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Die Wahrheit · 1926-07-30 · Heft 32 (30.7.1926) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 32 (30.7.1926)
Date
1926-07-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Glossen. Dr. Seipel hat, von Amerika heimgekehrt, in seiner Antwort auf die Begrüßungsrede Kunschaks den mir ebenso erfreulichen wie — man verzeihe mir die unbescheidene Bemerkung — schmeichelhaften Beweis erbracht, daß ich nicht so unrecht hatte, als ich neulich an dieser Stelle bemerkte, er werde es dereinst vorziehen, sich zu mancher Stelle in seinen antisemitisch schillernden amerikanischen Interviews nicht zu bekennen. Der Heimgekehrte hat in der Tat schon die erste Gelegenheit benützt, um nicht nur das christlichsoziale Volk, „sondern überhaupt alle, die in diesem Lande das Gute wollen, hochleben lassen". Daß zu diesen Leuten wahrlich nicht in letzter Reihe die Juden gehören, weiß der gelehrte Prälat, der die Religionsvorschriften der Juden kennt, ganz genau, und so war dieser sein Gruß ein Hieb in das Antlitz aller Judenfeinde, die die Juden nicht nur hochleben, sondern überhaupt nicht leben lassen wollen. Dr. Seipel hat sich offenbar, falls er es einen Moment in Amerika vergessen haben sollte, wieder erinnert, daß er im Grunde genommen als Christ, als Priester, viel näher den Juden steht, als jenen, die sich Christen nennen und die Lehren des Evangeliums verhöhnen. Sicherlich hat auch das Wort des Papstes, daß er ein Freund der Juden und ein Gegner des Antisemitismus sei, mahnend an sein Herz geklopft. Dem Himmel sei es gedankt, Doktor Seipel kann, wenn er es sich überlegt, schließlich doch nur ein Todfeind der Antisemiten, aber nicht ein Judenhasser werden. * * * Die zwanzigste Wiederkehr des Todestages, an dem Ferdinand v. Saar aus dem Leben geschieden, hat den Zeitungen ohne Unterschied der politischen Parteistellung Anlaß gegeben, eingehende Studien dem Lebenswerk des Mannes zu widmen, der zu den edelsten und angesehensten Dichtergestalten Oesterreichs zählte. Da konnte man überall lesen, daß der nach den Höhen der Kunst strebende Dichter in den letzten Jahren seiner Jugend durch die Sorge um das tägliche Brot gehemmt und der Verzweiflung nahe war. Er konnte seinem Werke erst ganz leben, als geistig hochstehende Frauen aus der österreichischen Aristokratie auf ihn aufmerksam wurden und sich als hilfsreiche Mäzenatinnen erwiesen. Sie boten ihm Zufluchtsstätten, erretteten ihn aus den seinen Genius lähmenden Kämpfen und ermöglichten ihm die Schaffung der köstlichen Dichtungen, die eine bleibende Zierde der deutschen Literatur bilden. Daß die „völkischen" Blätter, bei denen jedes dritte Wort der „Jud" ist, die Namen dieser Aristokratinnen verschwiegen, ist selbstverständlich. Sie gehörten zu den nicht wenigen jüdischen Familien in Oesterreich, die, was Geist, Bildung und Wohltätigkeitssinn betrifft, zu den edlen zählten, bevor ihnen auch der äußerliche Adel verliehen worden war. Weniger selbstverständlich, vielmehr ganz unverständlich darf man aber die Diskretion finden, mit der auch in sehr freisinnig sich geziemenden Wiener Biättern der Name und die konfessionelle Zugehörigkeit dieser „Aristokratinnen" übergangen wurde. * * * Der Fall Ferdinand Saar, auch ein eigenartiger Beitrag zum Kapitel „Verjudung der deutschen Literatur", dürfte vielleicht manchen an ein Wort Fontanes erinnern. Fontane zählte sicherlich zu den hervorragendsten „arischen" Schriftstellern, den die Völkischen gerne gegen einige nicht ganz „rassenreine" Dichter ausgetauscht hätten. Aber der seiner geistigen Ueberlegenheit nicht weniger wie seines Deutschtums bewußte Fontane konnte sich nicht enthalten, dem ihn bei seiner Jubelfeier speichelleckerisch umkriechenden Gelichter einen Fußtritt zu versetzen, indem er öffentlich ein Bekenntnis ablegte, das beiläufig in diesen Worten gipfelte: „Wenn die Juden sich nicht um mich und meine Bücher gekümmert hätten, wegen der anderen hätte ich ruhig verhungern können!" # * * Der jüngsten offiziösen Erklärung über den Numerus clausus verdankt die Welt eine überraschende Neuigkeit. Daß dessen Einführung den Erwachenden zuliebe erfolgte, wußte man. Nun aber erfährt man, daß das Kabinett Bethlen die Aufhebung des Numerus - clausus vorläufig lediglich den Juden zuliebe — unterläßt. Graf Bethlen — so heißt es in dieser Kundgebung — wünscht die Aufhebung einer Maßnahme, die im Auslande dem Ansehen Ungarns so schwere Wunden geschlagen hat. Aber er will eine solche Verfügung nur treffen, wenn sie zur allgemeinen Beruhigung gereichen und nicht eine neuerliche Entflammung der Leidenschaften nach sich ziehen würde. Welch ein Zartsinn im Interesse der Juden! Es war genug, meint Graf Bethlen, daß die Regierung wegen der gegen die Juden gerichteten „Entflammung der Leidenschaften" den Numerus clausus einführte, wozu sollte die Regierung jetzt wieder aufs neue die antisemitischen Leidenschaften durch die Aufhebung des Numerus clausus entfachen? Das wäre ein hartes Unrecht! Das haben die armen Juden nicht verdient. So ganz neu ist übrigens die Regierungsmethode in Ungarn nicht. Eigentlich hat man sie, und zwar nicht ganz erfolglos, schon anläßlich der Bombenattentate angewendet. Auch diese waren bekanntlich die Folge der „entflammten Leidenschaften" und wer weiß, ob die Verurteilung der.Attentäter nicht zu neuerlicher „Entflammung der Leidenschaften" geführt hätte. Man ließ daher die Attentäter in der idealen Annahme, daß sich dadurch allmählich eine allgemeine Beruhigung im Lager der Erwachenden einstellen würde, unbestraft. Wenn die Juden in Ungarn noch immer nicht einsehen, wie gut es Graf Bethlen mit ihnen meint, wenn er gütig gegen die Erwachenden ist, so fehlt ihnen nicht nur logisches Denken, sondern auch das primitivste Gefühl der Dankbarkeit. Ego. JAC. MAYER Kleider-, Pelzeu. Gummimäntel-Fabrik Zentrale: Detailverkauf: Wien II., Glockerigasse 24 Wi©n II., Taborslraße 44

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