Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 32 (30.7.1926)
- Date
- 1926-07-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3063973-3064003--14748-3082324- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 DTE WAHRHEIT Nr. 32 zugehen. Es lag also nahe, daß das Kaddisch, nachdem es zum besonderen Gebet für das Seelenheil der Verstorbenen gestempelt wurde, den nächsten Leidtragenden das erste Trauerjahr hindurch oblag. Am Anfang des 13. Jahrhunderts (1220) berichtet Rabbi Isaak Or-Sarua (aus Wien), am Rhein und in Böhmen bestehe die Sitte, daß die Waisen zum Schluß des Gottesdienstes das Kaddisch sagen. Es wird hierbei eine in mehreren Varianten umgehende, also offenbar alte Legende angeführt, wonach ein Sohn durch das im Gotteshaus gesprochene Kaddisch, aber auch das „Borchu!" (Preiset Gott! — Anfangswort eines Hymnus) den verstorbenen Vater von der Höllenpein erlöste. Da es indessen als ungeziemend gilt, seine nächsten Angehörigen oder gar Eltern für Sünder zu erklären, die ein volles Jahr der Höllenstrafe unterworfen sind, so wurde später die Zeit des „Kaddischsagens" auf elf Monate beschränkt. Den alljährlich wiederkehrenden Sterbetag teurer oder ausgezeichneter Verstorbener feierlich zu begehen, ist so natürlich, daß dieser Brauch wohl sehr hoch ins graue Altertum zurückreicht. In der Zeit der babylonischen Amoräer war es üblich, daß am Sterbetag eines hervorragenden Gelehrten Jünger und Verehrer sich an seinem Grabe versammelten und öffentliche Lehrvorträge abhielten. Auch fastete man an diesem Tage. Es galt ferner als frommes Werk, am-Sterbetage der Eltern zu fasten. Erst als das Kaddisch zum speziellen Gebet für das Seelenheil der Abgeschiedenen und zur Pflicht für die nächsten Hinterbliebenen wurde, kam die Sitte auf, an diesem Tage „Jahrzeit" zu halten. Das Wort wie der Begriff ist deutsch-kirchlichen Ursprungs. Die deutschen Christen des Mittelalters bezeichneten damit den Tag, an dem sich der Tod eines Familien- oder Gemeindegliedes jährte. Jede Kirche legte „Jahrzeitbücher" an, Verzeichnisse der Tage, an denen Seelenmessen gelesen und Lichter für die Seelen angezündet wurden. Um die Wende des 14. Jahrhunderts war der Brauch und die Bezeichnung unter den deutschen Juden schon heimisch. (Rabbi Isaak von Tyrnau und Rabbi Jakob Möllin von Mainz dürfen indessen wohl die ersten sein, die etwa zu Anfang des 15. Jahrhunderts das Wort Jahrzeit erwähnen.) Von Deutschland aus verbreitete es sich über die ganze Welt, soweit Juden wohnten; die Sitte stieß im Orient auf heftigen Widerstand, trug aber schließlich den Sieg davon. Das Wort „Jahrzeit", welches aus der heutigen deutschen Sprache längst verschwunden, ist auch unter den spaniolisch und arabisch redenden Juden bekannt — sie sprechen es bisweilen jarzeid, jarsait aus. Es ist merkwürdig, daß dafür keine besondere hebräische Bezeichnung geprägt worden ist. (Die Sephardim sagen bisweilen dafür „nachiah", Erbteil). Als ein wichtiges Mittel, das Seelenheil der Verstorbenen zu fördern, sieht ein alter Volksglaube das „Lernen" der Thora an den Trauertagen, sowie an der Jahrzeit an; das Lernen geschieht sozusagen im Namen der Abgeschiedenen, in ihrer Vertretung, es wird ihnen geweiht. (Daher wie vorgesehen, in alter Zeit die öffentlichen Lehrvorträge am Grabe eines gelehrten Heimgegangenen.) Als besonders wirksam gilt das Studium ausgewählter Abschnitte aus der Mischnah; das beweist, daß schon zu der Zeit, als erst die Mischnah allein vorhanden war, das „Lernen" für die Seelen der Verstorbenen in Ehren stand; später wurde dem Brauch der Grund unterschoben, -daß das Wort Mischnah (ohne die im Hebräischen ja nicht sichtbaren Vokale) dieselben Buchstaben hat, wie das Wort Neschamah (Seele). Vorzugsweise wird die Mischnahordnung „Tohorot" studiert, die von den Reinheiten handelt, darunter besonders der 24. Abschnitt des Traktates „Kelim", der siebzehn Mischnajoth zählt (siebzehn ist im Hebräischen der Zahlwert von tob — gut), von denen jede mit dem Wort „rein" endigt. Oder es werden Traktate aus der Mischnah ausgewählt, deren Anfangsbuchstaben zusammen den Namen der Verstorbenen ergeben. (Bei den Sephardim und den Chassidim ist es üblich, zum gleichen Zweck den Sohar zu studieren.) X Es ist natürlich, daß die Kabbalah (und später der Chassidismus) an diese Sitte eine Unmenge mystischer und abergläubischer Vorstellungen geknüpft haben. Der Todestag besonders heiliger Männer, wie zum Beispiel des Rabbi Simon ben Jochai, des angeblichen Verfassers des Sohar und Vaters der Kabbalah (Lagbaömer) wird nicht nur in wehmütiger Andacht, sondern daneben (am Nachmittag und Abend) als „Hillula" (Freudentag) begangen, denn der Tod heiliger Männer ist freilich, vom irdischen Standpunkt aus betrachtet, ein trauriges Ereignis, aber vom Ewigkeitsstandpunkt ist er der Beginn eines neuen, seligen Lebens, eine Befreiung aus dem engen Kerker des Irdischen. Die Chassidim begehen auf dieselbe Weise die Gedenktage ihrer großen Wunderrabbis. Kabbalah und Mystik haben auch die ursprünglich angezweif« und bekämpfte, zum Teil sogar verpönte Lehre ausgebildet und verbreitet, das Kaddisch sei ein Gnadenmittel, um die Seele der Verstorbenen von der Höllenpein zu befreien oder ihr zu einer höheren Stufe der Seligkeit zu verhelfen. Die Jahrzeitfeier, die Kerze und das Kaddisch werden als „Thikkun" (Verbesserungsmittel) für die Seele aufgefaßt. Nach dem Früh- und Abendgottesdienst pflegt der Leidtragende, der häufig bei dieser Gelegenheit auch den Vorbeter macht, der anwesenden Gemeinde einen kleinen Imbiß zu geben, der ebenfalls „Thikkun" genannt wird. Während man dem Leidtragenden zutrinkt, wünscht man ihm, die Seele seines Abgeschiedenen, der diese Feier gilt, möge eine „Aliiah" haben, das heißt auf der Stufenleiter der himmlischen Seligkeit höher emporsteigen. * * * Zwei oder drei Jahrhunderte früher als die „Jahrzeit" reicht der Ursprung des „Maskir" (richtiger: Haskarah) zurück, der Seelenandacht, die heutzutage in ganz Europa einen wichtigen Bestandteil des Gottesdienstes am Versöhnungstage und an den letzten Tagen aller anderen Feste, mit Ausnahme des Rosch Haschanah bildet. In Westdeutschland allerdings, woher der Brauch stammt, nur am Versöhnungstag allein. Dem Brauch liegen zwei Vorstellungen zugrunde; die eine, bereits oben gedachte, daß die Hinterbliebenen für die Sühne der Seelen ihrer abgeschiedenen Verwandten fördernd eintreten können, und eine andere, ihr im Grund entgegengesetzte, daß die Lebenden die Verdienste (sechujoth) und die guten Werke der Väter anrufen dürfen, um Gottes Gnade umso wirksamer zu erflehen. Nach dem furchtbaren Unglück, welches die jüdischen Gemeinden am Rhein während des ersten Kreuzzugs (1096) heimsuchte (und sich dann oft und oft wiederholte), kam die Sitte auf, in jeder Gemeinde „Memorbücher" anzulegen, in denen die Namen der Märtyrer verewigt wurden. Diese Verzeichnisse wurden vornehmlich am Versöhnungstag, dann auch an den Sabbaten zwischen Pessach und Schabuoth (in dieser Zeit wütete das Morden am heftigsten) nach der Vorlesung aus der Thora vorgetragen mit der einleitenden Formel „Gott gedenke der Seelen" (hier folgen die Namen) und dem Schluß „sie mögen aufgenommen sein in den Bund des Lebens" usw. Daraus entwickelte sich der Brauch, daß jeder Betende im besonderen seiner nächsten Abgeschiedenen gedachte und eine Almosenspende zur Erinnerung an sie gelobte. Diesen Almosenspenden wurde auch der Sinn untergelegt, daß die Nachfahren die guten Werke und Lebensführung der Vorfahren auf Erden fortsetzen wollen; die Verstorbenen würden ja, wenn sie hoch lebten, selber Wohltätigkeit üben, aber da sie es nicht mehr können, treten die Nachkommen für sie ein. Das Gebet ist bekanntlich ebenso ergreifend wie schlicht und kurz, umfaßt knappe vier oder fünf Zeilen. Der Gedanke liegt nun nahe, daß auch der letzte Pessachtag und der zweite Schabuothtag der Totenfeier geweiht wurde, und zur Analogie wurde auch auf dem letzten Tag des Laubhüttenfestes (schemini azereth) eine Seelenandacht festgesetzt. Um die Mitte des 13. Jahrhunderts finden wir diesen Brauch in Italien verbreitet, ja dort wurde sogar an jedem Sabbath eine allgemeine Seelenandacht abgehalten. Doch haben die orientalischen sowie die nordafrikanischen Gemeinden diesem Brauch den Eingang verwehrt, dort kennt man keine öffentliche Seelenandacht. Wie gegen das Waisenkaddisch, so wurde auch gegen die Seelenandacht oft und oft Sturm gelaufen, und zwar taten das gerade Vorkämpfer des Herkommens, die sonst stets für die Erhaltung jedes überlieferten Brauches eintreten. Man sah in der Totenfeier eine unjüdische Sitte, die sich in den jüdischen Kultus eingeschlichen hatte, gegen den „Totenkultus" als solchen führte man eine Menge theologischer Gründe ins Feld und bewies, daß er mit dem Geist des Judentums unvereinbar sei. Anderseits ist die Totenfeier und die Jahrzeit in der neuesten Zeit mit viel Sorgfalt ausgebaut und mit einer Menge Zeremonien ausgestattet worden, die ungemein feierlich wirken; das könnte den Anschein erwecken, als sollte die Totenfeier zum Mittelpunkt und zum Hauptstück des jüdischen Gottesdienstes werden. Die Toten auf irgend eine Weise zu ehren und ihrer in Liebe und Sehnsucht zu gedenken, entspricht indessen einem so tiefen Bedürfnis des Menschenherzens, daß es vergeblich ist, ihm mit Vernunft oder theologischen Gründen beikommen zu wollen. Die Religion tut besser daran, dieses Bedürfnis unter ihren Schutz zu nehmen und ihm möglichst viel Stimmung und Idealgehalt einzuflößen. Es ist zwecklos, sich darüber zu entrüsten, daß Männer und Frauen, die das ganze Jahr der Synagoge fernbleiben, sich zum „Maskir" oder zum Kaddischsagen in die heiligen Hallen drängen. Eher sollte man sich darüber freuen. Die Pietät für die Vorfahren bildet ja mit eines der besten Elemente des religiösen Lebens, und so kann dieses Gefühl jenem Knöchelchen gleichen, von dem tedie Sage behauptet, daß es im Grabe unversehrt bleibe und