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Die Wahrheit · 1926-07-30 · Heft 32 (30.7.1926) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 32 (30.7.1926)
Date
1926-07-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 OIC WAHRHEIT Air. 32 sieht gekommen sein, daß der Weg, den er gegen die jüdischnationale Politik eingeschlagen hat, ein ganz falscher war — vor allem kein sozialer. National-deutsches Judentum. Der Wiener „Verband natipnaldeuischer Juden" hat es für richtig befunden, durch ein von Albernheiten und Entstellungen strotzendes Plakat wieder einmal seine Existenz zu beweisen, an der schon viele zweifelten. Der an einigen Stellen der Stadt angebrachte Aufruf enthält auch natürlicherweise Angriffe gegen die „Union deutschösterreichischer Juden", gegen die abermals zu antworten, Raum Verschwendung wäre. Aber wie ein bedeutender Katholik, der bekannte deutsche Zen-. trumsführer Adam Röder, dessen Buch an die akademische Jugend „Reaktion und Antisemitismus" großes Aufsehen erregte, über diese Gesellschaft deutschjüdischer Ueberpatrioten denkt, soll unseren Lesern nicht vorenthalten bleiben. In der von ihm geleiteten „Süddeutschen konservativen Korrespondenz" finden wir den folgenden Aufsatz aus seiner Feder: Das deutsche politische Leben bewegt sich auf allerhand merkwürdigen Nebengeleisen, die der Verbindung mit den Hauptgeleisen zwar nicht entbehren, aber trotzdem manchmal so abwegig sind, daß sie sich oft verlieren und dann kaum eine Verbindung mehr mit dem Hauptweg aufzeigen. So gibt es neuerdings ein „national-deutsches Judentum", das außerhalb der geschlossenen Organisation der deutschen Juden, wie sie im Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens vereinigt ist, steht und mit diesem, wie auch mit den Zionisten in erbitterter Fehde lebt. Der Außenstehende vermag diesen Zwist eigentlich nicht zu begreifen. Die nächste Erwägung ist diese: daß das deutsche Judentum eigentlich besseres zu tun hat, als sich in politische Lager zu zerspalten und sich zum Gaudium der Antisemiten gegenseitig mit Schmutz zu bewerfen. Um es aber vorweg zu nehmen: die Angriffe gehen von den „National-Deutschen" aus, die den im Zentralverein Organisierten vorwerfen, daß sie den Trennungsstrich zwischen sich und den Zionisten nicht scharf genug zögen, mit den Ostjuden Mitleid hätten und Zwischenschichtler seien, die es am rechten Herzschlag fürs Deutschtum fehlen lassen. Diese jüdischen National-Deutschen bekennen sich mit einer unangenehm wirkenden Theatralik zu einem for^ eierten Nationalismus; sie wollen — wenn ich die sehr ausführliche Kasuistik in diesen Dingen recht verstehe — wahrscheinlich um in den Augen der Antisemiten als lOOprozentige Nationalisten zu gelten, alles Jüdische, was aus Abstammung und Tradition herrührt, abwerfen und nur den mosaischen Glauben als Unterscheidungsmerkmal gegenüber den christlichen Deutschen gelten lassen. Ich weiß nicht, ob eine solche Transformation des jüdischen Wesens zu einem national-deutschen Typ möglich ist, ohne daß das jüdische Bekenntnis beseitigt wird. Wer unbefangen die Stellung des Judentums innerhalb der übrigen Völker betrachtet, kommt zu dem Ergebnis, daß immer nur das m osaische Bekenntnis, niemals aber die „Rasse" der Grund war, weshalb sich die Juden mit ihren „Wirtsvölkern" nicht verschmolzen. Wir haben in Deutschland alle Rassen, Völker, Stämme assimiliert: Franzosen, Italiener, Spanier, Orientalen, Slawen. Warum? .Weil sie Christen waren. Wären die Juden Christen, würde der Assimilie* rungsprozeß in Deutschland und im übrigen christlichen Europa längst vollzogen sein. Darüber herrscht unter Wissenden und Denkenden nicht der geringste Zweifel. Es gibt nirgends auf der Welt rein-rassige Völker. Und wo sie vorkommen, leben sie in der Dekadenz. Die Völker brauchen, um gesund zu bleiben geistig und körperlich — die Vermischung; weil aus ihr jene Reizsamkeiten des Physiologischen entstehen, und dadurch mittelbar, des Psychologischen, die den Organismus gesund erhalten. Dieses Gesetz gilt auch innerhalb der Nationen und Stämme. Wenn die einzelnen Schichten auf die Dauer sich gegenseitig abschließen, entsteht Entartung. Wir sehen das an den Fürstenhäusern, dem exklusiven Adel, dem isolierten Bauerntum; alle Entartungskrankheiten: sexuelle Perversion, Kropf, Krebs, Nerven- und Geisteskrankheiten, aligemeine Dekadenz sind in solchen Schichten, die unter sich bleiben, daheim. Man hat ja aus diesen Erfahrungen heraus die Verwandtenheiraten verboten. Es ist eines der großen Geheimnisse in der Schöpfung: die Gesundheit der Nation, des Volkes, des Stammes, der Schicht, der Familie an den physiologischen Reiz zu knüpfen, der aus der Aufeinanderwirkung verschieden lokalisierten Rassegutes entsteht. Wollen die national-deutschen Juden einen Assimilierungs-Prozeß erstreben, so können sie darin nur unterstützt werden. So viel ich weiß, stehen aber auch die übrigen Juden einem solchen Assimilierungs-Prozeß nicht fern; ja, er hätte viel stärkere Dimensionen angenommen, wenn der abwegige Antisemitismus nicht viele deutsche jüdische Volksgenossen kopfscheu gemacht hätte. Jedenfalls führt der Kampf, den die nationaldeutschen Juden gegen ihre Konfessionsgenossen führen, nicht zum Ziel. Denn schon die Bezeichnung, die sie sich beilegen: national-deutsch ist für die anderen eine Beleidigung. Diese ganz und gar agitatorisch aufgemachte Metapher besagt doch eigentlich: ihr andern Juden seid nicht nation a 1. Solche böse Schlagwort-Agitation richtet immer nur Unheil an. Man kann gut national-deutsch sein, auch wenn man bestimmten Formen der stammlichen und geschichtlichen Tradition treu bleibt. Das wäre gerade so, als wenn Preußen, Bayern, Franken, Hessen, Schwaben, Pfälzer, Rheinländer, Niedersachsen, Alemannen, Westfalen einander das Deutschtum absprechen wollten, weil sie partikulare Geschichts- und Stammestradition hochhalten. Ein Deutscher ist jeder, der sich zum deutschen Volk, seiner Geschichte und seiner nationalen Kultur bekennt und außerdem die engere Heimat, aus der er stammt, über alles liebt. Diese Forderungen kann man erfüllen, ob man Christ oder Jude, evangelisch oder katholisch, Süddeutscher, Westdeutscher oder Norddeutscher ist. Das Bekenntnis und das rückhaltlose Einstehen für das gemeinsame große deutsche Vaterland ist das einzige Kriterium national-deutscher Gesinnung, Im großen national-deutschen Hause sind viele Wohnungen. Arbeiten wir dafür, daß alle Konfes-

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