Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 32 (30.7.1926)
- Date
- 1926-07-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Kr. 32 DIE WAHRHEIT 'NiiW Seit« 3 sionen, Schichten, Stämme sich heimisch und wohlig darin fühlen. Dann treibt man wahrhafte nationale Politik. Soweit ich die Sache verstehe, huldigen die national-deutschen Juden einer etwas tief verschleierten Metaphysik, um den ganz eigens zurecht gemachten Begriff des national-deutschen Juden in die Oeffentlichkeit einzuführen. Wenn man die Schriften des Dr. Naumann liest, der wohl der Gedankengeber der „national-deutschen Juden" ist, so hat man das Gefühl, daß man einem glänzenden Stilisten gegenübersteht, beredt und enthusiastisch, der aber etwas Unmögliches und zugleich Unnötiges vollbringen will; den Juden zu einem Deutschen zu machen, wie er sich uns etwa als Franke, Niedersachse, Alemanrie, Hesse vorstellt, der sich von diesen nur dadurch unterscheidet, daß er statt der christlichen die mosaische Religion hat. Rein anthropologisch stimmt das nicht; darüber braucht man kein Wort zu verlieren. Der Jude wird anthropologisch immer etwas anderes sein wie der Deutsche in der Partikularausgabe des Stammlichen. Aber das ist in unseren Augen kein Trennungsmoment. Den Primat über alles Anthropologische hat das rein Menschliche. Es ist der Geist, der sich den Körper baut. Der Jude kann trotz seiner anthropologischen Sonderstellung im Rahmen des deutschen Staates — er teilt diese Sonderstellung mit vielen anderen — ein ganz echter Deutscher sein. Und als solche echte Deutsche wollen die Juden angesehen sein. Und es ist wahrlich eine feuilletonistische Firlefanzerei sondergleichen, wenn hier die national-deutschen Juden — man ist immer versucht, deutsch-national zu sagen — mit sich tief gebender Metaphysik dem Gros ihrer Konfessions¬ und Stammesgenossen die deutsche und nationale Gesinnung absprechen wollen, weil sie in dem von den national-deutschen Juden aufgestellten Rayon zeitlich formulierter politischer Fragen anders eingestellt sind. Das ist die nämliche nationalistische Untugend, wie wir sie bei den Völkischen und Hakenkreuzlern antreffen. Was die Herren Dr. Naumann und Genossen an metaphysisch durchleuchteter Grundauffassung des spezifisch Jüdischen und Nationalen aufbringen, grenzt an ganz bedenkliche Rabulistik; so wie sie etwa Thomas Mann in seinem „Zauberberg" den zum Jesuiten transferierten Juden Naphta exerzieren läßt, um nach Mannschem Rezept Juden und Jesuiten zugleich eine Ohrfeige zu verabfolgen. Dr. Naumann und seine national-deutschen Gesinnungsgenossen mögen sich immerhin in den Abgründen ihrer kunstvoll ausgebauten Metaphysik des national-deutschen Judentums umhertummeln—, das schärft den Sinn für Kasuistik und tüftelnde Denkprozesse; aber sie sollen die anderen in Ruhe lassen und nicht den vereinigten Antisemiten das böse Beispiel geben, wie nationale Leute und Politiker, die zusammenhalten sollen, sich diffiziler Problematik halber zum Gaudium der Gegner befehden. Wenn wir zu diesen Dingen überhaupt Stellung nehmen, so nur deshalb, um festzustellen, wie die leidige deutsche Sucht, den politisch anders Eingestellten stets in seiner nationalen Gesinnung verkleinern zu wollen, auch im jüdischen Volksteil um sich greift. Es ist k e i n e aufbauende Arbeit, die hier getrieben wird. Alle Deutschen sollten endlich in sich gehen, und allen, die sich zum Deutschtum, zu ihrem Vaterland und zur Heimat bekennen, die einwandfreie nationale Gesinnung ganz selbstverständlich zuerkennen. An den Pforten der Ewigkeit. Skizzen aus dem religiösen Leben der Juden. Von Binjamin Segel. (Fortsetzung.) Nun kommt das Kaddisch, das berühmte Totengebet, in dem des Todes mit keinem Worte gedacht wird. Diesmal aber heißt es das „Kaddisch der Weltverjüngung". Anstatt der üblichen Form „Erhöht und geheiligt werde Sein großer Name in der Welt, die Er geschaffen hat nach Seinem Willen", lautet es diesmal „in der Welt, die Er dermaleinst verjüngen wird, indem Er die Toten auferstehen heißt und sie einführt ins ewige Leben." Dieser Hymnus ist heutzutage (auch durch das bekannte Heinesche Gedicht) in der ganzen Welt als das spezifische Gebet für das Seelenheil der Verstorbenen bekannt, welches zu verrichten besonders den Söhnen obliegt. Man empfindet es sogar als unstatthaft, wenn ein Sohn es bei Lebzeiten seiner Eltern spricht. In Süddeutschland und in ganz Osteuropa nennen Eltern ihren Sohn, zumal wenn er ein einziger ist, ihren „Kaddisch". Wer ohne männliche Nachkommen aus der Welt geht, von dem heißt es, er habe keinen Kaddisch hinterlassen. Indessen ist diese Funktion der schönen, kurzen Lobpreisung als „Waisen-Kaddisch" (Kaddisch jathom) verhältnismäßig sehr jungen Ursprungs. Vormals war das eine Eulogie, die vornehmlich zum Schluß der Lehrvorträge, besonders aggadischen Charakters, gesprochen wurde. Es war eine alte Gepflogenheit, die öffentlichen Vorträge in den Lehrhäusern mit Trostesworten (nechamah), meist eschatologischer Art. zu schließen. (Daher in Kaddisch das „wenechamatha", welches viel Kopfzerbrechen verursacht hat). Ferner wurde das Kaddisch zum Schluß der Vorlesung aus der Thora beim Gottesdienst, sowie beim Schluß eines jeden Gottesdienstes, eines Vortrages der Psalmen oder der Propheten rezitiert. Seinen Kern und ältesten Teil bildet das „Jehe Schemen rabba", das zuerst im Talmud erwähnt wird. (Daß das Kaddisch nur in einer Versammlung von mindestens zehn erwachsenen Männern gesprochen werden darf, ist späteren Ursprungs). Indessen dürfte auch der Anfangsvers sehr alt sein, da er bekanntlich in das Vaterunser aufgenommen wurde. Die Stellung des Kaddisch in der Liturgie entspricht noch heutzutage seinem Ursprung. So gilt zum Beispiel das Kaddisch vor Musaph eigentlich dem Vortrag des Kapitels aus den Propheten (Haphtara). So beschließt dann auch das „Kaddisch der Weltverjüngung" auf dem Friedhof im Grunde nur die Verse des „Zidduk hadin"; ehemals wurde es nur zu Ehren ausgezeichneter Männer und Frauen gesprochen, „deren Taten es unzweifelhaft erscheinen ließen, daß sie am ewigen Leben und an der Auferstehung teilhaben werden." Aber schon Nachmanides verzeichnet im 13. Jahrhundert den Brauch, es allen Verstorbenen ohne Ausnahme zu widmen. In seiner Zeit war es in Spanien auch üblich, daß dieses Kaddisch im Sterbegemach an allen sieben Trauertagen morgens und abends rezitiert wurde. Als besonderes Gebet der Hinterbliebenen für das Seelenheil ihrer Verstorbenen, gesprochen zum Schluß des alltäglichen Gottesdienstes, in der üblichen Form (mit Hinweglassung des Passus von der Weltverjüngung) ist es nach dem ersten Kreuzzug in den Rheingegenden üblich geworden und hat von dort aus, zusammen mit anderen Bräuchen zum Gedächtnis der Toten, den Weg zu allen anderen jüdischen Gemeinden genommen. * * * Die Vorstejhmg, daß die Hinterbliebenen durch Gebet und gute Taten, besonders Almosenspenden, das Seelenheil ihrer verstorbenen Angehörigen, insofern diese einer Sühne bedürfen, fördern können, ist sehr alt und kommt schon in einer der ältesten Schriften der Talmudischen Literatur vor (Sifre zu Deuteron. 21, 8). Ebenso alt ist die Vorstellung, daß der Leichnam des Verstorbenen im Grabe erst nach 12 Monaten der Verwesung anheimfällt und während dieser Periode die Seele von Zeit zu Zeit herabkommt und das Grab umschwebt. Damit verbindet sich die Beobachtungstatsache, daß der Schmerz um den Verstorbenen erst nach ungefähr einem Jahre sich zu beruhigen pflegt. Aus alledem entstand der schon in der Mischna erwähnte Volksglaube, daß die Sünder im Jenseits zwölf Monate lang gerichtet werden und die verdienten Strafen erdulden müssen, um dann ins Paradies ein- % *