Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 31 (23.7.1926)
- Date
- 1926-07-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite g fttfe WAHRH^T Hr. 31 das Attentat erfolglos geblieben, einen rettenden Ausweg finden: Sie erklärte das Attentat als bloße nächtliche Ruhestörung und stört nicht weiter die Attentäter. Jammerschade, daß die Budapester Polizei erst so spät zu dieser zarten Charakteristik von Bombenattentaten gelangt ist, wie gut hätte sie selbst auf gelungene Bombenattentate gepaßt, wie z. B. zu den Mordaffären im Elisabethstädter Club und in Czongrad, bei denen es so viele Tote gab. Ja, noch mehr, jene Attentate bedeuteten allerdings für Hunderte von Anwesenden eine peinliche Ruhestörung, aber als mildernden Umstand hätte man doch gelten lassen müssen, daß diese Attentate einer Anzahl von Personen auch zur — ewigen Ruhe verhohlen hätten. * # * Aurel Csatho, einer der tückischesten antisemitischen Journalisten ist dieser Tage in dem Spital der jüdischen Gemeinde in Budapest gestorben. Als er krank, schwach und arbeitsunfähig geworden, hatten ihn seine antisemitischen Patrone in Stich gelassen und nur jüdische Barmherzigkeit war ihm zu Hilfe gekommen. Der Fall, daß Juden ihren ins Unglück geratenen Feinden Beistand leisten, ereignet sich so häufig, daß es sich wirklich erübrigt, viel Worte darüber zu verlieren. Sie wissen, daß die Judenhasser von Profession selbst aus dem Wohitätigkeitssinn der Juden Verleumdungen gegen sie schmieden, aber das hat noch keinen Juden abgehalten, Gutes zu tun. Sie, die nach der schönen Lehre des Talmuds um das Schwinden der Sünde und nicht um das Verschwinden der Sünder beten dürfen, wünschen auch heute nur, daß der Antisemitismus ausgerottet werde. Der gewesene ungarische Landespolizeichef Nadossy steht im Begriffe, noch während seiner Haft sich nicht nur von seiner ersten Gattin scheiden zu lassen, sondern gleichzeitig auch eine zweite — man kann nicht sagen heimzuführen — doch zu ehelichen. Nadossy erkennt offenbar in beiden Aktionen eine wesentliche Strafmilderung. Beachtenswert aus naheliegenden Gründen ist, daß die zweite Gattin eine Jüdin, und zwar, was allerdings angesichts der obwaltenden Verhältnisse selbstverständlich ist, eine reiche Jüdin ist. Diese Art der Bekämpfung des jüdischen Kapitals, man könnte da vielleicht schon von einer Enteignung sprechen, ist ja eine bei den Antisemiten seit langer Zeit beliebte. Herr von Nadossy beweist durch seine zweite Heirat neuerlich, daß die Verfolgung von Juden und Jüdinnen einen großen Teil seines Lebensinhaltes bildet. Eine der von ihm verfolgten Jüdinnen hat er selbst im Gefängnis erreicht. Ego. Hütet AM« i Je MWI Wahrheiten vom Tage Eine Gewissenlosigkeit sondergleichen ist es, wenn ein fortschrittliches und freiheitliches blatt, ein Blatt, das auch von vielen Juden gelesen wird, einem Manne, der zum Hort aller fortschrittsfeindlichen und antisemitischen Bestrebungen der ganzen Welt geworden ist, in der aufdringlichsten Art und Weise seine Huldigung entgegenbringt. Es ist sehr bedauerlich, wenn ein Blatt, dessen Gründer ein hervorragender jüdischer Journalist war und das auch heute einen jüdischen Herausgeber und zahlreiche jüdische Mitarbeiter besitzt, seine große Vergangenheit, seine liberale Tradition, ja sich selbst so weit vergißt, daß es in seinen Spalten einen Menschen verhimmelt und verherrlicht, der zu den gehässigsten und gefährlichsten Feinden des Judentums zählt, der selbst in zahlreichen Schriften Juden und Judentum geschmäht, verleumdet und beleidigt hat, der mit seinen ungeheuren Mitteln Hakenkreuz, Kassen schütz und Ku-Klux-Klan unterstützt hat. In ihrer Morgenausgabe vom 17. Juli 1926 kündigt die „Neue Freie Presse" in großer Aufmachung „Eine wichtige Veröffentlichung" an, nämlich den „E r s t a bdruck von Artikeln von Henry Ford", den sie als den „größten Geschäftsmann der Welt" bezeichnet. Als Einbegleitung zu dieser Artikelserie bringt sie an hervorragender Stelle einen langen Artikel, der sich in ganz eigenartiger Weise mit der „Persönlichkeit Henry Fords" beschäftigt. Wie man früher Monarchen in allerhöchsten Superlativen gefeiert hatte, so wird jetzt der amerikanische Krösus, dessen Geschäftstüchtigkeit und organisatorische Fähigkeit sicher unbestritten ist, in der überschwänglichsten Weise als Retter und Erlöser gefeiert. Hatte es früher einmal geheißen: „An deutschem (oder sonst irgend einem speziellen Wesen, das von dem gefeierten Staatsoberhaupte gerade verkörpert wurde) wird die Welt genesen", so schreibt die ehemals liberale österreichische Zeitschrift heute: „Die Welt wird sich .fordisieren' und Oesterreich kann und darf nicht zurückbleiben." Worin di#e „Fordisation" bestehen mag, ob etwa in der Hebung der Produktion durch die Herstellung ebenso billiger wie wertloser Massenartikel oder in einem vollkommen mechanisierten Erzeugungsverfahren, bei welchem der Arbeiter Nr. 17.561 sein Leben lang nichts anderes zu machen hat, als den Bolzen Nr. 537 in die Nut Nr. 62 einzufügen, über all das können heute nur Vermutungen angestellt werden. Die Perspektiven, die sich der Welt bei dieser Art von Zwangsgenesungsverfahren in geistiger und kultureller Hinsicht eröffnen, erscheinen daher nicht besonders günstig. Ist es doch bezeichnend, daß selbst eine Ford-Anbeterin wie die „Neue Freie Presse" gestehen muß, daß ihr Heros „kein fanatischer Gläubiger des Schulstudiums ist". „Daher hat Ford," wie es in dem genannten Artikel heißt, „im Gegensatz zu den anderen vielgenannten amerikanischen Üebermilliardären nur wenig Geld für gemeinnützige Zwecke, wie Hochschulen, wissenschaftliche Institute u. dgl. ausgegeben." Wie konnte er denn auch, nachdem er so riesige Summen für gemeinschädliche Zwecke, wie z. B. für den Antisemitismus ausgeben mußte? Davon allerdings erwähnt die „Neue-^ Freie Presse" kein Sterbenswörtchen, und das ist es auch, was wir ihr ganz besonders zum Vorwurfe machen. Denn um ihren Lesern ein vollständiges Bild von der „Persönlichkeit Henry Fords" zu bieten, hätte sie unbedingt auch diese Seite seines Charakters erwähnen müssen. Warum aber hat sie ihren Lesern verheimlicht, daß der von ihr (wie wir glauben wollen, aus keinem anderen Anlaß als aus dem der hochsommerlichen Hitze) über alle Maßen Gefeierte mit dem Makel antisemitischer Gesinnung behaftet ist? Diese Frage beantworten, heißt eines der traurigsten Kapitel des Verfalles des österreichischen Liberalismus berühren: Das Judentum und die liberale Presse. Eine bemerkenswerte Kundgebung des Papstes gegen den Antisemitismus erfolgte bei dem jüngst stattgehabten Empfange de? Monsignore A s e 1 d a n k, des Gründers der katholischen „Gesellschaft der Freunde Israel s". Der Papst erklärte nämlich bei diesem Anlasse, „daß er den Kampf gegen den Antisemitismus, der in einigen katholischen JAC. MAYER Kleider-, Pelzeu. Gummimäntel-Fabrik Zentrale: Detailverkauf: Wien II., Glockengasse 24 Wien II., Taborstraße 4A