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Die Wahrheit · 1926-07-23 · Heft 31 (23.7.1926) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 31 (23.7.1926)
Date
1926-07-23
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 31 DIE WAHRHEIT Seite 9 Ländern gefährliche Dimensionen angenommen habe, unterstütze". Er fügte hinzu, „daß er gegen das kathoiische Prinzip sei, Juden zu verfolgen. Die Juden seien ein göttliches Volk, obwohl ihre höhere Intelligenz rationalistisch sei". Die Genugtuung über die klare und deutliche Stellungnahme des Hauptes der katholischen Christenheit gegen den eine Schande für die ganze Menschheit bildenden Judenhaß wird durch den leisen Tadel, der in der letzten Bemerkung liegt, nicht beeinträchtigt. Es soll nicht geleugnet werden, daß die gegenwärtige rationalistische, oder besser gesagt, materialistische Strömung auch innerhalb der jüdischen Religionsgemeinschaft viele Opfer unter den Gebildeten und Halbgebildeten gefordert hat. Wir erkennen recht gut die Gefahr, die ein zunehmender religiöser Indifferentismus nicht allein für das Judentum, sondern für die ganze Menschheit bedeuten würde, und glauben, daß es eine unabweisliche Aufgabe aller Gottesfürchtigen wäre, unter Zurückstellung alles Trennenden die Menschheit vor dieser Gefahr zu bewahren. Im weiteren Verlaufe seiner Unterredung erinnerte der Papst daran, daß er selbst seinerzeit einen Rabbiner zum Lehrer gehabt habe, da er bei dem Rabbiner P a n a Hebräisch gelernt habe, und daß er während seiner Anwesenheit in Polen mehrmals in j ü d ischen Synagogen gewesen sei. Der Papst schloß seine Rede mit /den Worten: „Ich und einige Kardinäle sind Judenfreunde und unterstützen die „Gesellschaft der Freunde Israels" und den Kampf gegen den Antisemitismus". Es ist eine merkwürdige Erscheinung, daß die kirchlichen Würdenträger umso liberaler werden, je höher ihr Rang ist. Während niedere Geistliche oft selbst mitten drinnen stehen in der antisemitischen Bewegung und von den Kanzeln herab antisemitische Hetzreden halten, bekennt das Haupt der katholischen Kirche klar und offen, daß er ein Freund der Juden sei. Er mißbilligt alle antisemitischen Tendenzen auf das schärfste und stellt sich hierdurch im Gegensatze zu allen jenen katholischen Parteien, die unter der Flagge des Christentums antisemitische Propaganda betreiben, insbesondere auch zu den österreichischen Christlichsozialen, deren Führer erst jüngst wieder betont hat, daß seine Partei eine antisemitische Partei ist. Obwohl er diese Bemerkung durch einige „zwar" und „aber" nachträglich abzuschwächen versuchte, bleibt die Tatsache dennoch bestehen, daß sich Bundeskanzler Prälat Dr. Seipel — als Antisemit bekennt und der Papst . . . als Judenfreund. Die Großstadtpest. So nannte der Sprecher der Großdeutschen, der Salzburger Narjpnalrat C1 e s s i n, im Verlaufe einer der letzten Parlamentsdebatten einen gewissen Teil der Wiener Tagespresse, dessen nähere Anführung wir uns heute ersparen können, und fügte wörtlich hinzu: „Bei uns in den Ländern draußen könnten sich derartige Schund-, Schmutz- und Skandalblätter nicht halten, weil ihnen dort der Leserkreis mangelt." Auch wir sind der Ansicht, daß das Ueberhandnehmen der Preßkorruption eine große Gefahr für Staat und Gesellschaft darstellt und infolgedessen auf das entschiedenste bekämoft werden muß. Anderseits aber glauben wir, daß der Herr Salzburger Nationalrat am allerwenigsten dazu berufen gewesen wäre, den ersten Stein auf die Wiener Schundpresse zu werfen. Denn ungeachtet der stolzen Bemerkung des Herrn Clessin, „daß sich in den Ländern derartige Schundblätter nicht halten", können wir uns nicht der Tatsache verschließen, daß gerade in Salzbuir g, der Heimatstadt des großdeutschen Sprechers, eine ganze Reihe der erbärmlichsten antisemitischen „Schund-, Schmutz- und Skandalblätter" erscheinen, denen doch „der Leserkreis nicht mangelt". Wir führen nur drei dieser Salzburger Giftpflanzen an, deren Treiben in letzter Zeit besonders arg wurde: „Der Eiserne B e s e n." „Der G r o b i a n," „Der Volksru f". Wir raten daher Herrn Clessin, bevor er über die „Wiener Großstadtpest" spricht, zunächst einen Besen zu nehmen und vor der eigenen Tür zu kehren. Allerdings scheint uns der „Eiserne Besen" nicht das geeignete Instrument für diese Reinigungsarbeit zu sein; denn sonst könnte es passieren, daß nach dem Kehren noch mehr Schmutz vorhanden ist als zuvor. Adolf Bartels und die Dichterakademie. Der deutschnationale Literaturapostel Prof. Adolf Bartels ist mit dem Ergebnis der von uns gemeldeten Abstimmung, welche die „Literarische W e 1 t" unter ihren Lesern über die in die deutsche Dichterakademie zu entsendenden Schriftsteller veranstaltete, ebensowenig einverstanden wie mit den durch den Kultusminister Becker erfolgten Ernennungen. Denn weder die literarisch interessierten Kreise, welche sich an obiger Abstimmung beteiligt hatten, noch auch Minister Becker haben sich der Mühe unterzogen, den Stammbaum der Kandidaten erst sorgfältig daraufhin zu untersuchen, ob nicht doch irgendwie semitisches Blut in den Adern derselben rollt. Auf diese Weise geschah es, daß sich sowohl in der Liste der Vorgeschlagenen als auch in der Liste der Ernannten deutsche Dichter und Schriftsteller jüdischer Abkunft befinden, wodurch die Gefahr der „V e rj u d u n g" der deutschen Dichterakademie gegeben erscheint. Adolf Bartels hingegen hat auf Grund eingehender rii.ssebiologischer Studien sine „deutsche Liste" zusammengestellt, in der allerdings viele Namen, die nicht allein in Deutschland, sondern in der ganzen Welt einen guten Klang besitzen, nicht vorhanden sind. Nach Ansicht Prof. Bartels müßte man sich nämlich, um das Eindringen von Fremdblütigen und Mischlingen in die Dichterakademie zu verhindern, bei der Auswahl ihrer Mitglieder von den gleichen Prinzipien leiten lassen wie etwa ein Pferdeliebhaber bei der Zusammenstellung stines Rennstalles. Dann wäre es aber gleich'besser mau gründete statt einer Dichterakademie eine Dichterzuchtanstalt. Halbjuden oder Renegaten nennt der Berichterstatter der „Wiener Morgenzeitung" die in London versammelten liberalen Juden aus allen Ländern der Weit. Er hat sich nicht bemüht, in die Gedankenwelt des liberalen Judentums einzudringen, ja er hat nicht einmal den Versuch unternommen, die Ideen, von denen die bei einer Weltkonferenz in London vereinigten Vertreter des liberalen Judentums durchdrungen sind, näher kennen zu lernen. Eine einzige Stunde der Anwesenheit auf der Konferenz genügte ihm, um zu einem niederschmetternden Urteil zu kommen. Warum können diese fortschrittlich gesinnten Juden keine Gnade finden vor den Augen des jüdischnationalen Berichterstatters? Warum werden sie als Halbjuden oder gar als Renegaten bezeichnet? „Sie stehen ihrem Volkstum unbeschreiblich ferne." Sie sind nämlich der Ansicht, daß Religiosität und Nationalismus nichts miteinander zu tun haben, und das ist es auch, was ihnen den Haß und die Verachtung des jüdischnationalen Berichterstatters zugezogen hat. Und doch wird man dem jüdischen Liberalismus, mag man auch mit seinen Anschauungen nicht ganz einverstanden sein, wohl den Vorzug vor dem jüdischen Nationalismus geben müssen. Man wird sich mit einem fortschrittlichen und freiheitlichen Judentum, das den Geist der Thora mit dem Geiste der neuzeitlichen Kultur zu vereinigen sich bemüht, denn doch eher befreunden können als mit einem ungeistigen Nationalismus. Schon des Umstandes wegen, daß auch der bekannte amerikanische Zionistenführer Rabbiner Stephan W i s e zu den in London weilenden „Halbjuden oder Renegaten" zählt, hätte der Londoner Korrespondent der „Wiener Morgenzeitung" etwas vorsichtiger mit seinem Urteile sein sollen und sich, bevor er ernsten Männern so rundweg das Judentum abspricht, erst selbst die Frage vorlegen sollen, wo das wahre Judentum sei, ob im Kreise derjenigen, die um Gott ringen, oder im Kreise derjenigen, die dies um verschiedene Siegestrophäen tun. Der Berichterstatter konnte jedoch das liberale Judentum nicht verstehen, weil er es nicht verstehen wollte; er war mit seinem Urteil bereits fertig, bevor er den Konferenzort betreten hatte. „Assimi- 1 anten," so lautet das Verdammungsurteil des Nationalbewußten, der sich dessen nicht bewußt werden will, daß sein „Nationalbewußtsein" selbst ein Assimilationsprodukt und noch dazu ein sehr trauriges darstellt. Die Deutsche Erneuerungsgemeinde scheint ihre! vornehmste Aufgabe in der Herausgabe antisemitischer Flugblätter zu erblicken. Sie sorgt auf diese Weise sowohl für die geistige und sittliche Erneuerung des deutschen Volkes als auch für ausgiebige Beschäftigung der Straßenkehrer und Kehrichtsammler. Mitunter müssen sich aber auch die deutschen Gerichte mit den merkwürdigen Erneuerungsmethoden obiger Gemeinde beschäftigen, da die Flugblätter auch Beschimpfungen gegen führende deutsche Politiker enthalten. Diese Flugblätter, die im Verlage Walter Kramer erscheinen, sind voll der unglaublichsten Verleumdungen und Beschimpfungen: es sind traurige Zeugnisse des geistigen und moralischen Tiefstandes derjenigen, die sich zur „Erneuerung des Volkes" berufen fühlen. Eines der Flugblätter zeigt folgendes Bild: Ein Jude mit krausem Haar, großer Nase und krummen Beinen segnet mit Händen, die auf jedem Finger einen blitzenden Brillant tragen, zwei Männer, und zwar einen Sozialdemokraten, dem aus der Tasche das Prakat „Fort mit der Kirche" herausragt, und einen katholischen Geistlichen, der die mit dem Kreuz geschmückte Bibel in der Hand hält. Die beiden Männer reichen

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