst nicht im entferntesten glauben, genau feststellen zu können. Das „letzte Aufgebot" der Hakenkreuzler ist noch bedeutend trauriger als das von dem berühmten Maler Defregger auf seinem bekannten Bilde veranschaulichte. * * * Die „Jüdische Presse" schreibt wohl vor der inzwischen erfolgten Aufklärung in ihrem tschechoslowakischen Teile zu dem gleichen traurigen Thema folgende Bemerkungen, deren Wichtigkeit unbedingt anzuerkennen ist: Wir hätten keine Veranlassung, uns an dieser Stelle mit der niederträchtigen Verlogenheit der deutschen Antisemiten zu beschäftigen, wenn wir nicht die Wahrnehmung machten, daß die antisemitischen Zeitungen zum Schauplatz ihrer erdichteten Ritualmorde gerade Orte aussuchen, die auf dem Gebiete unserer Republik liegen. Noch haben wir keinen Grund, anzunehmen, daß die neue Hetze mit dem Märchen des Ritualmordes von hier ausgeht Wir vermuten vielmehr, daß die Urheberschaft ausschließlich den Redaktionen jener völkischen Zeitungen gebührt. Der Antisemitismus ist jedoch eine historische Volkskrankheit, die überall seuchenartig auftreten kann, wenn ihre Erreger nicht rechtzeitig vernichtet werden. Wir lenken deshalb die Aufmerksamkeit aller zuständigen Behörden auf diese Meldungen. Im Interesse der Wahrheit und des Friedens unter den Elnt^iSSC'-

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